sogenanntes Herz. Sie hätte freilich die Hamadryade in einem solchen Giftbaum, durch dessen Saft so viele Amors-Pfeile vergiftet wurden, nicht so nahe anbeten sollen; aber sie und ihre meisten Schwestern werden von den männlichen Vorzügen gegen den männlichen Missbrauch davon verblendet.
Anfangs ging manches gut; die reine Unschuld seiner Schwester und seines Freundes warf ein fremdes Zauberlicht auf den widernatürlichen Bund. Das Vorzüglichste war, dass er als Konzertmeister seiner Liebe wenig mehr von Rabetten bedurfte als die – Ohren; Lieben war bei ihm Sprechen, und Handlungen sah er bloss für die Zeichnung unserer Seele, Worte aber für die Farben an. Es gibt eine doppelte Liebe, die der Empfindung und die des Gegenstandes. – Jene ist mehr die männliche, sie will den Genuss ihres eignen Daseins, der fremde Gegenstand ist ihr nur der mikroskopische Objekt- oder vielmehr Subjekt-Träger, worauf sie ihr Ich vergrössert erblickt; sie kann daher leicht die Gegenstände wechseln lassen, wenn nur die Flamme, in die sie als Brennstoff geworfen werden, hoch fortlodert; und durch Taten, die immer lang, langweilig und beschwerlich sind, geniesset sie sich weniger als durch Worte, die sie zugleich malen und mehren. Hingegen die Liebe des Gegenstandes geniesset und begehret nichts als das Glück desselben (so ist meistens die weibliche und elterliche), und nur Handlungen und Opfer tun ihr Genüge und wohl; sie liebt, um zu beglücken, wenn jene nur beglückt, um zu lieben.
Roquairol hatte sich längst der Liebe der Empfindung gewidmet. Daher musst' er so viel Worte machen. Überhaupt wurde sein Herz erst durch den Transport über die Zunge und Lippe recht feurig und trinkbar; am Rheinfall wär' er nicht von der besten, nämlich gerührtesten Laune gewesen, bloss weil er zum Lobe desselben – da der Fluss alles überdonnert – nichts hätte vorbringen können vor erhabenem Lärm.
Sein Roman mit Rabetten nach der liebes-Erklärung war in verschiedene Kapitel abgeteilt.
Das erste Kapitel bei ihr versüsste er sich dadurch, dass sie ihm neu war und zuhörte und bewundernd gehorchte. Er schilderte ihr darin grosse Stücke von der schönen natur ab, mischte einige nähere Rührungen dazu und küsste sie darauf; so dass sie seine Lippen wirklich in zwei Gestalten genoss, in der redenden und in der handelnden; von ihr wollt' er, wie gesagt, nur ein Paar offne Ohren. In diesem Kapitel nahm er noch einige Möglichkeit ihrer – Heirat an; die Männer vermengen so leicht den Reiz einer neuen Liebe mit dem Wert und der Dauer derselben.
Er machte sich an sein zweites Kapitel und schwamm darin selig in den Tränen, aus denen er es zu schreiben suchte. In der Tat gewährte ihm diese Augenlust mehr wahre Freude als fast die besten Kapitel. Wenn er so neben ihr sass und trank – denn wie ein totes Fürsten-Herz begrub er gern sein lebendes in Kelche – und nun anfing zu malen sein Leben, besonders seinen Tod, und seine Leiden und Irrtümer vorher und seinen Selbst- und Knabenmord auf der Redoute und seine weggestossene Liebe für Linda: wer war da mehr zu Tränen bewegt als er selber? – Niemand als Rabette, deren Augen – durch ihren Vater und Bruder so wenig mit Männertränen bekannt geworden als mit Elefanten-, Hirsch- und Krokodilstränen – desto reicher in seine Trauer und Liebe, aber nicht so süss als bitter überströmten. Das goss wieder neues in seine Flamme und Lampe, bis er am Ende wie jener Schüler des Hexenmeisters von Goete die Besen, welche wasser zutrugen, nicht mehr regieren konnte. Poetische Naturen haben eine mitleidige; gleich der Justiz besolden sie neben der Folterbank einen Wundarzt, der die gebrochnen Glieder sogleich wieder ordnet, ja sogar vorher die Stellen der Quetschungen reguliert.
Der Mann sollte nie seinetwegen, ausgenommen vor Entzückung, weinen. Aber Dichter und alle Leute von vieler Phantasie sind Zauberer, welche – gerade als Widerspiele der verbrannten Zauberinnen – leichter weinen, obwohl mehr vor Bildern als vor dem rohen, wunden Unglück selber, um die armen Zauberinnen auf die schlimmste Wasserprobe zu setzen. Trauet nicht! Auf dem Machinellen-Giftbaum werden die Regentropfen giftig, die von seinen Blättern rollen.
Indes muss es nie verschwiegen werden, dass der Hauptmann in diesem zweiten Kapitel seinen Entschluss bestärkte, die gute und so weiche Rabette wirklich zu – ehelichen; "du weisst," (sagt' er zu sich) "was im ganzen an den Weibern ist, ein paar Mängel auf oder ab tun wenig; deine männliche Narrheit, sie wie die Zins- und Deputattiere ohne Fehl zu fodern, ist doch wohl vorüber, Freund." –
Jetzt setzt' er sich hin, um zu seinem dritten Kapitel einzutunken, worin er spasste. Seine Lippen-Allmacht über das zuhorchende Herz erquickt' ihn dermassen, dass er häufige Versuche machte, ob sie sich nicht halb tot lachen könnte. Weiber nehmen in der Liebe aus Schwäche und Feuer das Lachkraut am leichtesten; sie halten den komischen Heldendichter noch mehr für ihren Helden – und beweisen damit die Unschuld ihres Auslachens. Aber Roquairol liebte die Lachende weniger.
In seinem vierten Kapitel – oder Sektor, oder Hundsposttag, oder Zettelkasten, oder wie ich sonst (lächerlich genug) statt der Zykel abteile – in seiner vierten Jobelperiode, sag' ich, hielt es sozusagen härter mit ihm. Rabette wurde' es endlich gewohnt und satt, dass er immer abstieg und den zwischen den Rädern hängenden Teertopf der Tränendrüse aufmachte,