den bogigen Triumphtoren standen Lichter wie herabgezogne Himmelswagen – und hinter ihm die schwarze Klostermauer des Tartarus, der erhaben in seinen Gipfeln nur einzelne Lichtchen zeigte – und drüben die stillen, schlafenden Berge in der Nacht und hier das laute Leben der Menschen, mit den Nachtschmetterlingen um die Lampen spielend!
So erschafft sich in uns das Feuer selber den Sturmwind, der es noch höher jagt. Neben ihm liefen die Töne und sagten ihm jeden Gedanken, den er töten wollte. Wie der Mensch sich selber sieht, so hört er sich selber oft vor dem Tone.
Jetzt ging Liane in einiger Ferne von der Menge mit Augusti "Ich will mit ihr reden, so ist es aus", sagt' er zu sich. Als er neben ihr kämpfend und ringend ging: merkt' er wohl, dass sie wieder unter fremde Zuhörer zurückwollte. "Liane, was hab' ich dir denn getan?" sagte er mit dem Seelentone eines zärtlichen Herzens, bitter des Lektors Gegenwart und Kräfte verachtend. "Verlangen Sie nur heute keine Antwort, lieber Graf", sagte sie zurückkehrend und nahm eilig Augustis Arm; aber er merkte nicht, dass sie es tat, um nicht zu sinken. Hier warf er auf diesen einen Flammenblick, hoffend, beleidigt und dann gerächt zu werden verliess sie hastig und stumm – den süssesten liebes-Wein hatte ein heisser Strahl zu Essig geschärft – und er verlief sich, ohn' es zu wissen, in den TraumTempel.
Er ging darin auf und ab, murmelte: "Je ne suis qu'un songe"; wurde aber bald vom Hasse der mitlaufenden Spiegel-Ichs hinausgetrieben in den Tartarus und von dem nachfliegenden ewigen Frühling der Töne, der ihm jetzt neben dem umgeackerten Blumenbeete des Lebens so unerträglich war.
Im Tartarus fand er alle Anstalten des Schreckens sehr kleinlich und lächerlich. Da kamen ihm unweit des Katakombenganges Roquairol und Rabette entgegen. Roquairols flammendes Gesicht erlosch, und Rabetten ihres kehrte sich rückwärts, da Albano heftig gegen sie hinschritt und, durch die Erinnerung gleichzeitiger Himmel mehr erbittert und durch das Anwehen in seine glühenden Ruinen aufflammend, den Hauptmann anpackte: "Bist du ein Freund? – Bist du kein Teufel? – – Du hast mich auf diesen Abend verwiesen; nie, nie rede ein Wort mehr von ihm!" – Beide zitterten bestürzt und entfärbt; Albano schrieb das Erbleichen und Abwenden, ohne weiter nachzudenken, ihrem Anteile an seiner Marter zu. Welche verwirrende, feindselige Nacht!
Er schweifte immer weiter, ihn peinigte das nachleckende Freudenfeuer der Töne unsäglich – lügende entgegenflatternde Tropikvögel der schönern wärmern Zone waren sie ihm – "Ich will ja bloss in mein Bette, sobald es nur still wird drinnen!" – Er war eine halbe Meile weit, als das Lilarsche Tönen ihm noch immer nachzog; er drückte grimmig die Ohren zu, aber Lilar spielte darin noch fort – da merkte er, dass er nur sich höre. Aber immer war ihm, als müsste sich das lustige Geklingle wie im Don Juan auflösen in das Zetergetöne von Geistern.
Fürchterlich spitz lief ihm die Allee der künftigen Tage zu, da er nun aus ihnen den Mond seines himmels, der schon über sein kindisches Herz und über die Blumenbühler Pfade geleuchtet, herausriss. Der blühende, hüpfende Genius seiner Vergangenheit schlich ungesehen, den Freudenkranz bloss in der Hand, hinter ihm weg, indes er mit dem vor ihm gehenden schwarzen Engel der Zukunft kämpfte, der ihn nachschleppte durch brausende Waldungen – durch schläfrige Dörfer – durch nasse, triefende Täler. – Endlich sah Albano gegen Himmel unter die ewigen, unzähligen Sterne, zu dem hängenden Blüten-Garten Gottes: "Ich schäme mich vor euch nicht," sagt' er, "weil ich auf dieser Kugel weine und gepresset bin vor eurer Unermesslichkeit – droben steht ihr alle weit auseinander – und auf allen grossen Welten hat jeder arme Geist doch nur eine kleine Stelle unter seinen Füssen, wo er glücklich oder elend wird. – Ist nur diese Nacht vorbei und ich ins Bette: morgen bin ich gewiss ein Mann und fest!"
Plötzlich hört' er mehrmals einen fast erbitterten Klageschrei. Endlich erblickt' er neben einem Flusse ausgestreckte weisse Ärmel oder arme; er ging an die weibliche Gestalt. "Ich bin leider Gottes blind", sagte sie; "ich war auch mit bei der Illumination und bin irre gelaufen – ich kenne sonst Weg und Steg, drüben liegt unser Dorf, ich höre den Hirtenhund – aber ich kann den Steg übers wasser nicht finden." Es war die erwachsene Blinde von der Sennenhütte. "Gehts noch lustig da zu?" fragt' er unter dem führen. "Alles aus", sagte sie. Am Rosanastege liess sie sich aus Eitelkeit nicht weiter zurechtweisen.
Er kehrte durch die schönen, schon vom Morgen tauenden Gebüsche auf eine Höhe vor Lilar – alles war still drunten – wenige zerstreuete Lampen flakkerten im Flötental, und noch am Tartarus das Paar wie Todes-Tigeraugen – er ging in das leere Land hinunter über das stumme, platte Grab hinweg – seinen finstern, sinkend-steigenden Höhlengang hinauf – und in sein Bette hinein. "Morgen!" sagt' er kräftig und meinte seine Standhaftigkeit.
Achtzehnte Jobelperiode
Gaspards Brief – die Blumenbühler Kirche –
die Sonnen- und Seelenfinsternis
79. Zykel
Wenn in der vorigen Nacht ein feindseliger fremder Geist die Menschen hinter Augenbinden hart widereinander und auseinander jagte: so wird er am Morgen darauf, wenn