Mutter habe, sondern auch einen Vater. – "Sie muss sogleich herein; je la ferai damer133, mais sans vous et sans Mr. le Comte", beschloss er mit Anspielung auf die Hofdamenstelle.
Aber die Ministerin fing – gemäss ihrer harten Verachtung gegen seine Projekte und Kräfte – mit jener Kälte, die jeden Warmen mehr erbittert hätte als diesen Kalten, an, ihm zu sagen, dass sie Lianens und des Grafen Liebe noch mehr missbilligen und bekriegen müsse als er – dass sie bloss im zu weit getriebenen und sonst nie widerlegten Vertrauen auf Lianens offne Seele lieber ihr als sich geglaubt und sie bei so manchen Zeichen der Neigung Albanos nach Blumenbühl gelassen – dass sie aber ihm ihr Wort hier gebe, mit gleichem Feuer gegen den Grafen zu wirken wie gegen den deutschen Herrn, und dass sie, so wie sie Lianen kenne, des schönsten leichten Erfolges fast versichert sei.
Allerdings war ihm das unerwartet und – unglaublich, zumal nach dem vorigen Verschweigen; nur die feinste Männerseele sondert in der weiblichen die zusammenlaufenden Grenzen der Selbsttäuschung und der willkürlichen Täuschung ab, der Schwäche und des Trugs, des Zufalls und des Entschlusses; die Ministerin ohnehin gehörte unter die Weiber, die man erst lieben muss, um sie zu kennen, was sich sonst umkehret. Er akzeptierte auf der einen Seite gern das Bekenntnis der Beistimmung und Mitwirkung – bloss um es künftig als Waffe gegen sie zu wenden –; konnte' aber auf der andern ihr nicht verbergen, dass sie also wieder (so sprach er stets) nach eignem Geständnis über ihre Kinder aus Mangel an Argwohn fehlgesehen habe. Er behielt die Gewohnheit bei, auf eine offenherzige Seele, die ihm ihre Lücken zeigte, durch diese Lücken, als hab' er sie selber gebrochen, gewaffnet einzudringen. Das Beichtkind, das vor ihm um Vergebung kniete, drückt' er tiefer nieder und zog statt des Löseschlüssels den Hammer des Gesetzes hervor.
Ich bin hier den Spaniern, die mich einst aus schlechten Übersetzungen kennen lernen, und der österreichischen goldnen Vliesritterschaft, die vielleicht das Original im Nachdruck lieset, es schuldig, die Ursachen anzugeben, warum nicht das Froulaysche Haus Freudenfeste – statt Hoftrauer – ansagen liess bei dieser Annäherung ihres Ordenssohnes, eines spanischen Grossen, der oft einen deutschen Fürstenzepter als Elle an sich legt. – Denn jeder Spanier muss sich bisher darüber gewundert haben.
Ich antworte jeder Nation. Die Froulays hatten gegen die Verbindung erstlich nichts als die – Gewissheit der Trennung; da aus demselben grund, den mir die Vliesritter und Spanier entgegengesetzt, der alte Gaspard de Cesara auf keine Weise eine brücke zwischen seinem Gottard und der Jungfrau kann schlagen lassen. Zweitens konnte eben darum der Minister dieser romantischen Liebe eine viel ältere, weisere, die er für den deutschen Herrn und dessen Gelder und Liaisons trug, entgegenstellen, so wie des Vliesritters alten Groll. Drittens hatte die Ministerin ausser denselben Gründen – und ausser einigen für den Lektor vielleicht – noch einen ganz entscheidenden, und der war: sie konnte den Grafen nicht ausstehen; nicht bloss allein darum, weil sie eine harte Ähnlichkeit zwischen ihm und ihrem Sohne und sogar Gemahle ausfand im Stolze, im Aufbrausen, in genialischer Wildheit gegen arme Eheweiber, im Mangel an religiöser Demut und Gläubigkeit, sondern sie konnte ihn vorzüglich deshalb nicht gut ausstehen, weil sie ihn nicht – leiden konnte. Wie das System der Prädestination einige Menschen zur Hölle verurteilt, sie mögen nachher den Himmel verdienen oder nicht: so nimmt eine Frau den Hass, zu welchem sie jemand einmal verdammte, nicht wieder zurück, es mögen Land und Stadt, Gott, die Jahre und der person Tugenden dagegen sagen, was sie wollen.
Im Friedensschlusse des gewöhnlichen Zimmerkriegs wurden zwischen den Eheleuten diese geheimen Artikel ausgemacht: der Graf muss des Vaters und des Direktors wegen mit höflichster achtung behandelt und beiseite geschoben werden – und Liane sanft und langsam von Wehrfritzens haus abgelöset – die ganze Scheidung des Verlöbnisses muss ohne elterliche Einmischung bloss durch die abspringende Tochter selber zu geschehen scheinen – und alles ein Geheimnis bleiben. Froulay hoffte, vor Lianens früherem Verlobten, dem deutschen Herrn, den ganzen Zwischenakt geheimzuhalten, da er zumal jetzt im August mehr an den Spieltischen der Bäder als zu haus war.
So blieb es; und in dieses kalte, schauerliche Geklüft zog die freundliche Liane hinein, als sie an jenem lebenswarmen Sonntag das selige, offne Lilar verliess. Geläutert und geheiligt von der Freude – denn jeder Himmel wurde ihr ein reinigendes Fegefeuer –, kam sie edel an die Mutterbrust, ohne den fremden Ernst des Empfangs zu merken vor eignem. Ihr leichtes Geständnis der Gartengesellschaft öffnete die harte Szene – fast in der Kulisse. Wenn die Mutter, die anders anfangen wollte, musste sogleich auf den Donnerwagen steigen, um gegen das unbegreifliche Vergessen der weiblichen Schicklichkeit zu blitzen und zu donnern; und doch hielt sie die Donnerpferde mitten im Laufe inne, um Lianen sogleich, da der Minister jede Minute kommen konnte, das Verschweigen der heutigen Gartengesellschaft aufzulegen. Nun warf sie den tiefsten Schlagschatten auf ihre bisherige stumme Falschheit gegen eine Mutter; denn sie verlegte die Säe und Blütezeit dieser Liebe eigenmächtig schon in die Tage vor der Reise aufs Land. Wie erschrak die warme Seele über die Möglichkeit einer solchen Lieblosigkeit! Sie führte, so weit sie nur konnte, die Mutter den reinen, lichten Perlenbach ihrer geschichte und Liebe hinauf und sagte alles, was wir wissen, aber ohne sehr zu befriedigen, weil sie gerade die Hauptsache ausliess