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kommen in kaltem und steinigem Boden am besten fortüberdeckte er alle seine auf- und zugehenden Hummerscheren, wie wir Bachkrebse in Nesseln fassen, und nahm zuerst sein weiches Kind zwischen die Scheren. Das sanfte, ergebene Lächeln desselben nahm er für Verachtug und Bosheit – – Wie kommt diese Sanfte erklärlicherweise zu seinem Vaternamen, wenn man nicht die alte Hypotese annimmt, dass Kinder gewöhnlich dem am ähnlichsten werden, wornach sich die schwangere Mutter vergeblich sehnte, welches hier ein sanfter Gatte war? – Dann griff er, aber heftiger, die Mutter an, um bei seinem Misstrauen sie mit der Tochter zu entzweien, ja um vielleicht diese durch die mütterlichen Leiden zu kindlichen Opfern und Entschlüssen zu peinigen. Ganz frei erklärt' er sichdenn der Egoist trifft die meisten Egoisten an, wie die Liebe und Liane nur Liebe und keine Selbstliebegegen den Egoismus um und neben sich und verbarg es nicht, wie sehr er beide immer Egoistinnen (wie die alten Heiden die Christen Ateisten) innerlich schelte.

Die Ministerin, gewohnt, mit dem Minister in keiner Ehe weniger zu leben als in der der Seelenwie Voltaire die Freundschaft definiert –, sagte bloss zu Lianen: "Für wen leid' ich so?" – "Ach ich weiss es", antwortete sie demütig. Und so entliess er beide voll tiefster Leiden und dachte nachher an seine Geschäfte.

Dieser allseitige Jammer wurde durch etwas grösser, was ihn hätte kleiner machen sollen. Der Minister ärgerte sich, dass er täglich den Geschmack der Weiber mitten im Zorne zu Rate ziehen musste über seinÄusseres. Er wollte am Vermählungsfesteseiner Geliebten wegenein wahrer Paradiesvogel, ein Paradeur, eine Venus à belles Fesses sein. Von jeher macht' er gern die Doppelrolle des staates und Hofmanns und wollte, um Stolz und Eitelkeit zusammen zu kaufen, zu einem Diogenes-Aristipp verwachsen. – Aber etwas davon war nicht Eitelkeit, sondern der männliche Plagegeist der Ordnungs- und Rechtshaberei wollte nicht aus ihm fahren. Er war imstande, die Kleidergeissel, womit der Bediente wenige Stäubchen im Staatsrocke sitzen lassen, gegen die Livree selber in Schwung zu setzen; noch gefährlicher war esweil er zwischen zwei Spiegeln sass, dem Friseur- und dem grossen Spiegel im Ofenschirm –, auf seine eigne Wolle den Staub recht aufzutragen; und am schwersten wurde' er vom Putze seiner Kinder befriedigt. Liane als Zeichnerin musste ihm nun jetzt die rechte Farbe eines neuen Überbalgs vorschlagenSachets oder Riechsäcke liess er füllen und mit diesen die Schubsäckeund einen Moschuspflanzen-Topf in sein Fenster stellen, nicht weil er die Blätter zum Riechen (das erwartete er von seinen Fingern), sondern weil er sie zum Einölen für diese durch Reiben brauchen wolltePatentpomade für Fäuste und englisches gepresstes Zierpapier auch für diese (wenn sie eine Billetdoux-Feder ansetzen wollten) und andere Nippes erregten weniger Aufmerksamkeit als der Schnupftabak, den er sich anschaffte, aber nicht für die Nase, sondern für die Lippen, um solche rot zu reiben. – In der Tat, vor mancher lustigen Haut hätt' er sich ganz lächerlich gemacht, wenn sie ingeheim ihn aus seinem Souvenir die Haarzange und mit dieser aus seinen Augenbraunen da, wo der Sattel des Lebens wie auf einem Pferde das Haar weiss gedrückt hatte, letzteres hätte ausziehen sehen; und nur der Minister selber konnte ernstaft dabei aussehen, wenn er vor dem Spiegel die feinern Weisen zu lächeln durchlächeltedie beste hielt er fest oder wenn er die leichtern Würfe anprobierte, womit man sich aufs Kanapee bringtwie oft musst' er sich werfen! – und wenn er überhaupt an sich arbeitete.

Zum Glück für die Mutter kam der gute Lektor; aus der Hand dieses alten Freundes hatte sie so oft, wenn nicht eine Himmelsleiter, doch eine Grubenleiter, um darauf aus dem Abgrund zu steigen, genommen; hoffend brachte sie jetzt alle ihre Not vor ihn. Er versprach einige hülfe unter der Bedingung, mit Lianen allein auf ihrem Zimmer zu sprechen. Er ging zu ihr und erklärte zart seine Wissenschaft um ihre Lage.

Wie errötete das kindliche Mädchen über die scharfen Tagsstrahlen, welche die duftende Nachtviole ihrer Liebe trafen! Aber ihr Kindheitsfreund sprach sanft an dieses geschlagne Herzund von seiner gleichen Liebe gegen sie und ihren Freundvon dem Temperamente des Vatersund von der notwendigkeit bedachtsamer Massregelnund sagte, die beste sei es, wenn sie ihm heilig gelobe, dem elterlichen Wunsche, den Grafen strenge zu meiden, nur so lange nachzugeben, bis er von dessen Vater, den er als Begleiter des Sohnes längst über das neue Verhältnis benachrichtigen und fragen müssen, das Ja oder Nein dazu erhalten; sei es ein Neinwas er aber nicht verbürge –, so müsse Albano das Rätsel lösen; sei es ein Ja, so steh' er selber für das zweite ihrer Eltern; zugleich müss' er aber auf ihr festestes Schweigen gegen diese über sein Anfragen, wodurch sie sich vielleicht kompromittiert finden könnten, Anspruch machen. Damit wurzelte er nur noch tiefer in ihr Vertrauen ein.

Sie fragte zitternd, wie lange die Antwort verziehe. "sechs, acht, elf Tage nach der Vermählung höchstens!" sagt' er rechnend. – "Ja, guter Augusti! – Ach, wir leiden ja alle", sagte sie und setzte vertraulich und aus weinender Brust hinzu: "es geht Ihm aber wohl?" – "Er ist