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Lianens Gesicht und arme nach der Tiefe umgestürzt, weil das Sternrohr alles umgekehrt erscheinen liess.

Albano bat schaudernd den Astronomen, dahin zu schauen. Auch dieser sah die Erscheinungen, ihm aber namenlose. "Es sind wohl Leute in der Kirche", sagt' er gleichgültig. Aber Albano stürzte hinabkaum konnte' ihm der verwunderte Astronom die Einladung auf die morgendliche totale Sonnenfinsternis nachrufenund rannte auf Blumenbühl zu. Wie sich sein Herz unter dem Rennen und am meisten in Vertiefungen, worin er die erleuchtete Kirche verlor, abarbeitete, das bleibt verhüllt, weil es sich ihm selber verhüllte unter seinem Sturm. Endlich sah er die weisse Kirche vor sich, aber die Kirchenfenster waren ohne alles Licht. Er klopfte hart an die eiserne Kirch-tür und rief: "Aufgemacht!" Er hörte nur den Nachhall in der leeren Kirche und nichts weiter.

So ging er mit der stürmenden Vergangenheit in seiner Brust durch die schlafende Nacht zurückdie Erde war ihm eine Geisterinsel, die Geisterinseln waren ihm Erdensein Wesen, seine Stadt Gottes brannte ab, fühlt' er.

Sie lag am Morgen noch in völliger Glut, als der Lektor zu ihm kam und ihm die unbegreifliche Bitte von Lianen brachte, dass sie ihn gegen die Mittagszeit allein in Lilar zu sprechen wünsche. Er wurde diesesmal nicht gegen den verdächtigen Boten erzürnt und sagte voll Verwunderung Ja. Mit welchen kühnen, abenteuerlichen Formen steigt unser Lebens-Gewölke den Himmel hinan, eh' es verschwindet!

80. Zykel

Lasset uns zu Lianen gehen, wo die Rätsel wohnen! – Am Morgen nach der erleuchteten Nacht fühlte sie erst die grausame Anspannung nach, womit sie ihren Eltern das Versprechen des Schweigens gehalten; mit aufgelöseten Kräften sank sie darnieder, aber auch mit feuriger erneueter Treue. "Womit" (sagte sie sich immerfort) "hatte' es denn dieser edle Mensch verdient, dass ich ihm seinen ganzen Abend voll Schmerzen machte? – Wie oft sah er mich bittend und richtend an! – O, hätt' ich dein schönes Haupt halten dürfen, da du es schwer an die rauhe Fichten-Rinde lehntest!" – Was sie in der schweren Mitternacht am wehmütigsten gemacht, war sein stummes Verschwinden gewesen; wie oft hatte sie nach seinem aussen mit Lampen erleuchteten Donnerhäuschen hinaufgesehen, wo innen nur Finsternis am Fenster lag! Jetzt fühlte sie, wie nah' er ihrer Seele wohne; und sie weinte den ganzen Morgen über die Nacht, und der Strahl der Liebe stach sie immer heisser, so wie Brennspiegel die Sonne stärker vor uns legen, wenn sie gerade nach Regen niederblickt. Die Mutter wurde' ihr heute für das opfernde wortaltende Gestern durch zurückkommende, vertrauende Liebe dankbarobwohl der Vater mit nichts, da man bei ihm so wenig wie bei den ältern Luteranern durch gute Werke selig wurde, sondern nur durch den Mangel derselben verdammt –; aber eben jetzt, wo die Eltern aus der Nacht die neuesten Hoffnungen der Entsagung geschöpfet hatten, konnte die Tochter keiner einzigen schmeicheln.

Wie oft dachte sie an Gaspards Brief! – Ist er ein abgedrückter Pfeil, der mit der Wunde an der GiftSpitze auf dem langsamen Weg von Spanien nach Deutschland ist, oder das freundliche Licht eines nie gesehenen Fixsternes, das erst auf der weiten Bahn zu uns heruntergeht?

Augusti hatte aber den Brief schon vor der Illuminationsnacht erhalten, allein nur Ursachen gefunden, ihn nicht zu übergeben. Hier ist er:

"Ich muss Ihre Ängstlichkeit sehr schätzen, ohne sie anzunehmen. Albanos Liebe für das F. v. Fr., an dem ich schon sonst sozusagen eine gewisse Virtuosität in der Tugend recht gern bemerkte, stellet uns und ihn gegen den Einfluss der Geister-Maschinerie und gegen anderweitige Verbindungen sicher, die für seine Studien und sein warmes Blut wohl bedenklicher wären. Nur muss man dergleichen Jugend-Spiele ihrem eignen Gange überlassen. Hält er an ihr zu fest: so mag er zusehen, wie sich die Sache entwickelt. Warum sollen wir ihm diese Freude noch verkürzen, da Sie mir ohnehin leider die Kränklichkeit des schönen Wesens klagen? Im Späterbste sehe' ich ihn. Seine kräftige, brave natur wird wohl zu entraten wissen. Versichern Sie das Froulaysche Haus meiner besten Gesinnungen.

G. d. C."

Der Lektor hätte gern dieses Papier in die Papiermühle geworfen, da so wenig daran "ostensible" war. Zwar Gaspards mörderisch geschliffne Ironie über Lianens Kränklichkeit blieb, wenn er ihr das Schreiben zeigte, für diese arglose Friedensfürstin in der Scheide; – auch der Nordwind des Egoismus, der das Blatt durchstrich, wurde von der Liebenden, da er doch für Albanos frohe Lebensfahrt ein günstiger Seitenwind war, nicht gefühlt oder geachtet; – aber eben darum; denn sie konnte Gaspards verdecktes Nein für ein Ja ansehen und sich gerade in das Seil tödlich verwirren, woran der Freund sie aus ihrem steilen Abgrund ziehen wollen.

Indes der Brief musste übergeben werdenaber er tats mit langen, scheuen Weigerungen, die ihr gleichsam den Schleier von dem bedeckten Nein wegziehen sollten. Sie las ihn furchtsam, lächelte weinend bei der mörderischen Ironie und sagte sanft: ja wohl! – Der Lektor hatte schon eine halbe Hoffnung im Auge. "Wenn der Ritter" (sagte sie) "so denkt, darf ichs denn weniger? Nein, guter Albano, nun bleib' ich dir treu! Mein Leben ist so kurz, darum sei es ihm so lange erfreulich und gewidmet