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ein Landes-Vater sein kann, keiner für das Haus; unter seinem Fürsten-Himmel ist wie auf der ersten Schachfelder-Gasse alles zu machen und zu regenerieren, Offiziere, selber die Schachkönigin, aber der Schach nicht. Es wäre zu wünschenda der Umstand das fest ins Lächerliche schattiert –, der Bräutigam könnte manchen ihn auslachenden alten Familiendie es so oft selber im heraldischen und medizinischen Sinne zugleich sindzur Beschämung nur einige Dutzend von den Prinzen um den Traualtar gestellet zeigen, die er in Kalabrien, Wallis, Asturien, in der Dauphine ganz Europa war ihm einesitzen lassen, kurz in so vielen aktiven Erbländern, d.h. in den Erbinnen, nicht Erbschaften fremder Prinzen; – könnt' er das, so würde' er vergnügter in die heutigen Glückwünsche dreinschauen, weil schon einige Dutzende Erfüllungen darneben ständen und zuhorchten. Aber wie das Bette des Marquis von Exeter in London, das 3000 Pfund kostet, die Marquisin in einen Tron verwandeln kann: so muss das die Fürstin auch tun, ohne es wie diese rückwärts verwandeln zu können.

Ich will ihn daher auf dem heutigen Tanzplatz der Freude gar nicht als Bräutigam, sondern immerso wie man Krone sagt ohne gekröntes Hauptbloss als Bräutigamsrock aufstellen und vorführen, um ihn nicht lächerlich zu machen. – Albano ritt mit einer Brust voll Zorn, Verachtung und Bedauern neben diesem Opfertiere der schwarzen Staatskunst her und begriff bloss nicht, wie Luigi nicht den deutschen Herrn, diese gemietete Axt und diesen Wurzelheber seines Stammbäumleins, mit einem Fersenstosse weit von sich wegschlage. Guter Jüngling! ein Fürst macht sich leichter von Menschen los, die er liebt, als von solchen, die er recht lange hasset; denn seine Furcht ist stärker als seine Liebe.

Der grossherzige, nie eng-, immer weitbrüstige Jüngling fand heute in seiner feierlichen, schmerzlichen Stimmung alles Tragische, Edle und Unendle grösser, als es war. Er zeigte zwar nur ein feuriges Auge und heiteres Angesicht, weil er zu jung und schamhaft war, persönlichen Schmerz prunkend auszulegen; aber unter dem Auge, das sich nach der hohen Wetterscheide richtete, an der heute sein dunkles Gewölke auseinandergehen oder zu ihm herunterkommen sollte, brannte der Tropfe. Der heutige Abend, in den er so oft hineingesehen als in eine Hölle, und ebensooft als in einen Himmel, stand jetzt als ein verworrenes Mittelding von beiden so nahe, und doch hart an ihm! – Ein Gewimmel verwandter Gefühle begleitete ihn zu der (nach seiner Meinung unglücklichen) Braut seinesVaters und dieses Fürsten.

Eine Viertels-Meile jenseits Hohenfliess fuhr schon ihrGibbon voraus, bekannt bei allen Naturforschernnicht bei den Politikerndurch die langen arme, welche bekanntlich dieser Molucken-Besitzer und Affe trägt. "Wo ist mein Gibbon?" fragte die Fürstin gewöhnlich (gesetzt, dass sie auch den englischen Namensvetter, den Geschichtsschreiber mit langen Nägeln und kurzen Sätzen gegen die Christen, in der Hand hatte), denn sie verlangte ihren Langarm.

Endlich kam sie dahergesprengtim Federbuschim Reitrockauf dem schönsten Engländereine grosse majestätische Gestalt, die, unbekümmert um ihr, obwohl mit Verwandten befrachtetes Cour-Gefolge, lieber der blauen Morgensonne hinter einem aufsteigenden Pferd- und Schwanenhals hatte entgegenschauen wollen. Sie gab dem Bräutigamsrock anständig Gruss und Kuss, aber weder gerührt noch verstellt noch verlegen, sondern recht frei und frank und froh, zu weit über die Lächerlichkeit ihres genealogischen Missverhältnisses erhaben, ja sogar über jedes notdürftige oder gebotene. In ihrem sonst schön gebautenmehr als schön gezeichnetengesicht war bloss ihre Nase es nicht, sondern eckig geschnitten und der regierenden Wochentäglichkeit mehr Knochen als Knorpel entgegensetzend. Bei den Weibern bedeuten ausgezeichnete, regellose Nasen, z.B. mit tiefem Wurzel-Einschnitt oder mit konkaven oder konvexen Biegungen oder mit Facetten am Knopfe u.s.w., weit mehr für das Talent als bei den Männern; undwenige ausgenommen, die ich selber gesehenmusste immer die Schönheit etwas dem Genie aufopfern, obwohl nicht so viel als nachher das fremde ihrer, wie wir Männer sämtlich wohl leider getan.

Der Graf wurde' ihr vom Fürsten vorgestellt; aber sie hatte' ihnob sie gleich von ihm gehöret und seinen Vater so lange gesehen hattenicht gekannt, sondern eher dem Bräutigamsrock ähnlich gefunden. Dem Rocke konnteoder solltediese blühende Ähnlichkeit nicht anders als schmeicheln. Die Ähnlichkeit erklärt den schönen Anteil ganz, den sie jetzt an beiden nehmen musste, weil zu einer Ähnlichkeit immer ein Paar Menschen gehören.

Sie sprach mit dem Sohne ohne alle Verlegenheit über den von ihr und ihrem hof mit einem (Blumen-) Korbe beschenkten Vlies-Ritter und rühmte dessen Kenntnisse der Kunst. "Die Kunst" (sagte sie) "macht am Ende alle Länder gleich und angenehm. Sobald sie nur da ist, denkt man an weiter nichts. In Dresden in der inneren Galerie glaubt' ich recht eigentlich, ich wäre im fröhlichen Italien. Ja, wenn man dahin käme, würde man sogar Italien vergessen über alles, was man da hat." – Albano antwortete: "Ich weiss, ich werde mich auch einmal im Most der Kunst berauschen und durch sie glühen, aber für jetzt ist sie bloss ein schöner, blühender Weinberg für mich, dessen Kräfte ich gewiss voraus weiss, ohne sie noch zu fühlen." – Die Fürstin