eine stimme, wie eine weibliche bekannte, fing über seinem haupt langsam an: "Nimm die Krone, nimm die Krone – ich helfe dir." Der Mönch fragte: "Ist der Abendstern schon hinunter? Spricht es mit dir?" – Zesara blickte in die Höhe und konnte nicht antworten; die stimme aus dem Himmel sprach wieder und dasselbe. Der Mönch erriet es und sagte: "So hat dein Vater deine Mutter aus der Höhe gehöret, als er in Deutschland war; aber er liess mich lange in Fesseln legen, weil er dachte, ich täusche ihn." – Beim Worte "Vater", dessen Geisterunglauben Zesara kannte, riss er den Mönch an den beiden Händen mit der festaltenden starken die Terrassen hinunter, um zu hören, wo jetzt die stimme stehe. Der Alte lächelte sanft, die stimme sprach wieder über ihm, aber so: "Liebe die Schöne, liebe die Schöne – ich helfe dir." – Am Ufer hing ein Fahrzeug, das er am Tage schon gesehen. Der Mönch, der ihm vermutlich den Argwohn einer irgendwo verborgenen stimme nehmen wollte, stieg in die Gondel und winkte ihm nachzufolgen. Der Jüngling, im Vertrauen auf seine körperliche und geistige Macht und auf seine Schwimmkunst, entfernte sich mit dem Mönche kühn von der Insel; aber wie griff der Schauder in seine innersten Fibern, da nicht nur die stimme über ihm wieder rief:
"Liebe die Schöne, die ich dir zeige, ich helfe dir", sondern da er auch gegen die Terrasse hin eine weibliche Gestalt sich bis an das Herz aus den tiefsten Wellen mit langen kastanienbraunen Haaren und schwarzen Augen und mit einem glänzenden Schwanenhals und mit der Farbe und Kraft des reichsten Klimas, wie eine höhere Aphrodite, heben sah. Aber in wenig Sekunden sank die Göttin wieder in die Wogen zurück, und die Geisterstimme lispelte oben fort: "Liebe die Schöne, die ich dir zeigte." – – Der Mönch betete kalt und schweigend unter der Szene und sah und hörte nichts; endlich sagte er: "Am künftigen Himmelfahrtstage in deiner Geburtsstunde wirst du neben einem Herzen stehen, das in keiner Brust ist, und deine Schwester wird dir vom Himmel den Namen deiner Braut verkündigen."
Wenn vor uns flüssigen schwachen Gestalten, die gleich Polypen und Blumen das Licht eines höhern Elementes nur fühlen und suchen, aber nicht sehen, in der Totalfinsternis unsers Lebens ein Blitz durch den erdichten Klumpen schlägt, der vor unsere höhere Sonne gehangen ist16: so zerschneidet der Strahl den Sehnerven, der nur Gestatten, nicht Licht verträgt; – kein heisses Erschrecken beflügelt das Herz und das Blut, sondern ein kaltes Erstarren vor unsern Gedanken und vor einer neuen unfasslichen Welt sperrt den warmen Strom, und das Leben wird Eis. –
Albano, aus dessen voller Phantasie ebenso leicht ein Chaos als ein Universum sprang, wurde bleich, aber ihm war, als verlier' er nicht sowohl den Mut als den Verstand; er ruderte ungestüm, beinahe bewusstlos ans Ufer – er konnte dem Vater des Todes nicht ins Gesicht schauen, weil seine unbändige, alles auseinanderreissende Phantasie alle Gestalten gleich Wolken zu grässlichen umwälzte und ausdehnte – er hört' es kaum, als der Mönch zum Abschiede sagte: "Vielleicht komm' ich am nächsten Karfreitage wieder." – Der Mönch bestieg einen Kahn, der von selber dahinfuhr (wahrscheinlich durch ein unter dem wasser umtreibendes Rad), und verschwand bald hinter oder in der kleinen Fischerinsel (Isola peschiere).
Eine Minute lang taumelte Alban, und ihm kam es vor, als sei der Garten und der Himmel und alles eine weichende aufgelösete Nebelbank, als geb' es nichts, als hab' er nicht gelebt. Diesen arsenikalischen Qualm blies auf einmal von der erstickenden Brust der Atem des Bibliotekar Schoppe, der lustig zum Schlaffenster herauspfiff; jetzt wurde sein Leben wieder warm, die Erde kam zurück, und das Dasein war. Schoppe, der vor Wärme nicht schlafen konnte, stieg herunter, um sich auch auf die zehnte Terrasse zu betten. Er sah an Zesara ein heftiges inneres Wogen, aber er war schon daran gewöhnt und forschte nicht.
8. Zykel
Nicht von Vernünfteleien, sondern von Scherzen schmilzt leicht das Eis in unserem stockenden Räderwerke. Nach einer gesprächigen Stunde war dem Jünglinge nicht viel mehr davon übrig als eine ärgerliche Empfindung und eine frohe; jene darüber, dass er den Mönch nicht bei der Kutte genommen und dem Ritter vorgeführt; und die frohe über die hohe weibliche Gestalt und selber über die Aussicht in ein Leben voll Abenteuer. Gleichwohl fuhren, wenn er die Augen schloss, Ungeheuer voll Flügel, Welten voll Flammen und ein tiefes wogendes Chaos um seine Seele.
Endlich gingen in der Kühle der Nachmitternacht seine müden Sinnen näher fortgezogen und auseinanderfallend dem Magnetberg des Schlummers zu; – aber welcher Traum kam ihm auf diesem stillen Berge nach! "Er lag" (so träumte ihm) "auf dem Krater des Hekla. Eine aufdringende Wassersäule hob ihn mit sich empor und hielt ihn auf heissen Wellen mitten im Himmel fest. Hoch in der Äternacht über ihm streckte sich ein finsteres Gewitter, wie ein langer Drache, von verschlungnen Sternbildern aufgeschwollen, aus; nahe darunter hing ein helles Wölkchen, vom Gewitter gezogen – durch den lichten Nebel des Wölkchens quoll ein dunkles Rot entweder von zwei Rosenknospen oder von zwei Lippen und ein grüner Streif von einem Schleier oder von einem Ölzweige und ein Ring von milchblauen Perlen oder von Vergissmeinnicht