noch Hölle sollen ihn beugen; und er schenk' ihr drei Tage Zeit zur Vernunft.
Sie gab stumm mit nassen Augen ihrer bisherigen Trösterin das schwere Blatt. Aber aus dieser wurde eine Richterin: "Was willst du tun?" sagte die Ministerin. – "Ich will leiden," (sagte Liane) "damit Er nicht leide; wie könnt' ich so sehr gegen Ihn sündigen?" – Die Mutter nahm entweder im wirklichen alten Wahne ihrer leichten Bekehrung oder aus Verstellung jenen Er für den Vater und fragte: "Mich nennst du nicht?" Liane errötete über die Vertauschung und sagte: "Ach, ich arme, ich will ja nicht glücklich sein, nur treu." – Wie hatte sie nicht in dieser Nacht zwischen bangen Kriegen aller ihrer inneren Engel betend gelebt und geweint! Eine so schuldlose, von der heiligen Freundin im Himmel eingesegnete Liebe – eine vom frühen tod so sehr abgekürzte Treue – ein so fester, mit hohem, fruchttragendem Gipfel gegen Himmel wachsender Jüngling, den nicht einmal Geisterstimmen aus seiner treuen Kindheitsliebe gegen sie Unbedeutende schrecken oder locken konnten – der ewige Unwille und Gram, den er über die erste, grösste Lüge gegen sein Herz empfinden würde – ihre kurze Durchgangsgerechtigkeit durchs Leben und die nahe Wegscheide, an der sie nicht Steine, sondern Blumen auf die andern Pilger zurückwerfen wollte – alle diese Gestalten nahmen sie an der einen Hand, um sie von der Mutter wegzuziehen, die ihr mit den Worten nachrief: sieh, wie du undankbar von mir gehst, und ich habe so lange für dich ertragen und getan. Da zog Liane wieder aus dem warmdunkeln Rosental der Liebe in die trockne, platte Erdfläche eines Lebens zurück, worin sich nichts hebt als ihr letzter Hügel. O, wie blickte sie bittend zu den Sternen auf, ob sie sich nicht als Augen ihrer Karoline regten und ihr es sagten, wie sie sich opfern sollte, ob für den Geliebten oder für die Eltern; allein die Sterne standen freundlich, kalt und still am festen Himmel.
Aber als die Morgensonne wieder ihr Herz anstrahlte, schlug es hoffend und von neuem gestärkt vom Entschluss, für Albano heute recht viele Leiden zu erdulden, ach, ja erst die ersten; konnte Karoline, dachte sie, eine Liebe bejahen, der ich untreu sein müsste? –
Kaum war sie mit dem Morgengruss von den Lippen der Mutter weg, so suchte diese, aber ernster als gestern, die Wurzeln dieses festen Herzens aus seinem fremden Boden zu rücken durch den längern Gebrauch der gestrigen Blumenheber. Sie wurde in der vergleichenden Anatomie zwischen Albano und Roquairol von der gleichen stimme an bis zur ähnlichen Taille immer schneidender, bis Liane mit dem Mädchenwitz auf einmal fragte: "Aber warum darf denn mein Bruder Rabetten lieben?" – "Quelle comparaison!" (sagte die Mutter) "Bist du nichts Bessers als sie?" – "Sie tut eigentlich viel mehr als ich", sagte sie ganz aufrichtig. – "Strittest du nie mit dem wilden Zesara?" fragte die Mutter. "Nie, ausser wenn ich unrecht hatte", sagte sie unschuldig.
Erschrocken nahm die Mutter immer heller wahr, dass sie tiefere und stärkere Wurzeln, als leichte Blumen schlagen, auszuziehen habe; sie sammlete alle ihre mütterlichen Anziehungskräfte und Hebemaschinen auf einen Punkt zum Sturze der stillen, grünen Myrte; sie entdeckte ihr des Ministers schwarzen Verlobungsplan mit dem deutschen Herrn, ihre bisherigen verschwiegenen Kriege und Seufzer darüber, ihren bisher zurückdrängenden Widerstand und die neueste väterliche Kriegslist, sie zur Festungsgefangnen bei seinem Bruder zu machen und dadurch wahrscheinlich den Herrn von Bouverot zum Festungsbelagerer. –
Für einige Leser und Relikten aus dem schwerfälligen goldnen Zeitalter der Moral wird hier die Anmerkung gesetzt und gedruckt: dass eine besondere kalte, nichts schonende, oft grausame und empörende Offenherzigkeit über die nächsten Verwandten und über die zartesten Verhältnisse in den höhern Ständen so sehr zu haus ist, dass auch die schönern Seelen – worunter doch diese Mutter gehört – es gar nicht anders wissen und machen.
"O, du beste Mutter!" rief Liane erschüttert, aber nicht vom Gedanken an die Klapper und den Schlangenatem Bouverots oder an dessen Mordsprung nach ihrem Herzen – sie dachte so kaltblütig an sein Verloben wie jeder Unschuldige an sein Sterben auf einem Blutgerüste –, sondern vom Gedanken an das lange Überbauen der mütterlichen Tränen, der mütterlichen Liebesquellen, welche bisher nährend tief unter ihren Blumen geflossen waren; sie warf sich dankend zwischen diese helfenden arme. Sie schlossen sich nicht um sie, weil die Ministerin durch keine Woge und Brandung schneller Aufwallungen weich und locker auszuspülen war.
In diese Umfassung griff oder trat der Minister ein. "So!" sagt' er schnell. "Mein Ohr, Madame," (fuhr er fort) "findet sich unter den Domestiken durchaus nicht wieder vor; das hab' ich Ihnen zu sagen." Denn er hatte sich heute auf einen Gesetz-Sinai gestellt und der an dessen Fuss versammelten Dienerschaft in die Ohren gedonnert, um seines zu erfragen, "weil ich glauben muss," (hatte' er ihr gesagt) "dass ihr mir es aus sehr guten Gründen gestohlen habt". Dann war er als Hagelschauer, wie ein Küchendampf bei windigem Wetter, durch die einzelnen Dienerzimmer und Winkel nach dem Ohr gezogen. – "Und du?" sagt' er halbfreundlich zu Liane. Sie küsste seine Faust, die er, wie der Papst den Fuss,