Lust und Galle denklich. Bouverots ganze Vergangenheit und Lebens-Geschichtbücher müssten – wie die von Herodot den neun Musen – so den drei Parzen, jeder eines, zugeeignet werden.
Er schlich ins Fenster, setzte sich und sein FarbenKästchen hin und fing hastig zu punktieren an. Unterdessen liess sich Liane von ihrem sehr gebildeten, belesenen Kammermädchen aus dem zweiten Bande der Oeuvres spirituelles von Fenelon vorlesen. Zefision rührte der Erzbischof gar nicht – was er etwa von reiner Liebe (sur le pur amour de Dieu) vernahm, setzt' er zu unreiner durch Anwendungen um und liess sich teuflisch entzünden durch das Göttliche – was übrigens rührend war in Lianens Bezug, liess er an seinen Ort gestellt, da er jetzt zu malen hatte. Hässlich leckten seine vielfärbigen Panter-Augen gleich roten, scharfen Tigerzungen über das süsse, weiche Antlitz! – "Liebe Justa, hör auf, das Lesen wird dir sauer, du atmest so kurz!" sagte sie endlich, weil sie den Porträtmaler atmen hörte. Es war für ihn kein Opfer, sondern ein Vor-Genuss, ein süsser Imbiss, den Kuss dieser zarten, kleinen Hand und Lippe und die ganze Schaustellung seines brennenden Herzens hinauszusetzen, bis er ihren Abriss mit den Gift-Tinten auf das weisse Elfenbein durch die schnelle Dupfmaschine seiner Hand abpunktieret sah.
Endlich hatte' er sie Bunt auf Weiss. "Gut, liebe Justa," (sagte sie) "die Gebetglocke läutet, du kannst nichts mehr sehen. Führe mich lieber zum Instrument" – nämlich zur Harmonika. Sie tats. Bouverot gab Justen einen Scheide-Wink – sie tats wieder. Der gelbe Gartenkanker lief nun auf die zarte, weisse Blume zu. – Der Kanker hörte ihren Abend-Choral nicht ohne Vergnügen, und das betende Aufschlagen ihrer zerstörten Augen schien ihm eine recht malerische idee, die der true Painter143 dem ElfenbeinStück einzuverleiben beschloss, wenn es gehen würde.
"Schöne Göttin!" rief er plötzlich mit Albanos gestohlner stimme unter jene heiligen Töne, die einmal Albano in einer frohern Stunde, aber edler unterbrochen hatte. Sie horchte erschrocken auf, aber ungläubig an ihr Ohr in dieser Nacht. Das Staunen missfiel dem Prospektmaler – denn ihr Gesicht war sein Prospekt – ganz und gar nicht; "erinnere dich an diese Harmonika im Donnerhäuschen." Er verwechselte es mit dem Wasserhäuschen. – "Sie hier, Graf? – Justa! wo bist du?" rief sie ängstlich. – "Justa, kommen Sie her!" rief er dazu nach. Das Mädchen folgte seiner stimme und seinem – Auge. "Gnädiges fräulein?" fragte sie. Aber jetzt hatte Liane nicht den Mut, sie um die Pforte und das Einlassbillet des Grafen zu fragen. Mit dem Liebhaber französisch zu sprechen, ging nicht, da es die Jungfer verstand; daher verbot man auch in Wien in den Revolutionsjahren einsichtig diese Sprache, weil sie so zuverlässig eine gewisse Gleichheit – die Freiheit folgt – zwischen dem Adel und der Dienerschaft pestartig ausbreitet.
Boshaft und freudig erinnerte Bouverot, dem sie
jetzt über den Grafen ein brauchbares Misstrauen zu verraten schien, das seiner Charaktermaske einen freiern Spielraum anwies, die Sinnende an ihre Befehle für Justa; sie musste sie nun Licht holen lassen.
"Infidele," (fing er darauf an) "ich habe alle Hin
dernisse überwunden, um mich Ihnen zu Füssen zu werfen und Ihre Vergebung zu erflehen. Je m'en flatte à tort peut-être, mais je l'ose" (fuhr er fort, heftiger durch sie gemacht) – "O cruelle! de grâce, pourquoi ces regards, ces mouvements? – Je suis ton Alban, et il t'aime encore – Pense à Blumenbühl, ce séjour charmant – Ingrate, j'espérois de te trouver um peu plus reconnaissante. – Souviens-toi de ce que tu m'a promis" (sagt' er, um sie auszufragen) "quand tu me pressas contre ton sein divin....."
Eine reine Seele spiegelt, ohne sich zu beflecken,
die unreine ab und fühlt unwissend die quälende Nähe, so wie Tauben, sagt man, sich in reinem Gewässer baden, um darin die Bilder der schwebenden Raubvögel zu sehen. Der kurze Atem, der wankende Sprachton, jedes Wort und ein unerklärliches Etwas trieben das schreckliche Gespenst nahe vor ihre Seele, den Argwohn, es sei Albano nicht. Sie fuhr auf "Wer sind Sie? Gott, Sie sind der Graf nicht. Justa, Justa!" – – "Wer wär' es sonst," (versetzt' er kalt) "der sich meinen Namen geben dürfte? Oh, je voudrais que je ne le fuss pas. Vous m'avez écrit que l'espérance est la lune de la vie – Ah, ma lune s'est couchée; mais j'adore encore le soleil qui l'éclaire."
Hier fasste er die Hand dieser verfinsterten, mit einem Drachen kämpfenden Sonne. – Da entdeckten ihr seine weggenagten Fingernägel und die dürren Finger und ein vorbeistreifendes Berühren seines Ordenskreuzes den wahren Namen. Sie riss sich schreiend los und lief weg, ohne zu sehen wohin, und geriet wieder an seine Hand. Er riss ihre heftig an die magern heissen Lefzen hinauf: "Ja, ich bin es" (sagt' er) "und liebe Sie mehr als Ihr Graf mit seiner étourderie."
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