den Herbst und den Winter während meiner Abwesenheit bei ihrer Freundin, der Prinzessin Julienne, zubringt und noch dazu eher ankommt als ich: so lasse dich es nicht frappieren, dass sie deiner Bekanntschaft ausweicht, weil sich ihr weiblicher und ihr persönlicher Stolz durch den gauklerischen Gebrauch ihres Namens gekränkt und geraFürstin vorhabe, eine kleine Kunstreise nach Rom noch im Herbste zu machen, zu der ich dich einlade und im Oktober selber abhole. Die übrige Reisegesellschaft wird dir nicht missfallen, da sie aus lauter tüchtigen Kunstkennern besteht, Herrn v. Bouverot, Herrn Kunstrat Fraischdörfer, Herrn Bibliotekar Schoppe (wenn er will). Leider muss Herr v. Augusti als Lektor zurückbleiben. Dein Lehrer in Rom (Dian) erwartet dich mit vieler sehnsucht. Man hat mir geschrieben, dass du die neue Hofdame der guten Fürstin, fräulein v. Fr., deren ich mich als einer sehr braven Zeichnerin entsinne, besonders begünstigest. Es wird dich daher interessieren, dass die Fürstin sie auch mitnimmt, zumal da ihr, wie ich höre, eine Gesundheitsreise so nötig ist wie mir. – Im Frühling, der ohnehin nicht die schönste Jahreszeit in Italien ist, kehrest du wieder zu deinen Studien nach Deutschland zurück. – Noch etwas im Vertrauen, mein Bester! Man hat meiner Mündel, der Gräfin von Romeiro, deine Geister-Visionen aus Pestitz unverhohlen mitgeteilt. Da sie nun den Herbst und den Winter während meiner Abwesenheit bei ihrer Freundin, der Prinzessin Julienne, zubringt und noch dazu eher ankommt als ich: so lasse dich es nicht frappieren, dass sie deiner Bekanntschaft ausweicht, weil sich ihr weiblicher und ihr persönlicher Stolz durch den gauklerischen Gebrauch ihres Namens gekränkt und gerade zur Widerlegung der Gaukler recht aufgefodert findet. In der Tat konnte man – wenn die Spielerei anders einen ernstaftern Zweck hat – wohl kein schlechteres Mittel dazu erwählen. – Du wirst tun, was die Ehre gebietet, und ob sie gleich meine Mündel ist, sie nicht zudringlich aufsuchen. Alles bleibt unter uns. Addio!
G. v. C."
Diese Aussichten – die erhebende, neben dem Vater so lange zu sein – die heilende, aus dieser tiefen Asche herauszuwaten in ein freieres, leichteres Land – die schmeichelnde, dass das kranke, geplagte Herz im Bergschlosse vielleicht in Zitronen- und Lorbeerwäldern Freude und Genesung wieder finde, auch wohl wieder gebe – diese Aussichten waren, was die Freuden der Menschen sind, sehr schöne Spaziergänge im hof des Gefängnisses.
Auf diesem frohen Spaziergange störte ihn bald das Bild der kommenden Linda – aber nicht seinet-, sondern seiner armen Schwester und seines Freundes wegen. Wie feindselig muss dieses fremde Irrlicht, dachte' er, in den nächtlichen Kampf aller gegeneinander rennenden Verhältnisse hüpfen! Roquairol schien ohnehin die zu heftig liebende Rabette mit ihren einsamen Wünschen allein zu lassen; sie schickte wöchentlich ihre durch einen Einschluss an Albano – sonst war es umgekehrt –, briefliche Seufzer und Tränen, die er alle kalt einsteckte, ohne von ihnen oder der Verlassenen zu sprechen.
Albano – im stillen Lianen und Rabetten abwägend – beklagte selber das ungleiche Los seines übereilten Freundes, über dessen Sonnenpferde nur eine Amazone und Titanide, aber nicht ein gutes Landmädchen den Zügel werfen konnte und dessen Psyches- und Donnerwagen ihm zu gut schien zu einem blossen ehelichen Post- oder Kinderwagen. Erwürgend wird sich alles durcheinanderschlingen, dachte' er, wenn er, am Traualtar mit Rabetten kniend, zufällig aufsieht und unter den Zuschauerinnen die unvergessliche hohe Braut seiner ganzen Jugend findet und laut das entsagende Ja ausstammeln muss!
Er war daher zweifelhaft, ob er ihm den Inhalt des briefes entdecken dürfe, aber doch nicht lange; "soll ich dem Freund" (sagt' er) "verhehlen und vorgaukeln? Darf ich ihn als schwach voraussetzen und die Beschleunigung der Verhältnisse scheuen, die doch mit Ihr kommen?"
Sobald Karl zu ihm kam, sagt' er ihm zuerst die Abreise und sogar die Bitte um dessen Mitreise; bewegt von der ersten Trennung seines Jugendfreundes. Der Hauptmann – dessen Herz immer den Sangboden der Phantasie zum Anklang brauchte – war auf der Stelle nicht vermögend, beträchtliche Empfindungen über den Abschied zu haben und zu malen. Da gab ihm Albano – über die Lippe konnte' er es nicht bringen – den ganzen Brief.
Unter dem Lesen wurde Roquairols ganzes Gesicht hässlich, sogar in des Freundes Auge. – Er schleuderte dann ein so flammendes Zornauge gegen Albano, dass dieser es erwiderte unwillkürlich und unwissend. "O, wahrlich, ich verstehe' alles" (sagte Karl) – "So musst' es sich lösen. Warte nur bis morgen!" Alle Muskeln an ihm waren rege, alle Züge irre, alles bewegt, so wie im heftigen Gewitter kleine Wölkchen umeinander wirbeln. Albano wollte ihn fragen und halten. "Morgen, morgen!" rief er und stürmte davon.
87. Zykel
Am Morgen erhielt Albano einen sonderbaren Brief von Roquairol, zu dessen Verständnis einige Nachrichten von seinem Verhältnis mit Rabetten vorausstehen müssen.
Nichts ist schwerer, wenn man seinen Freund recht liebt, als dessen Schwester kaum anzusehen. Nichts ist leichter – nur das Umgekehrte ausgenommen – als nach der Entzauberung durch, Stadterzen die Bezauberung durch Landherzen. Nichts ist einem Simultanliebhaber, der alle liebt, natürlicher als die Liebe gegen eine darunter. Es braucht nicht erwiesen zu werden, dass der Hauptmann in allen drei Fällen auf einmal gewesen, da er zum ersten Male zu Rabetten sagte, sie habe sein