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Entfernung als Scharwachen und Observationschöre nachzuziehenund halten sich nicht am Schlosstore 7 Brautpaare als 7 Bitten und Busspsalme auf und tragen ihr auf einem Lasterstein von Atlas ein fatales Pereat-Karmen136 von mir selber verfasset, ein Dekret vom 19. Juni entgegen, des Effekts ganz ungewiss?"

"Recht!" sagt' er, als der ganze Zug zu einer leichtern Übersicht für die in den Schlossfenstern liegende herrschaft zum zweiten Male den Schlosshof durchreisete, – "die verdoppelte Dosis soll durchgreifen." Schoppens Hoffnungen nahmen am wenigsten ab, als gar obenweil Gala warman sich lange verborgen und verschwiegen hielt und endlich der Fürst als Sieger, aber müde von Hofkavaliers herabgebracht wurde in die Kapelle, um öffentlich für den Zurückzug der feindlichen Macht zu danken; ja als bald darauf auch die Braut nachdrang, aber von Kammerherren an den Armen zurückgehalten, sogar an der Schleppe von ihren Hofdamen zurückgezogen: so konnte der Bibliotekar leicht ohne Sorgen bleiben.

Albanos bewegte, wallende Seele spiegelte die verworrene Hof-Welt noch wilder und unförmlicher zurück, als sie war. Er hörte es, wie die fürstlichen Vettern, sogar der künftige Tron- und Stuhlfolger, dem Vetter Luigi Glück zur Gesundheit, Vermählung und nächsten Zukunft wünschten, ob sie gleich durch ihren Freund Bouverotein lebendiges Sukzessionspulverihm von diesen drei Dingen hatten so viel nehmen lassen, dass sie ihm eben ihre kaltblütige Verwandtin als die Kronwache ihrer nahen Tronfolge zugeben konnten. Er hörte dieselben Hochzeitgesänge von allen Hof-Pestitzern, die, wie ein Muskel, ein besonderes Bestreben äusserten, sich kurz zu machen. Er sah, wie der Fürstobwohl mit dem Gefühle, bald in seiner Fett- oder Wassersucht zu ersaufenalle Lügen leicht und kalt und schadenfroh dahinnahm – – O, müssen nicht die Fürsten, dachte' er, selber lügen, weil sie ewig belogen, selber schmeicheln lernen, weil sie immer geschmeichelt werden? – Er selber konnte sichs nicht abgewinnen, nur den kleinsten Scherf eines lügenden Glückwunsches in den allgemeinen Lügen-Fiskus zu werfen.

Die Fürstin warf dem Grafensooft es ging und fast öfter zwei Blicke oder Worte zu; denn dieser Blühende erinnerte unter den Tron-Küstenbewohnern, von denen man leichter ein Echo als eine Antwort hört, allein an seinen kräftigen Vater. Der Hauptmann brachte einigemalweil er gleich allen Schwärmern wie die Schaben und Grillen die Wärme liebte und das Licht floh und weil ihn alle Menschen von blossem verstand drücktenden Tadel zu Albano, dass die Fürstin ihm mit ihrem kalten witzigen verstand missfalle; aber der Graf konnteaus achtung für die väterliche Geliebte und aus Hass gegen ihre Opferpriester und Schächterein Wesen nur bedauern, das vielleicht jetzt hassen muss, weil seine grösste Liebe unterging. Wie viele edle Weiber, die es sonst für höher hielten zu bewundern als bewundert zu werden, wurden kräftig, kenntnisreich, beinahe gross, aber unglücklich und kokett und kalt, weil sie nur ein Paar arme fanden, aber kein Herz dazu, und weil ihre heisse hingegebne Seele kein Ebenbild antraf, womit eine Frau gerade ein unähnliches meint, nämlich ein höheres Bild! Der Baum mit den erfrornen Blüten steht dann im Herbste hoch, breit, grün und frisch und dunkel vom Laube da, aber mit leeren Zweigen ohne Früchte.

Endlich kam man aus den schwülen Speisesälen in den frischen Lilars-Abend ins Freie und zur Freiheit. Halb zürnend, halb liebestrunken ging Albano einer verhangnen Stunde entgegen, in welcher so manches Rätsel und sein teuerstes sich lösen sollte. Was sieht der Mensch vor sich, wenn er endlich mit dem Faden in der Hand aus der Irrhöhle heraustritt? Nichts als die offnen Eingänge in andere Labyrinte, und bloss die Wahl darunter ist sein Wunsch.

78. Zykel

Am schönsten Abende, als der Himmel bis auf den Boden aller Sterne durchsichtig war, liess der Fürst die müde Versammlung nach Lilar fahren, um besser mit seinen beiden Unsichtbarkeiten, mit der Illumination und mit Lianens Rolle, zu trügen. Wie schlug dem redlichen Albano das weiche Herz banger und sanfter, als er unter dem Herabrollen von der Waldbrücke ins wartende Volksgetümmel sich dachte: Sie ist auch diesen Weg in das Lilar gegangen, das ihr sonst so lieb gewesen. Sein ganzes Ideenreich wurde ein Abendregen dessen eine Hälfte vor der Sonn glänzend zittert und dessen andere grau verschwindet. Ach, vor Lianen hatte' es ohne Sonnenschein geregnet, als sie heute verborgen bloss in den Tempel des Treums herüberfuhr, um nur ein geliebtes Wesen zu spielen, aber keines zu sein.

Noch brannte keine Lampe. Albano blickte in jede grüne Vertiefung nach seinem Engel des Lichts. Sogar der Fürst selber, der die plötzliche Peterskuppel-Entzündung noch mit seinen Winken zurückhielt, sah dem an Höfen so seltenen Vergnügen entgegen, zweifach zu überraschen. Die Fürstin hatte dem Minister die Verlegenheit der Lüge oder Antwort erspart, denn sie hatte gar nicht nach der künftigen Hofdame Liane gefragt, gleich dieser ganzen starken Weiberklasse gegen ihr Geschlecht gleichgültig, aber desto fester an einer Auserwählten hangend. Albano erblickte im treibenden, verdunkelten Getümmel seine Pflegeeltern und Rabette, aber in diesem Taumel des Bodens und der Seele konnte' er wie andere seine Augen nur auf den selber verhangnen Vorhang richten, hinter dem er mehr als alle andere zu finden und zu verlieren hatte. Doch in Jugendjahren hängt kein schwarzer, nur ein bunter herab, und an allen ihren Schmerzen sind noch Hoffnungen!

Das Volk wartete auf