, als ich vermag."
Sie dankte dem Lektor so warm und froh für den Pfeil aus Spanien, dass dieser unfähig war, hart genug zu sein, um dessen schwarz vergiftetes Ende in das schöne Herz zu stossen. Sie bat ihn, zu seiner Schonung nicht bei ihrer festen Erklärung gegen ihren Vater zu sein, lieber höchstens zu ihrer und der mütterlichen die ihrige gegen die Mutter zu übernehmen. Er willigte bloss in – beides, statt in eines.
Die sanfte Gestalt trat ruhig vor ihren Vater hin und brachte, vor keinem Blitz und Donner zusammenfahrend, ihre Erklärung zu Ende, dass sie ihre gemissbilligte Liebe hart bereue, dass sie alle Strafen tragen und alles opfern, alles hier und bei der Fürstin tun und lassen wolle, wie "cher père" fodern würde, dass sie aber länger nicht den schuldlosen Grafen v. Zesara beleidigen dürfe durch den Schein des pflichtwidrigsten Abfalls. Auf diese Anrede konnte der Minister – der sich durch das bisherige folgsame Entalten sehr von labenden Erwartungen hatte heben lassen –, unten auf dem Boden ausgestreckt, von seinem tarpejischen Felsen dahin geworfen, keinen weitern laut von sich geben als diesen; "Imbécile! du heiratest den Herrn v. Bouverot – er malt dich morgen – du sitzest ihm." Er zog sie mit harter Hand und drei entsetzlich langen Schritten zur Ministerin: "Sie bleibt" (sagt' er) "in ihrem Zimmer bewacht, niemand darf zu ihr ausser mein Schwiegersohn – er will die Imbécile malen en miniature. – Geh, Imbécile!" sagte er ausser sich. Ihr gänzlicher Mangel an weiblicher Verschlagenheit hatte wirklich für den Staatsmann eine Decke über ihr tiefes, scharfes Auge gezogen; ein gerader Mensch und Verstand gleicht einer geraden Allee, die nur halb so gross erscheint als eine auf krummen Wegen laufende.
Der Lektor, der nie für einen besonderen Liebhaber ehelicher Lusttreffen wollte angesehen sein, hatte sich schon fortgemacht. Der dreissigjährige Krieg der Gatten – nur wenige Jahre fehlten daran – gewann Leben und Zufuhr. Der alte Ehemann verbreitete über sein Gesicht jenes zuckende Lächeln, das bei einigen Menschen der Zuckung des Korkholzes ähnlicht, welche das Anbeissen des Fisches ansagt. Er fragte, ob er nun wohl unrecht gehabt, weder der Tochter noch der Mutter – die er beide eines parteigängerischen Einverständnisses gegen ihn beschuldigte zu trauen; und versicherte nun, nach solchen Proben wären ihm weder strengere Massregeln zu verargen noch ein gerades Losgehen auf sein Ziel, und mit dem Sitzen, um das ihn der deutsche Herr schon zweimal gebeten, höb' er an. Die Ministerin schwieg zu Lianens Strafe über ein so übergrosses Geschenk an Bouverot, wie ein Miniaturbild ist.
Die zarte Tochter, gedrängt und zerquetscht zwischen steinernen, zuschreitenden Statuen, stellte der Mutter vor, sie sei unmöglich imstande, ein so langes männliches Anblicken auszuhalten, und am wenigsten von Herrn v. Bouverot, dessen Blicke oft wie Stiche in ihre Seele führen. Hierauf antwortete und retorquierte in der Mutter Namen der Vater dadurch, dass er einen Sessel an den Sekretär hinzog und auf der Stelle den deutschen Herrn auf morgen einlud zum Malen. Dann wurde Liane mit einem Worte fortgeschickt, das sogar aus dieser weichen Blume den Blitz eines kurzen Hasses zog.
Das Reichsfriedensprotokoll lag jetzt vor beiden Gatten aufgeschlagen; und es fehlte bloss an jemand, der diktierte, als die Ministerin aufstand und sagte: "Sie sollen mich mehr achten lernen."
Sie liess anspannen und fuhr zum Hofprediger Spener. Sie kannte Lianens achtung für ihn und seine Allmacht über ihr frommes Gemüt. Sogar ihr selber imponiert' er noch. Aus jener frühern teologischen Zeit, wo noch der luterische Beichtvater näher an dem katolischen regierte, hatte' er durch die Kraft und Grossmut seines Charakters einen Hirtenstab, der vom Bischofsstabe sich bloss im bessern Holze unterschied, herübergebracht. Sie musst' ihm Lianens Verhältnisse zweimal erzählen; der feurige, erzürnte Greis konnte eine Liebe gar nicht fassen und glauben, die sich sogar vor seinen alten Augen sollte fortgesponnen haben ohne sein Wissen. "ihr Exzellenz" (antwortete er endlich) "haben freilich gefehlet, dass Sie mir diese importante Begebenheit erst heute mitteilen. Wie leicht würde' ich alles durch Gottes hülfe zu einem gesegneten Ausgang geleitet haben! Es ist aber nichts verloren. Senden ihr Exzellenz das fräulein noch diese Nacht zu mir, aber allein, ohne Sie; das muss geschehen; dann steh' ich für das übrige!"
Einwendungen und Bedenklichkeiten würden bloss den Ehrgeiz und Zorn des Greises – welche beide unter dem Eis seiner Haare fortarbeiteten – entzündet haben; sie sagte ihm also vertrauend alles zu mit jenem Gehorsam, den sie auch auf Lianen vererbet hatte.
Recht hoffend nahm Liane den Befehl der Nachtreise zum guten frommen Vater auf. Sie fuhr bloss mit ihrem ergebenen Mädchen ab. Mit tiefbewegter Seele erschien sie vor ihrem Beichtvater. Sie eröffnete sich ihm wie einem Gott; er entschied ebenso. Welch ein Anblick für ein anderes, weniger stolzes Auge als das Spenersche wäre diese demütige, aber gefasste Heilige gewesen, deren Herz immer wie der Sonnenstrahl am schönsten in der Zerspaltung erschien!
Aber hier geht die geschichte in Schleiern! Der Greis befahl ihrem Mädchen zurückzubleiben und nahm sie allein in das stumme Blumenbühl hinüber. Er schloss ihr die Kirche auf, zündete noch eine Kerze auf dem Altare an, damit das wüste Dunkel ihrem scheuen Auge nichts vorspiele, und vollendete, was die Eltern nicht konnten.
Wie er es erzwang, dass sie auf