die mütterliche Wache, sein Auge blitzte in ihres wider das "Ihnen", und die heissen Blicke wollten aus ihrem bewegten Gesicht das aufhaltende Rätsel ziehen. Die Not gebot Kraft; sie fing an.
"Hier" – (stammelte sie und konnte zitternd das Körbchen kaum aufbringen) – "Ihre Briefe an mich!" Er nahm sie sanft. "Ich hab' Ihnen entsagt," (fuhr sie fort) "meine Eltern sind nicht schuld, wenn sie gleich unsere Liebe nicht wollten – ein Geheimnis betrifft bloss Sie und Ihr Glück – das hat mich bezwungen, dass ich von Ihnen schied und von jeder Freude." – – "Ihre Briefe wollen Sie auch" – – sagt' er. "Meine Eltern – - " sagte sie. "Das Geheimnis über mich" – – sagt' er. – "Ein Schwur bindet mich" – sagte sie. – "Heute nachts in der Kirche zu Blumenbühl vor dem Priester" – fragt' er. Sie deckte ihre Hand auf die Augen und nickte langsam.
"O Gott!" (rief er laut weinend) – "Das ist es mit dem Leben und der Freude und aller Treue? – so? – Wie habt ihr gelogen" (er sah seine Briefe an) "von ewiger Treue und Liebe. – Wen habt ihr denn gemeint, ihr höllischen Lügner?" Er warf sie weg. Liane wollte sie aufheben, er trat stark darauf und sah die Erschrockene bitter an; – nun geriet er in Sturm und goss, wie ein Schöpfrad unter dem Giessen schöpfend, seine brausende, leidende Brust aus und hörte grausam gar nicht auf mit den Gemälden seiner Liebe, ihrer Schwäche, ihrer Kälte, seines Schmerzes, ihrer vorigen Eide und ihres jetzigen meineidigen über sein geheimnisvolles Glück, das er ja nicht wolle. Ihr Schweigen trieb ihn wilder um. Ihr schnelles heftiges Atmen hört' er nicht.
"Quäle dich nicht. Es ist nun alles unmöglich", antwortete sie bittend. "O," (sagt' er zornig) "die Änderung will ich nicht wieder ändern; denn der Lektor und der Pfaffe würden wieder das ändern!" Er geriet nun in die männliche Verstockung und Herzensstarrsucht; der Strom der Liebe hing als ein gefrorner zakkiger Wasserfall über den Felsen.
"Ich dachte nicht, dass du so hart wärest", sagte sie und lächelte fremd. "Noch härter bin ich" (sagt' er) – "ich rede, wie du handelst." – "Hör auf, hör auf, Albano – es wird mir so finster – o, zu meiner Mutter will ich gleich", rief sie plötzlich; die zwei alten, schwarzen Spinnen, vom Schicksal herabgelassen, standen wieder über ihren schönen Augen und überzogen sie, emsig-spinnend, immer dichter; und Über die goldnen Streifen des Lebens wuchs schon grauer Schimmel her.
"Es ist die Sonnenfinsternis", sagt' er, das Erblinden der matt glänzenden Sichel des Sonnenviertels zuschreibend. Er sah oben im blauen Himmel den Mond-Klumpen wie einen Leichenstein in die reine Sonne geworfen – nicht einmal recht schattige, sondern entnervte Schatten lebten im ungewissen, grauen Lichte – die Vögel flatterten scheu umher – kalte Schauder spielten wie Geister der Mittagsstunde im kleinen, matten Scheine, der weder Sonnen- noch Mondlicht war. Dunkel, dunkel lag dem Jüngling das Leben vor, im langen schwarzmarmornen Säulengang der Jahre schritten die Schmerzen als Pantertiere heran und wurden hell gefleckt unter den weglaufenden Sonnenblicken der Vergangenheit.
"Das passet ja recht für heute," (fuhr er fort) "eine solche schnelle Nacht ohne Abendröte – Lilar muss heute zugedeckt werden – blick hinauf zum Mond, wie er sich schwarz über die Sonne gewälzt hat, sonst war er auch unser Freund – O, mach es noch finsterer, ganz Nacht!"
"Albano, schone, ich bin unschuldig, und ich bin blind – wo ist der Tempel und die Mutter?" rief sie jammernd: die Spinnen hatten die nassen Augen voll Tränen zugewebt.
"Bei dem Teufel; es ist die Sonnenfinsternis", sagt' er und schaute in das blind herumirrende bange Gesicht und erriet alles; aber er konnte nicht weinen, er konnte nicht trösten. Der schwarze Tiger des grausamsten Schmerzes hing an seine Brust geklammert, und er trug ihn fort. "Nein, nein," (sagte Liane) "ich bin blind und bin auch unschuldig."
Der frohe, beschenkte Pollux hatte einen bettelnden Stummen nachgeführt, der mit der läutenden Stummenglocke folgte: "Der stumme Mann kann nur nichts sagen", sagte Pollux. – Liane rief: "Mutter, Mutter! Mein Traum kommt, das Totenglöcklein läutet."
Die Ministerin stürzte heraus. "Ihre Tochter" (sagte Albano) "ist wieder blind, und Gott strafe den Vater und die Mutter und wer daran schuld ist am Elend." – "Was gibt es?" rief der schnell heraustretende Spener, der vorhin das Zusammenwandeln gesehen und zur Mutter gekommen war. "Eine Unglückliche, Euer Werk auch!" versetzte Albano.
"Lebe wohl, unglückliche Liane!" sagt' er und wollte scheiden; stand aber, und nachdem er das gefolterte schöne Gesicht, das mit den blinden Augen weinte, starr angeblickt, rief er: "Entsetzlich!" und ging. Lange lag er oben im Donnerhäuschen auf den Armen mit