er auf einer kalten Wolke sein Schlachtfeld mit funkelnden Augen überblickte, fast gelächelt haben über alle die Freuden und Ernten, die rings um ihn darniederliegen.
In Blumenbühl drückt Rabette in einsamen Ecken gewaltsam ihre hände mit zitternden Armen ineinander und haucht die Kalkwand an, um die Tränen-Röte wegzuwaschen – Aus Lilar kommt düster Albano, blickt die Erde statt der Menschen an und auf der Sternwarte begierig den Himmel und sucht keinen Freund – Roquairol treibt Pferde und Reiter zusammen und macht sich ausser Lands einen lustigen, trunknen Abend – Augusti schüttelt den Kopf über Briefe aus Spanien und sinnt verdrüsslich, aber tief nach – Liane lehnt in einem Schlafsessel, zerknickt mit dem gegen die Schulter fallenden Angesicht, worauf nichts mehrblüht als die Unschuld – der Vater schreitet rotbraun auf und ab, sie antwortet nur schwach, indem sie die gefalteten hände von Zeit zu Zeit ein wenig hebt – – Vor dem Nachtgeist auf der Wolke geht die Menschen-Zeit schnell als ein dahinfliegendes Flügelpaar ohne Schnabel und Schweif; der Geist hat die ferne Woche neben sich, wo Albano nachts auf der Sternwarte sieht, dass in der Blumenbühler Kirche ein Altarlicht brennt, dass Liane darin mit aufgehobnen Händen kniet und dass ein alter Mann die seinigen auf ihre heitere, glänzende Stirn auflegt, die sich mit tränenlosen Augen gegen Himmel richtet.
Der Geist sieht tiefer in die Monate hinab, vor Lust kreiset er sich um sich und grinset über alle umliegenden Wohn- und Lustörter der Menschen; oft lacht er um alle seine offnen Höllenzähne herum, nur zuweilen knirscht er sie bedeckt unter dem Lippenfleisch...
Seht weg – denn auch das sieht und will es – und tretet herab von dem winterlichen Gespenst unter die warmen Menschen und auf die feste Wirklichkeit, wo die fliegende Zeit wie die fliegende Erde auf ruhenden Wurzeln zu liegen und wo nur die Ewigkeit wie die Sonne zu kommen scheint.
Albanos Wunde, die seinen ganzen inneren Menschen durchschnitt, könnt ihr am besten am Verbande messen, den er um sie zu bringen suchte. Aus dem Troste und Selbst-Truge wird unser Schmerz erraten. Am Morgen liess er die Schmerzen durcheinanderreden und lag still vor ihrem Leichengeschrei als die Leiche; dann stand er auf und sagte so zu sich: "Nur eines von beiden ist möglich: entweder sie ist mir noch getreu, und nur die Eltern zwingen sie jetzt – dann muss man diese wieder bezwingen, und da ist gar nichts zu jammern –; oder sie ist mir aus irgendeiner Schwäche etwa gegen die wütigen und geliebten Eltern nicht mehr treu, oder aus Kälte gegen mich, oder aus Religiosität, Irrtum und so weiter – dann sehe' ich" (fuhr er fort und suchte die beiden Füsse tiefer und fester in den Boden einzutreten, ohne doch einen Widerhalt zu haben) "weiter nichts zu tun als nichts, nicht ein plärrender Säugling, ein ächzender Siechling, sondern ein eiserner Mann zu sein – nicht blutig zu weinen über ein vergangnes Herz, über die tiefe Todesasche auf allen Feldern und Pflanzungen meiner Jugend und über meinen ungeheuern Schmerz." So betört' er sich und hielt das Bedürfnis des Trostes für die Gegenwart desselben.
Jeden Abend besuchte er die Sternwarte ausser der Stadt auf der Blumenbühler Höhe. Er fand den alten, einsamen, magern, ewig rechnenden, weib- und kinderlosen Sternwärtel immer freundlich und unbefangen wie ein Kind, nichts fragend nach Kriegszeitungen, Modejournalen und Poesien; und nirgends für sein Vergnügen Geld ausgebend ausser auf der Post an Bode und Zach. Aber funkelnd blickte das alte Auge unter den sparsamen Augenbraunen in den Himmel, und poetisch erhob sich ihm Herz und Zunge, wenn er von der höchsten irdischen Stelle, dem lichten Himmel über der schwarzen, tiefen Erde, sprach – von dem unübersehlichen Welt-Meer ohne Ufer, worein der Geist, der vergeblich überfliegen will, ermüdet sinke und dessen Ebbe und Flut nur der Unendliche sehe unten an seinem Trone – und von der Hoffnung auf den Sternenhimmel nach dem tod, den dann keine Erdscheibe wie jetzt durchschneide, sondern der sich um sich selber ohne Anfang und Ende wölbe.
Wenn Sokrates den stolzen Alcibiades durch die Erdkarte verkleinerte: so muss, wenn die Himmelskarte diese selber vernichtet, unser Stolz und Schmerz auf ihr noch mehr erröten. Albano schämte sich, an sich zu denken, wenn er aufsah in die ungeheuere aufsteigende Nacht über ihm, worin Tage und Morgenröten stehen und ziehen. – Er erhob sich und seinen Lehrer, wenn er davon sprach, wie jetzt droben in der Unermesslichkeit Frühlinge und Paradiese junger Welten und donnernde Sonnen und zusammenbrennende Erden durcheinanderfliegen, und wir stehen hier unten als Taube unter dem erhabnen Orkan, und der brausende Gewitterguss zeigt sich uns in dieser Ferne nur als ein stiller, stehender weisser Regenbogen auf der Nacht.
Sooft Albanos grosses Auge vom Himmel kam, fand es die Erde heller und leichter. Endlich aber kam die Nacht, die der feindselige Geist schon so lange erlebt. Es war schon sehr spät und der Himmel ganz heiter, die Nebelflecken drangen sich als höhere Marktflecken näher heran, der Himmel schien mehr weiss als blau, Albano dachte an die verborgne Geliebte, die neben ihm den Himmel und ihn noch mehr heiligen würde durch ihr Herz voll unaufhörlicher Gebete: als er plötzlich durch das niedersinkende Sternrohr in der Blumenbühler Kirche Licht erblickte – die Fürstengruft offen – Lianen am Altare kniend mit aufgehobnen Händen – und einen alten Mann neben ihr, sie gleichsam einsegnend – – Fürchterlich standen die Kerzenflammen und