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sie Latein der Dichter wegen gelernt hatte.

Bouverot sagte den Vers gar aus, um den Sinn doppelsinnig zu machen:

"– nec quarta loqui persona laboret."140

Niemand verstand das letztere als der Lektor und die Fürstin. "Warum sind an jenem haus" (fragte sie) "keine Lampen, wer wohnt da?" Sie meinte Speners Haus. Liane beantwortete nur das letztere und schloss das warme Bild mit den Worten: "Er lebt für die Unsterblichkeit." – "Was schreibt er?" fragte die missverstehende Fürstin; und Liane musste eine christliche Erklärung geben, worüber die Ungläubige lächelte. Es erhob sich sogar für und gegen den ewigen Schlaf ein Streit, der nicht viel weniger Zeit wegnahm, als sie brauchten, um das Donnerhäuschen zu umkreisen. Die Fürstin fing an: "Wir würden gegen unsern täglichen Schlaf ebensoviel, wenn er nicht da wäre, einzuwenden wissen wie gegen den ewigen." – "Noch mehr aber gegen das Erwachen daraus", griff Albano ein und kürzte die Religionsunruhen ab.

Die Fürstin kam auf den ihr durch die lange Trauer über ihren verstorbnen Schwiegervater auffallenden Spener wieder nachfragend zurück; und Liane, des mütterlichen Beifalls gewiss, ergoss sich in einen Strom der Rede und Rührungihren Augen war einer verboten –, der ein erhabenes Bild ihres Lehrers vorübertrug. Wie erschütterte die Erhabenheit dieser so weichen, zarten Seele ihren Freund! So richten sich im blassen, kleinen Mond und Abendsterne höhere Gebürge als auf der grösseren Erde auf! – "Sie war auch einmal für dich begeistert, aber nun nicht mehr", sagte Albano zu sich und blieb hinter allen zurück, weil seine Seele schon längst voll Schmerzen war und weil ihm jetzt die Fürstin zu missfallen anfing.

Er stellte sich allein und sah dem rauschenden, leuchtenden Waffentanze der Freude zu. Die Kinder liefen beglänzt durch den Lärm und im hellgrünen Laub. Die Töne schwebten, zu einem Kranze ineinandergeschlungen, hoch in ihrem Äter über den lauten Menschen fest und sangen ihnen ihre Himmelslieder herab. Nur in mir, sagt' er sich, wälzen die Töne und die Lichter den Schmerz hin und her, in niemand weiter, in Ihr gar nicht; sie hat für alle das alte erfreuende Liebesherz mitgebracht, für mich nicht; sie hat bisher nicht gelitten, sie blüht genesen. Er bedachte aber nicht, dass ja auch seine Kämpfe keinen Tropfen wasser in das dunkle Rot seiner Jugend gegossen; in Lianen konnten Wunden aus solchen Kämpfen nur wie jene der geritzten Aphrodite die weissen Rosen zu roten färben.

Aber er nahm sich vor, ein Mann zu bleiben vor so vielen Augen und die Entscheidung und Lianens Einsamkeit abzuwarten. Er wechselte daher mit seinen Pflege-Verwandten aus Blumenbühl mehrere verständige Worte; – er sagte zu Rabetten: "Nicht wahr, es gefällt dir?" – er schreckte ohne Willen den um einige neue Gesichter aus Haarhaar schwebenden Hauptmann mit der nichtsmeinenden Frage auf: "Warum lässest du meine Schwester so allein?"

Aber sooft er hinübersah zu Lianen, die heute in ihrem langen Schleier als die einzige ohne schwere dicke Gala-Hülse, gleichsam als eine junge, atmende, weiche Gestalt unter steinernen angestrichnen Statuen ging, so verschämt-beschämend, wie eine Zitternadel glänzend und bebend, so oft wälzten sich Flammenklumpen in ihm los. Die leidenschaft wirft uns, wie die Epilepsie oft ihre Elenden, gerade an gefährliche Stellen des Lebens, an Ufer und Klüfte hin. Er lehnte den Kopf an einen Baum, ein wenig gebückt; da kam Karl aus seinen Freuden-Walzern daher und fragte ihn erschrocken, was ihn so erzürne; denn das Niederbücken hatte auf sein straffes, markiges Gesicht düstere, wilde Schatten geworfen; "nichts", sagt' er, und das Gesicht leuchtete mild, da er es emporhob. Jetzt kam auch die unbedachtsame Rabette und wollte ihn in die Freude ziehen und sagte: "Dir fehlt was!" – "Du", versetzt' er und sah sie sehr zornig an.

"Geh in den finstern Eichenhain an Gaspards Felsen!" (rief sein Herz) "dein Vater beugte sich nie; sei sein Sohn!" Er schritt durch die Glanz-Welt darauf hin; aber als er innen in der Finsternis mit dem kopf am Felsen lehnte und die Töne neckend hereinspielten und er sich dachte, wie er eine so edle Seele geliebet hätte, o wie sehr: so war es, als sag' etwas in ihm: "Jetzt hast du deinen ersten Schmerz: auf der Welt!"

Wie bei dem Erdbeben Türen springen und Glokken schlagen: so riss bei dem Gedanken "erster Schmerz" seine Seele auseinander, und harte Tränen schlugen nieder. Aber er wunderte sich, dass er sich weinen hörte, und trocknete erzürnt das Gesicht am kalten Moose ab.

Schwächer, nicht härter trat er in das zauberische, mit glimmenden Edelsteinen beworfene Land heraus und unter die trunkener entgegenhüpfenden Töne, die die Seele wegreissen und aufheben und auf Höhen stellen wollten, damit sie in weite Frühlinge des Lebens hinunterschauete! Hier auf diesem sonst seligen Boden sah er die zerrissene, zertretene Perlenschnur seiner künftigen Tage liegen. "O, wie wir an diesem Abende hätten selig sein können!" dachte' er und sah ins helle Laubhüttenfest, in das vergoldete, aber lebendige Laubwerkin den grünen umherirrenden Widerschein, vom Nachtwinde gewiegtund in das Lauffeuer brennender Gebüsche in den fliessenden Wassernauf