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Sie sind schlecht und gottlos gegen ein blindes Mädchenwas wollen Sie? – Justa! hilft mir denn niemand? – Ach, du guter Gott, gib mir meine Augen!" (rief sie fliehend, unwissend wohin und eingeholt) "Bouverot! du böser Geist!" rief sie, abwehrend an Orten, wo er nicht war. Er, wie das Schiesspulver, kühlend auf der Zunge und sengend und zerschmetternd, wenn ihn die Gier zündete, stellte sich in einiger Schlag-Weite von ihr, warf ein Maler-Auge auf das reizende Wallen und Beugen ihres aufgestürmten Blumenflors und sagte ruhig mit jener Milde, die der ätzenden und fressenden Milch der Schwämme ähnlich ist: "Nur ruhig, Schönste! Ich bin es noch; und was hälf' Ihnen alles, Kind?"

Taumelnd vom Schlangenhauch der Angst, fing die irre natur zu singen an, aber lauter Anfänge. "Freude, schöner Götterfunken" – "Ich bin ein deutsches Mädchen" – sie lief herum und sang wieder: "Kennst du das Land" – "Du böser Geist!"

Jetzt bäumte sich die damit geschmeichelte Riesenschlange auf ihren kalten Ringen mit zückender Zunge in die Höhe, um hinzuschiessen und zu umflechten: "Mon coeur" (sagte die Schlange, die immer in der leidenschaft französisch sprach) "vole sur cette bouche qui enchante tous les sens." – "Mutter!" (rief sie) – "Karoline! – O Gott, lasse mich sehen! O Gott, meine Augen!" Da gab der Alliebende sie ihr wieder; die Qual der natur, die lauten Anstalten des Begräbnisses öffneten der Scheinleiche wieder las Auge.

Wie behend entflog sie aus der Marterkammer! Das getäuschte Raubtier rechnete auf Blindheit und Verirrung fort. Aber da Bouverot sah, dass sie leicht die Treppe zum welschen dach hinaufstürze: so schickte er bloss das herbeilaufende Mädchen ihr nach, damit sie keinen Schaden nehme; und hielt jetzt wieder die bisherige Blindheit für Verstellung. Er selber holte aus dem Zimmer den Miniatur-Riss ab und schleppte sich wie ein hungriges, verwundetes Ungeheuer verdrüsslich und langsam aus dem haus hinaus.

Zwanzigste Jobelperiode

Gaspards Brief-Trennungen

86. Zykel

"Sie sieht wieder", rief Karl im Freudenrausche am Morgen darauf dem Grafen zu, ohne sich um alle kalte Verhältnisse der letzten Zeit zu bekümmern; und war ganz der Alte. Seine Feindschaft war hinfälliger als seine Liebe, denn jene wohnte bei ihm auf dem Eise, das bald zerfloss, diese auf dem Flüssigen, worauf er immer schiffte. Errötend fragte Albano, wer der Augenarzt gewesen. "Gutgemeinter Schreck" (sagt' er) – "der deutsche Herr tat, als wollt' er sie malen, als meine Eltern auf Verabredung nicht da warenoder malt' er sie wirklichich weiss jetzt alles nur verwirrtauf einmal hörte sie eine fremde Mannsstimme, und Schreck und Furcht wirkten natürlich wie elektrische Schläge." Obgleich der Hauptmann alle Stimmen nur verworren unten auf dem Meersboden in sein flutendes Meer hinunterhörte: so hatte' er doch diesmal richtig gehört; denn Liane hatte von ihrer Mutter das Zuhüllen der Martergeschichte errungen, um ihrem Bruder den Anlass zu entziehen, ihr seine Liebe durch einen Zweikampf mit ihrem Widersacher zu beweisen.

Albano behielt viele fragen über die dunkle geschichte in seiner Brust; und brach das Gespräch durch seine Reisebeschreibung ab.

Nach einigen Tagen hört' er, dass Liane mit ihrer Mutter die Stadt verlasse und ein über Blumenbühl liegendes Bergschloss einer alten einsamen Edelwitwe beziehe. Auf dem reinen land sollte wieder Licht in ihr Leben einfallen, und die mütterliche Hand sollte dessen nachdunkelnde Farben neu übermalen. Der Minister, der sonst wie alte Menschen und alte Haare schwer zu kräuseln und zu formen war, wurde in der letzteren tiefen Fallgrube des Schicksals ganz mutlos angetroffen, so dass er Lianen, die auch darin gefangen war, nicht auffrass, sondern sie ziehen liess. Die ganze geschichte wurde vor dem Publikum wie die Mauer eines Parks sehr verdeckt und umblümt. Nur der Lektor wusste sie ganz, aber er konnte schweigen. Er foderte im Namen der Mutter vom deutschen Herrn das Miniaturbild zurück; dieser gab an dessen Statt kalte, leere Lügen; doch konnte Augusti, von Mutter und Tochter gebeten, sich beherrschen und die Ausfoderung, womit er für alles Rache nehmen wollte, ihnen opfern.

Unsern Freund traf jetzt, seitdem sein Gewissen über den Zufall des Erfolgs besänftigt war, der Schmerz über seine leere Gegenwart neu und unvermischt; die teuerste Seele ging ihn nichts mehr an; seine Stunden wurden nicht mehr harmonisch vom Glockenspiel der Dichtkunst und Liebe ausgeschlagen, sondern einförmig von der Turmuhr der Alltäglichkeit. Daher flüchtete er sich zu Männern und zur Freundschaft, gleichsam unter die neben dem Schuttaufen des Brandes noch grünenden Bäume; Weiber floh er, weil sie ihn, wie fremde Kinder eine Mutter, die ihres verloren, zu schmerzlich erinnerten. Wie heiter geht dagegen ein Simultanliebhaber, der nur Allerseelen- und Allerheiligenfeste feiert, ordentlich neugeboren umher, wenn er sich endlich aus einem fassenden Herzen glücklich ausgehenkt und er nun alle weibliche Gestalten wieder mit der Ansicht eingelöster Güter überzählen kann! Schon das Gefühl dieser Freiheit kann ihn ermuntern, sich öfter, um es wieder zu schmecken, einem weiblichen Herzen als Gefangnen zu überliefern.

Albano verlief sich an Roquairols und Schoppens Händen in wilde Männerfestedie das Sphären-Echo der Freude auf der Heerpauke vortragen wollen –; es