die in die trüben Tage nicht einmal wie sie aus schönen kam.
Froulay liess sie nicht lange allein, sondern bald rufen; aber nicht um sie zu verhören oder loszusprechen, sondern um sie wozu freilich eine ungeschminkte Stirne und Backe gehörten, deren Fibern-Garn so schwer wie seine mit dem türkischen Rot der Scham zu färben war – zu seiner Malersprachmeisterin zu vozieren und sie in die fürstliche Galerie mitzunehmen, um von ihr die Erklärung dieser Titelkupfer (für ihn) in diesem Privatstummeninstitut so gut nachzulernen, dass er imstande wäre sobald die Fürstin sie besieht – etwas Bessers als einen Stummen bei den Schönheiten der Bilder und der bilderdienerischen Regentin vorzustellen. Liane musste ihm jedes gemalte Glied mit dem dazu gehörigen Lobe oder Tadel in sein ernstes Gehirn nachprägen, samt dem Namen des Meisters. Wie erfreuet und vollständig gab sie diese Kallipädie ihrem brummenden Malerkornuten, der nicht eine einzige dankbare Miene als Schulgeld entrichtete!
Mittags erst fand die Tochter die ersehnte Mutter unter den Speisebedienten sehr ernst und traurig; sie wagte ihr nicht den Mund, nur die Hand zu küssen und schlug das liebeströmende Auge nur scheu und wenig zu ihr auf. Das Diner schien eine Leichenessen. Nur der alte Herr, der auf einem Schlachtfeld seine Hochzeitmenuett getanzt und seinen Geburtstag gefeiert hätte, war wohlgemut und bei Appetit und voll Salz. War Hauskampf, so speist' er gewöhnlich en famille und holte sich unter beissenden Tischreden, wie gemeine Leute im Winter und in der Teuerung, schärfere Esslust. Zanken stärkt und befeuert schon an sich, wie Physiker sich bloss dadurch elektrisieren können, dass sie etwas peitschen134.
Lächerlich und doch schmerzlich war es, dass die arme Liane, die den ganzen Tag einen Kerker hüten sollte, gerade heute immer daraus gerufen wurde; das mal wieder in den Wagen, der das traurige Herz und das lächelnde Gesicht vor lauter hellen Palästen absetzen sollte. Sie musste mit den Eltern zur Prinzessin gehen und so glücklich aussehen, wie die waren, die sie auf dem trüben Wege zu beneiden fanden. So blutet das Herz, das nicht weit vom Tron geboren worden, immer nur hinter dem Vorhang und lacht bloss, wenn er aufgeht; so wie eben diese Vornehmen sonst nur ingeheim hingerichtet wurden. Der über seine Vermählung lächerlich-laute Fürst – der von den Spieltischen oder Kaperbrettern zurückgekehrte Bouverot, den jetzt Liane seit den neuesten Nachrichten nur schaudernd litt – und die Prinzessin selber, die ihre bisherige Entfernung von ihr mit den zerstreuenden Zurüstungen zum Feste entschuldigte, und die ganz fremd auf einmal über Liebe und Männer spottete – alle diese Menschen und Zufälle konnten nur einer Liane, die so wenig erriet, so viel litt und so gern ertrug, nicht die unerträglichsten scheinen.
Ach, was war unerträglich als die eiserne Unveränderlichkeit dieser Verhältnisse, die Festigkeit eines solchen ewigen Bergschnees? Nicht die Grösse, sondern die Unbestimmteit des Schmerzes, nicht der Minotaurus des Labyrints, der Kellerfrost, die Eckfelsen und Gruben desselben ziehen uns darin die Brust zusammen, sondern die lange Nacht und Windung seines Ausgangs. Sogar unter den KörperKrankheiten kommen uns daher ungewohnte neue, deren letzter Augenblick über unsere Weissagung hinausliegt, drohender und schwerer vor als wiederkehrende, die als nachbarliche Grenzfeinde uns immer anfallen und in der Rüstung finden.
So stand die stumme Liane im Gewölk, als die frohlockende Rabette mit der Brust voll alter Freuden und neuer Hoffnung ins Haus lief, diese Schwester des heiligen, weggerissenen Menschen, die Bundesgenossin so glänzender Tage. Sie wurde ehrend aufgenommen und immer von einer Ehrenwache, der Ministerin, begleitet, weil sie ja eine Gesandtin des Grafen ebensogut sein konnte als eine Wahlherrin ihres Sohnes. Die Listige suchte einige einsame Augenblicke mit Lianen durch das kühne Betteln um deren Begleitung nach Blumenbühl zu erhaschen; die Begleitung wurde auch zugestanden und sogar der Mutter ihre dazugetan. Liane fuhr den Weg nach Blumenbühl, über den noch blühenden Gottesacker eingesenkter Tage. Welcher Tränenstrom arbeitete in ihrer Brust herauf, da sie von der noch glücklichen Rabette schied!
Diese hatte unschuldigerweise dem haus einen der grössten Zankäpfel für das Abendessen dagelassen, den je der Minister für die Fruchtschale mit seinem Apfelpflücker sich geholet hatte; daher soupiert' er wieder en famille. Rabetten war nämlich ein dummes Wort über das sonntägige Beisammensein in Lilar entfahren; "davon" (sagte Froulay ganz freundlich) "hast du uns ja kein Wort merken lassen, Tochter." – "Der Mutter sogleich!" versetzte sie zu schnell. "Ich nähme auch gern Anteil an deinen Lustbarkeiten", sagt' er, Grimm versparend. Ganz aufgeräumt setzte sich dieser Flössknecht so vieler Tränen und abgehauener Blütenzweige, die er darauf hinabschwimmen liess, an die Abendtafel. Nach seinem Verstärkungsohr fragt' er zuerst Bediente und Familie. Darauf ging er ins Französische über – wiewohl die Tellerwechsler eine grobe Übersetzung davon für sich, eine versio interlinearis, auf seinem gesicht fanden –, um zu berichten, der vornehme Graf sei dagewesen und habe nach Mutter und Tochter gefragt. "Mit Recht verlangt' er euch beide" (fuhr der moralische Glacier fort, der gern das warme Essen kühlte) – "ihr verschweigt immer, wie ich heute wieder hörte, gemeinschaftlich gegen mich; aber warum soll ich euch denn noch trauen?" Er hasste jede Lüge von Herzen, die er nicht sagte; so hielt er sich ernstlich für moralisch, uneigennützig und sanft bloss darum, weil er auf das alles bei dem andern unerbittlich drang. Mit den reichlichen Brennesseln der Persiflage – auch botanische