; denn aus Schonung gegen die Mutter musste sie die erscheinende Karoline, die anfangs die Bilderstürmerin ihrer Liebe und dann die begeisternde Muse und Brautführerin derselben gewesen, mit dem Totenschein der Zukunft in der Erzählung unsichtbar bleiben lassen.
Sie hielt mit inbrünstigem Druck die mütterliche Hand unter immer frohern Versicherungen, wie sie ihr hab' immer alles sagen wollen; sie dachte hoffend, sie brauche nichts zu retten als ihr offnes Herz. O, du hast mehr zu retten, dein warmes, dein ganzes und lebendiges! – Die Mutter tadelte nun, ihr aus alter Gewohnheit halb glaubend, nichts weiter als die ganze Sache, ihre Unschicklichkeit, Unmöglichkeit, Tollheit. "O, gute Mutter," (sagte Liane bloss immer sanft unter dem harten Abmalen des künftigen Albano) "o, so ist er nicht, gewiss nicht!" – Ebenso sanft sah sie über das mit schwarzen Strichen vorgezeichnete Nein Don Gaspards weg, weil für ihren Glauben die Erde nur ein im Äter hängender, blühender Grabeshügel war: "Ach," (sagte sie, ihre Erden-Eile meinend) "unsere Liebe ist so wichtig nicht." Die Mutter nahm dieses Wort und den ganzen sanften Widerstand für Vorspiele des leichten Siegs.
Jetzt ging Albanos Schwiegervater herein, mit einer Heerpauke Sturmglocke, Feuertrommel und Klapperschlange im Gürtel, um sich damit vernehmlich zu machen. Zuerst fragt' er – er hatte vergeblich gehorcht – ganz erboset die Ministerin, wohin sie sein Ohr versteckt habe – (es war das blecherne Koppelohr, worin sich, wie in einem venezianischen Löwenkopfe, alle Geheimnisse und Anklagen der ganzen Dienerschaft und Familie sammleten) – jetzt brauch' er es ein wenig, zumal seit den neuesten "Avanturen der frommen Tochter da!" – Die Siamer Ärzte fangen die Heilung eines Patienten damit an, dass sie ihn mit Füssen treten, welches sie Erweichen nennen. Auf ähnliche Art erweichte Froulay gern zur moralischen VorKur; und begann daher sich, mit den gedachten Sprachmaschinen im Gürtel, deutlich zu erklären über umschlagende Kinder – über deren Ränke und Schliche – und über Liebschaften hinter Väterrücken – (so dass kein Vater einen Band Liebesgedichte vorn mit der Prosa-Vorrede begleiten kann) – versah vieles mit den stärksten politischen Gründen, die sich alle auf ihn selber und seinen Nutzen bezogen – und schloss mit einigen Verfluchen.
Liane hörte ihn ruhig, und an solche wie am Gleicher täglich wiederkehrende Gewittergüsse schon gewohnt, ohne andere Bewegung an, ausser dass sie oft das niedergeschlagne Auge zu ihm bedauernd aufhob aus zärtlichem Mitleiden mit dem väterlichen Missvergnügen. In der Stille wurde' er am lautesten: "Sie sorgen dafür, Madame," (sagt' er) "dass sie morgen vormittags dem Grafen, was sie von ihm hat, samt dem Abschied schickt und ihm ihr neues Amt als eine leichte Entschuldigung notifiziert – du wirst Hofdame bei der regierenden Fürstin – ob du gleich es nicht wert warest, dass ich für dich arbeitete."
"Das ist hart", rief Liane, mit zerbrechendem Herzen an ihre Mutter fallend. Er glaubte, sie meine die Trennung von Albano, nicht die von der Mutter; und fragte zornig: warum? – "Vater, ich will so gern" (sagte sie und wandte nur ihr Angesicht aus der Umarmung) "bei meiner Mutter sterben!" Er lachte, aber die Ministerin machte selber den Flammen, die er noch wollte herausschlagen lassen, die Höllenpforte zu und versicherte ihn, es sei genug, Liane werde gewiss ihren Eltern gehorchen, und sie selber wolle dafür Bürge sein. Der Gesetzprediger stieg seine Kanzeltreppe mit einem vernehmlichen Stossgebet um eine bessere Bürgschaft und unter dem Zurückrufen herab, sein Ohr müsse morgen her, und soll' er es in allen Schränken selber suchen.
Die Mutter schwieg nun und liess die Tochter sanft an ihrem Halse weinen; beiden war nach dieser Seelen-Dürre der Trank der Liebe Erfrischung und Arzenei. Sie liessen einander ausgeheitert aus den Armen los, aber beide mit ganz irrenden Hoffnungen.
75. Zykel
Ein harter, schwarzer Morgen! – Nur der atmosphärische draussen war dunkelblau, nichts war stürmisch und laut als etwa die Bienenflüge im Lindendickicht, der Himmelsäter schien über die steinernen Gassen hoch wegzuflattern, um im hellen, offnen Lilar sich tief in alle Gipfel und Spitzen einzusenken und blau wie Pfauengefieder aus den Zweigen zu schillern.
Liane fand auf ihrem Schreibtisch ein Billet, in Grossquart gebrochen, worin der wie ein Herz ewig arbeitende Minister schon am frühen Morgen, eh' er für die einzelnen Regierungs- und Kammerräte die zur Fruchtbarkeit nötigen Strichgewitter aus den Akten aufgezogen, auf die schauernde Tochter mit einem kalten Morgenwolkenbruche niederzugehen suchte. Im gedachten Dekretalbriefchen setzt' er es auf andertalb Bogen mehr auseinander, was er gestern gemeint – Scheidung auf der Stelle –, und bog sechs Scheidungsgründe an, – erstlich sein verstimmtes Verhältnis mit dem Vliesritter – zweitens ihre und des Grafen Jugend – drittens die nahe Hofdamenstelle – viertens sei sie seine Tochter und dieses das erste Opfer, auf welches ihr Vater für alle seine bisherigen Anspruch mache – fünftens sehe sie an seinem nachsichtigen Ja zur Liebe ihres Bruders, dessen anscheinende Besserung er ihr zum Vorbilde vorhalte, dass er nur für das Glück seiner Kinder lebe und sorge – sechstens send' er sie in die Festung *** zu seinem Bruder, dem Kommendanten, falls sie widerspenstig sei, um sie zu entfernen, zu bestrafen und zurechte zu bringen, und weder Weinen noch Fussfallen, noch Mutter