gewann so sehr seine achtung, dass er ihr, als der Fürst einige Schritte ferner am Fenster die heranschwellende Flut des Pestitzer Gefolges besah, die Frage tat, wie ihrem Kunstsinn bei den deutschen Zeremonien ihres Standes zumute werde; "sagen Sie mir," (sagte sie leicht) "welcher Stand unter uns nicht ebenso viele hat, und wo nicht überall Priester und Advokaten mitspielen! Sehen Sie einmal die Hochzeiten der Reichsstädter an. Die Deutschen sind hier nicht besser und schlimmer als jede Nation, alte und neue, wilde und polierte. Denken Sie an Ludwig XIV. Der Mensch ist einmal so; aber ich acht' ihn freilich nicht darum."
Der Fürst erinnerte nun an die Stunde des Einzugs; und die Fürstin rief zu ihrem Anzuge für den Einzug mehr Putzjungfern und Putzkästchen zusammen, als Albano nach ihren Worten oder wir nach ihren Nasenknorpeln – die geistige Flügelknochen schienen – hätten erwarten sollen. Ihre eiligen Leute folgten ihr mit mehr Furchtsamkeit als Verehrung des Standes oder Wertes; und einige, die zuweilen aus dem Putzzimmer vorbeiliefen, hatten niedergeschlagene Gesichter.
Endlich erschien sie wieder, aber viel schöner. Es muss doch dem männlichsten Weib mehr reizende Weiblichkeit, als wir denken, zugehören, da dieses durch den weiblichen Putz gewinnet, wodurch der weiblichste Mann nur verlöre. "Der Stand" (sagte sie zu Albano, eine grosse Offenherzigkeit in Meinungen zeigend, die leicht mit einer ebenso grossen Verschwiegenheit in Empfindungen besteht) "drückt und beschränkt eine grosse Seele oft weniger als das Geschlecht." – Dass sie sich eine grosse Seele nannte, musste den Grafen frappieren, weil er jetzt das erste Beispiel – ein anderer Mann kennt unzählige Beispiele – vor sich sah, dass ausgezeichnete Weiber sich geradezu und weit mehr selber loben als ausgezeichnete Männer.
Man brach auf; an einer Grenz-brücke, zugleich wie der Buchdrucker-Hyphen das Trennungs- und Verbindungszeichen beider Fürstentümer, hielt schon das halbe Hohenfliess zu Wagen und Pferd, weil es nicht weiter herankonnte, bevor eine umgelehnte Kröpel-Fuhre mit Dorf-Komödianten wieder aufs vierte Rad gehoben war und der mytologische Hausrat, den sie in Händen hatten, aufgepackt. Als aber die Fürstin mit Gewalt auf die brücke fuhr, verkehrten sich plötzlich die Passagiere und Auflader in Musen, Musengötter, Liebesgötter und einen hübschen Hymen und setzten, im teatralischen Ornat und Apparat, die umrungene Braut unter poetisches wasser, den Krieg der andern Götter gegen den Jungfernräuber Hymen vortragend. Der Musensohn, der die Sache versifiziert hatte, agierte selber mit als Musenvater. Ich darf sagen, dass diese eigne Erfindung des Ministers recht gut aufgenommen wurde sowohl von Haarhaar als Hohenfliess.
Froulay trat geschmückt und gepudert, als streckte er sich auf dem Paradebette zwischen Trauergueridons aus, vor sie als Sprecher des Landes hin, das seinen frohen teil an ihrer Vermählung mit dem Bräutigamsrocke zu bezeugen wünschte. Die Fürstin kürzte und schnitt alles Festlügen mit einer feinen DamensSchere ab.
Froulay hatte' unter andern Wagen auch einen mit mehrern überallher verschriebnen Trompetern und Paukern mitgebracht, auf welchem scherzeshalber Schoppe mit stand, der darum nicht oft aus grossen Aufzügen der Menschen wegblieb, wie er sagte, weil die Menschen nie lächerlicher aussähen, als wenn sie etwas in Massa und Menge täten. Um Salz in die Feier zu bringen, stellt' er auf seinem Wagen die Hypotese auf, das alles tue man bloss, um die Braut aus der besten Meinung wieder dahin zu treiben, wo sie hergekommen, teils um ihr die Vexier- und Bühnenehe zu ersparen, teils um dem land den neuen Hofstaat. Ihr Ohr soll nur – nahm er an, als die auf die umstehenden Hügel aufgefahrnen Kanonen sich mit seinem trompetenden Donnerwagen vereinigten und drei Postmeister mit funfzehn Postillonen dazu und dareinstiessen, welche nicht umsonst mit ihren besten Hörnern und Lungenflügeln aufgesessen waren – ihr Ohr soll sehr gehänselt und sie daran durch einen solchen Willkomm etwa zurückgezogen werden, daher man sogar leere Staatswagen mitschickt zum Rasseln, so wie im Ansbachischen der Landmann die Hirsche bloss durch fürchterliches Schreien, ohne Gewehr und Hund, von seiner Saat vertrieb.135 Wie Schiffe in Nebeln durch Laternen und Trommeln, so wollen Staaten sich durch Erleuchtung und Schiessen auseinanderhalten.
"Sie fährt doch, wie ich sehe, weiter" – sagt' er unterwegs, wo er zuweilen selber den Doppellauter der Pauke in die hände nahm mit Nutzen – "und wir müssen alle sonach nach; aber vielleicht ist das Ohr schon tot, und ihr ist nur noch am Auge beizukommen." Sehr erfreueten ihn in dieser Hoffnung die scheckigen Uniformen sämtlicher Beamten und die Federlappen der Hoflivreen – "jetzt kommt noch", weissagt' er freudig, "gar der goldflitterne Ehrenbogen mit Vasen und Pfeifern, durch den sie gerade durch muss, und scheucht man denn nicht Spatzen mit Goldblechen und Selzerkrügen aus Kirschenbäumen?"
"O," (dachte' er, als sie durch war), "wenn jener gotische Wüterich sich durch den entgegenkommenden Bittzug des Papstes von dem plündernden Einmarsch ins heilige Rom rückwärts lenken lassen: so schlägts gewiss durch, dass ihr in der Vorstadt die Waisenkinder mit ihrem Waisenvater bittend entgegentreten – dann die Schulmeister mit ihren Pagerien – dann Gymnasium und Universität – was doch nur erst Gefechte mit Vorposten sind – – denn das Tor ist mit Infanterie besetzt, der ganze Markt mit der wehrhaften Bürgerschaft – die Hauptkirche wird von der Geistlichkeit, das Rataus vom Magistrat bewacht – alle bereit, wenn sie nicht umkehrt, ihr in gewisser