umging seine Frage.
Aber der Wolf rannte nun auf seiner Fährte weiter; er bekam Darmgicht – so wurde dem Doktor Sphex gesagt –, foderte von diesem schnelle hülfe und auch einige Nachrichten von seinem Mietsmann, dem Grafen. Herr und Madame Sphex waren ohnedies dem aufgeblasenen Jüngling so gram – durch ihre ausgeschickten vier Kinder, als enfants perdus in jedem Sinn, als vier Gehörknochen jeder Stadt-Sage, war viel von Blumenbühl und Lilar auf Avisjachten heimzubringen. – – Kurz die Gehörknochen griffen in fremde so gut ein, dass Froulay in einigen Tagen imstande war, mit seiner Lilienstirn bei der Griechin nach einem Briefe an seinen Sohn zu fragen, den er mitnehmen wolle.
Er fand einen, den er recht freudig erbrach, ohne doch etwas von Albanos oder Lianens Hand darin zu finden, ausgenommen einige dumme Anspielungen Rabettens auf jenes Paar, welche für den Minister so viel waren, als hätt' er mit seinen scharfen MautnersSuchnadeln in Lianens Herz gebohrt und darin auf das konterbande getroffen. Ohne langes knechtisches Kopieren des vorigen Siegels setzte er das zweite auf den Brief und ging erleuchtet davon.
Wir können ihm alle nachfolgen, wenn wir uns nur wenige Minuten zu seiner Rechtfertigung aufgehalten haben bei meinem
Schutz- und Stichblatt für das zweite Briefsiegel in
Staatssachen.
Ob dem alten Froulay das Examinatorium fremder Briefe als Minister oder als Vater zustehe – wiewohl dieser jenen, der Landesvater jeden andern Vater und seinen eignen dazu voraussetzt –, das will ich nicht entscheiden, ausser durch die eben hergesetzte Parentese. Der Staat, der die Postpferde vor die Briefe spannt, hat, scheint es, das Recht, diesen nicht sowohl blinden als blind machenden Passagieren genauer unter das geschlossene Siegel-Visier zu sehen, um zu wissen, ob er nicht seinen Feinden Pferde vorlege. Der Staat, ein immer ziehender Lichtmagnet, will ja nur Licht in der Sache und besonders Licht über alles Licht überhaupt; er verlangt nur die Wahrheit ganz nackt, ohne Couvert; alles, was durch seine Tore reitet und fährt, soll nur, sei es auch in ein Couvert gekleidet, den roten Mund aufmachen und sagen, was für Name und für Geschäfte. –
Da der gemeine Soldat seine Briefe vorher seinem Offizier vorweisen muss – der Bastillen-Garnisonist seine dem Gouverneur der Mönch seine dem Prior – der amerikanische Kolonist seine dem Holländer132 (damit er sie verbrenne, wenn sie über ihn klagen) –: so kann wohl kein Staatsmann, er mag nun den Staat für eine Kaserne – oder für eine Engelsburg – oder für ein monasterium duplex – oder für eine europäische Besitzung in Europa ansehen, ihm das Recht absprechen, sich alle Briefe so offen zu erhalten, wie Fracht, Adelskauf- und Apostelbriefe es sind. Der einzige Fehler ist bloss, dass er die Briefe nicht eher vorbekommt als zugepicht und zugesperrt; das ist unmoralisch genug; denn es nötigt die Regierung, auf- und zuzumachen – den Brief aus der Scheide zu ziehen und in sie zu stecken, wie der Koch mühsam die Schnecke aus ihrer Schale drehet und dann, sobald sie vom Feuer weg ist, in diese wieder zurückgeschoben aufsetzt.
Letzteres ist der Punkt und Hauptwind, der uns weiterzuführen hat. Denn so allgemein es auch anerkannt, so wie Observanz sei, dass die Regierung aus demselben grund, woraus sie den letzten Willen öffnet, auch jeden vorvorletzten und endlich den ersten müsse früher entsiegeln können als der Erbe desselben – und dass ein Fürst noch viel leichter DienerBriefe in dieselbe Entzifferungskanzlei (und in ihr Vorzimmer, die Entsieglungskammer) müsse ziehen können, worin Fürsten- und Legatenbriefe aufgehen vor der Springwurzel –: so ist doch das Korkziehen der Briefe – das Koppelsiegel – das Vikariatsiegel – das mühsame Nachmachen des L. S. oder Loco Sigilli etwas sehr Verdrüssliches und beinahe Abscheuliches; aus dem Unrecht muss daher ein Recht gemacht werden durch gesetzliche Wiederholung.
Etwas davon würde, hoff' ich, sein, wenn befohlen würde, die Briefe nur auf Stempelpapier zu schreiben; ein dazu eingesetztes Schau- und Stempelämtchen läse dann vorher alles durch.
Oder man könnte die Pitschafte, als Münzstempel für Privatmünzen, nicht mehr zulassen. Es schlüge sich dann eine Siegel-kammer mit grossen Rechten ins Mittel und verpetschierte, wie jetzt den Nachlass der Verstorbnen, alsdann der Lebendigen ihren.
Oder – was vielleicht vorzuziehen – eine BriefZensur müsste anfangen. Ungedruckte Zeitungen, nouvelles à la main, nämlich Briefe, können, weil sie noch grössere Geheimnisse austragen, nie eine grössere Zensurfreiheit fodern, als gedruckte Zeitungen geniessen; besonders da jeder Brief jetzt so leicht ein umherrennender Zirkelbrief wird. Ein Katalog verbotener Briefe (index expurgandarum) wäre dann für den Korrespondenten immer ein Wort.
Oder man vereide die Postmeister, dass sie treue Referendarien alles dessen werden, was sie Wichtiges oder Bedenkliches in den Briefen angetroffen, die sie vor deren Abgang auf die geistige Briefwaage gelegt und mit der Hoffnung wieder zugemacht, sie nach dem Leibnizischen Prinzip des nichtzuunterscheidenden Siegels weiterzuschicken.
Findet der Staat alle diese Wege, Briefe zu lesen und zu schliessen, neu und hart: so mag er auf seinem fortfahren, sie aufzumachen.
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Lachend flog Froulay zur Frau und beteuerte, ihre Falschheit gegen ihn sei ihm gar nichts Neues – ihren gegenwärtigen Plan, bloss um dem Herrnv. Bouverot und ihm entgegenzuarbeiten, verstehe' er ganz wohl – daherhabe Rabetteherein-, die Tochter hinausgemusst inzwischen woll' er der Heuchlerin und Betschwester, und wer es sei, zeigen, dass sie nicht bloss eine