oder empfangend tragen kann.
Armes Mädchen! dein letzter August ist sehr hart und kein Erntemonatstag! – Du siehst in die Zeit hinaus, wo dein kleiner Sarg steht, an welchem ein grausamer Engel die schönen, um ihn herumlaufenden, noch frischen Blumenstücke der Liebe wegwischt, damit er ganz weiss, so rosenweiss wie deine Seele oder deine letzte Gestalt, herübergetragen werde!
Dieses Vertreiben von der Mutter in die Einöde ihres Klosterzimmers war ihr ebenso fürchterlich, nur nicht fürchterlicher als das Zürnen derselben, das sie heute erst zum drittenmal erlebte, obwohl nicht verdiente. Es war ihr, als wenn nun nach der warmen Sonne auch noch gar das helle Abendrot unter den Horizont gesunken wäre, und es wurde dunkel und kalt in der Welt. Sie blieb diesen ganzen noch eingeräumten Tag bei der Mutter; gab aber nur Antworten, blickte freundlich an, tat alles gern und behend und hatte – da sie jeden zusammenrinnenden Tautropfen schnell mit dem Zwergfinger aus den Augenwinkeln schlug, als sei es Staub, weil sie dachte: nachts kann ich weinen genug sehr trockne Augen; und das alles, um der belasteten Mutter nicht zu neuer Last zu sein. Aber diese, wie Mütter so leicht, verwechselte die scheue liebende Stille mit dem Anbruche der Verstokkung; und als Liane in unschuldiger Absicht des Trostes sich Karolinens Bild aus Lilar wollte bringen lassen, galt auch diese Unschuld für Verhärtung und wurde mit einer elterlichen gestraft und erwidert; nämlich mit der Erlaubnis, zu schicken. Nur forderte die Ministerin die französischen Gebete von ihr zurück, als sei sie nicht wert, diese ihrem jetzigen Herzen unterzulegen. Nie ist der Mensch kleiner, als wenn er strafen und plagen will, ohne zu wissen wie.
Da jeder, der regiert, er sitze auf einem Lehr- oder Fürstenstuhl, oder wie Eltern auf beiden, dem Fussbewohner desselben den vorigen Gehorsam, sobald er ihn einmal aussetzt, nicht als Milderung seiner Schuld anschreibt, sondern als Vergrösserung: so tat es die Ministerin auch gegen ihr von jeher so folgsames Kind. Sie hasste ihre reine Liebe, die wie Äter ohne Asche, Rauch und Kohle brannte, um desto mehr und hielt sie für Schadenfeuer oder Feuerschaden, besonders da ihre eigne bisher fast nie mehr als ein vornehmes Kaminstück gewesen.
Liane stieg zuletzt, zu schwer zusammengepresset, da jenseits der Wandtapete der heitere Tag, der schönste Himmel blühte, aufs welsche Dach hinauf. Sie sah, wie die Menschen vergnügt von kleinen Lustörtern, weil die Erde ein grosser war, zurückfuhren und – ritten; auf Lilars Stauden-Pfad wandelten die Spaziergänger selig-langsam heim – auf den Gassen wurde laut an den fest-Gerüsten und Himmelswagen für die Fürstenbraut gezimmert, und die fertigen Räder wurden prüfend gerollt – und überall hörte man die Übungen der jungen Musik, die erwachsen vor sie treten sollte. Aber als Liane auf sich blickte und hier ihr Leben allein im dunkeln Gewande stehen sah – drüben das leere Haus des Geliebten – hier das ihrige, das auch leer für sie geworden – diese Stelle, die noch an eine schönere, seltnere Abblüte als des cereus serpens erinnerte – und o! diese kalte Einsamkeit, da ihr Herz heute zum ersten Male ohne ein Herz lebte; denn ihr Bruder, der Chorist ihres kurzen Freudengesanges, war verschickt und Julienne seit einiger Zeit ihr unbegreiflich unsichtbar – nein, sie konnte die schöne Sonne, die so hell und weiss mit ihrem hohen Abendsterne sich tiefer wiegte, nicht niedergehen sehen – oder das frohe Abendchor des langen Tages anhören, sondern verliess die glänzende Höhe. O, die fremde Freude stirbt im unbewohnten dunkeln Busen, wo sie keine Schwester antrifft, und wird zum Gespenst darin! So deutet das schöne Grün, diese Frühlingsfarbe, sobald es eine Wolke malt, nichts als an lange Nässe.
Da sie bald in die Freistatt des tages, das Schlafzimmer, trat, wetterleuchtete draussen der Himmel; o, warum jetzt, hartes Geschick? – Aber hier, vor dem Stilleben der Nacht, wenn das Leben, von ihrem Flor bezogen, leiser tönt – hier dürfen alle ihre Tränen fliessen, die ein schwerer Tag gekeltert hat. Auf dem Kopfkissen, als trüg' es den längsten Schlaf, ruhet dieses verblutete Haupt sanfter als an der Brust, die ihm seine Tränen zankend nachzählt; und es weinet sanft nicht über, nur um Geliebte.
Wie gewöhnlich wollte sie ihre mütterlichen Gebete aufschlagen; als sie erschrocken daran dachte, dass man sie ihr genommen. Da blickte sie heissweinend auf zu Gott und bereitete allein aus dem zerbrochnen Herzen ihm ein Gebet, und nur Engel haben die Worte und die Tränen gezählt.
76. Zykel
Der Vater hatte die Zimmer-Gefangenschaft zum strafenden Merkmal ihres Neins gemacht. Mit hohen Schmerzen sprach sie dieses stumme Nein, indem sie freiwillig im Zimmer blieb und dem Morgenkuss der Mutter entsagte. Sie hatte in der Nacht oft das tote Bild ihrer ratgebenden Karoline flammend angeblickt, aber kein Urbild, kein Fieberbild war ihr erschienen: kann ich länger zweifeln, schloss sie daraus, dass die göttliche Erscheinung, die das Ja zu meiner Liebe gesprochen, etwas Höheres als mein geschöpf gewesen, da ich sie sonst ihrem Bilde gegenüber müsste wieder bilden können?
Sie hatte Albanos blühende Briefe in ihrem Pulte und schloss es auf, um hinüberzusehen aus ihrer Insel in das entrückte Morgenland der wärmern Zeit; aber sie schloss es wieder zu; sie schämte sich, heimlich froh zu sein, da ihre Mutter traurig war,