, wie man vom Paradiesvogel sagt, so lange im Himmel gerade empor, bis es tot herunterfällt.
Sie zeigte der Mutter fast eine fieberhafte Heiterkeit, einen Sonnenschein am letzten Tage des Jahres. Sie sagte, wie es sie erquicke, dass sie nun mit ihrer lieben Mutter von ihren vorigen schönen Tagen frei reden dürfe – sie malte ihr Albanos glühendes, grosses Herz, und wie er die Opfer verdiene und die "Perlenstunden", die sie zusammen gelebt. "Im grund ist" (sagte sie heiter, aber so, dass dem Zuhörer Tränen ankamen) "ja nichts davon vorbei, Erinnerungen dauern länger als Gegenwart, wie ich Blüten viele Jahre konservieret habe, aber keine Früchte." Ja, es gibt zarte weibliche Seelen, die sich nur in den Blüten des Weingartens der Freude berauschen, wie andere erst in den Beeren des Weinbergs. Des Lektors Billet kam an mit der Nachricht, dass Albano sie in Lilar erwarte.
Jetzt, da die Stunde der Zusammenkunft so dicht anrückte, wurde' ihr immer banger. "Wenn ich ihn nur überreden kann," (sagte sie) "dass ich als ein rechtschaffenes Mädchen gehandelt habe." Ehe sie ihr Morgenzimmer gegen den Trauerwagen vertauschte, legte sie darin alles zum Zeichnen zurecht, wenn sie wiederkäme; sie habe, sagte sie, einen sehr bösen Traum gehabt, aber sie hoffe, er treffe nicht ein.
Sie stieg mit ihrem Arbeitskörbchen, worin die Briefe lagen, am arme in den Wagen, den man aufmachen musste, weil seine schwüle Luft sie drückte. Aber die Schwüle atmete ihr Geist, und alles Schöne, was ihr begegnete, wurde' ihr heute zur betäubenden Giftblume. Sie fasste und drückte furchtsam immer die Hand der Mutter, weil sie jeder Schrei, jede schnell vorüberlaufende Gestalt wie ein Sturmvogel rauschend überflatterte; ein Ausrufer schnitt mit seinem rohen Ton in ihre Nerven; sie bebten nur erst sanfter wieder, da ein Geistlicher und sein Diener mit dem Krankenkelch für den Abendtrank der müden Menschen vorübergingen. O, der schöne Weg wurde' ihr lang! Sie musste das zerfallende Herz, das recht fest und bestimmt mit dem Geliebten reden sollte, so lange mit ermattenden Kräften zusammenhalten.
Der Himmel war blau, und doch merkten beide es nicht, dass es ohne Wolken anfange dunkel zu werden, da der Mond schon mit seiner Nacht an der Sonne stand. Als sie über die Waldbrücke in das lebendige Lilar fuhren, wo an allen Zweigen die alten Brautkleider einer geschmückten Vergangenheit hingen, sagte Liane mit Heftigkeit zur Mutter: "Um Gottes Willen nicht ins alte Toten-Schloss!"141 – "Wohin denn aber? Er ist dahin bestellt" sagte die Mutter. – "Überall hin – in den Traumtempel – Er sieht uns schon, dort geht er auf den Toren", sagte sie. "Gott der Allmächtige sei mit dir, und sprich nicht lange", sagte die weinende Mutter, als sie von ihr in den Tempel ging, in dessen Spiegeln sie der Trennung der unschuldigen Menschen zuschauen konnte.
Albano kam langsam oben in den Gängen daher, er hatte sein Auge von Tränen rein gemacht und sein Herz von Stürmen. O, wie hatte' er bisher wie ein lang umhergetriebner Seefahrer in seine dunklen Wolken hineingesehen, um zwischen ihren Nebelspitzen die Bergspitze eines festen grünen Landes auszufinden! dass er heute so viel, nämlich alles verlieren sollte, so weit waren seine traurigsten Schlüsse nicht gegangen; ja er bewahrte so viel Ruhe, dass er oben den kleinen nachtanzenden Pollux nicht bedrohend, sondern beschenkend zurückschaffte.
Endlich stand er mit zuckenden Lippen vor der geliebten schönen Gestalt, die kindlich, bleich, zitternd und das Arbeitskörbchen bewachend, ihn ein wenig anblickte und dann mit ihren niederfallenden Augen kämpfte. Da schmolz sein Herz; die Flut der alten Liebe rauschte hoch in sein Leben zurück. "Liane," (sagt' er im sanftesten Ton, und seine Augen tropften) "bist du noch meine Liane? Ich bin noch wie sonst; und du hast dich auch nicht verändert?" – Aber sie konnte nicht Nein sagen. In die Pulsader ihres Lebens wurde geschnitten, und Tränen sprangen auf statt Blut. Seine gute Gestalt, seine bekannte Bruder-stimme standen wieder so nahe an ihr, und seine Hand hielt ihre wieder, und doch war alles vorbei, ein heisser Sonnenblick streifte über ihr voriges, blumiges Gartenleben und zeigt' es wehmütig erleuchtet, aber es lag fern von ihr. "Lass uns" (fuhr er fort) "jetzt stark sein in diesem sonderbaren Wiedersehen – sage mir recht kurz alles, warum du bisher so schwiegest und so tatest – ich habe nichts zu sagen – dann sei alles vergessen." – Er hatte unbewusst ihre Hand erhoben, aber die Hand drückte sich nieder und zitterte dabei. "Zitterst du oder ich?" sagt' er. – "Ich, Albano," (sagte sie) "aber nicht aus Schuld; ich bin treu, o Gott, ich bin treu bis in den Tod." – Er sah sie irrend an. "Ihnen, Ihnen bin ichs, aber alles ist vorbei", rief sie verwirrt und verwirrend. "Nein"- (setzte sie gebietend dazu, als er zufällig mit ihr aus der Perspektive des Traum-Tempels gehen wollte) – "nein, meine Mutter will uns sehen, dort aus dem Traumtempel."
Er wurde rot über