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gefasset habe. Er warf ein volles, prahlendes Licht auf ihren bereicherten Verstandweiter lobt' er an Frauen nichts129 –, so wie einen schwachen Streifschatten auf der seinigen ihren; und schätzte sich glücklich mit der Eroberung einer person, deren feine, fortgesetzte Koketterie (sagt' er) er seines Orts als Muster empfehlen könne, und deren Neigung er, das verhehl' er gar nicht, auf halbem Weg erwidere, aber nur auf halbem, da der Herzog von Lauzun130 so wahr behaupte: um die Liebe von Prinzessinnen zu behalten, so halte man sie nur recht hart und kurz. Im alten mann schiesset sonach, wie wir sehen, ganz spätnicht ungleich den frischen Zähnen, die oft Greise erst als Neunziger triebenein Liebhaberherz unter dem Stern an; allein es ist mehr zu wünschen als zu hoffen, er werde dabei sonderlich den Lächerlichen spielen. Denn da er die ganze Woche das Steuerruder des staates entweder auf der Ruderbank, um es zu bewegen, oder auf der Schnitzbank hält, um es für den Fürsten fein und leicht zuzuschnitzen: so ist er Sonnabends so müde, dass ihn kein Virgil und kein Gewitter bereden könnteund hätt' er nicht mehr Schritte dahin als Virgils Hexameter Füsse oder Moses Gebote –, eine Dido aus dem Sturm in die nächste Höhle zu begleiten. Er tuts nicht. Ebenso frei wie von sinnlicher Liebe bleibt er von sentimentalischer und weinerlicher, zumal da er besorgt, dass diese ihn am Ende in jene verflechte, weil sie wie ein Mollton eine ganz andere Tonleiter hat rückwärts- als hinaufwärtssteigend. Das Ironische und Stachlige am Mann machte ihm wie andern Weltleuten jede Vermählungauch die der Seelenam Ende so sauer als den Igeln die Stacheln die ihrige. Er hebt also in Zukunft für die Fürstin nur eine kalte, politische, kokette, höfliche Liebe auf, wie sie wohl selber hat und wie er braucht, um weniger sie als von ihr zu erobern, und zuerst den ganzen Fürsten. Ich verspreche mir Welt-Leser, die hoffentlich keine Beleidigung für diesen in Froulays Neigung für jene finden; denn sobald nur einmal der Hofprediger die kopulierende Hand auf die Fürstin gelegt, so hat dieser Haushofmeister gleichsam den Schnitt131 in die Pfauhenne getan, und sie kann dann unangerührt abgehoben und an andern Orten verspeiset werden.

Ich habe im zweiten Bande schon die Besorgnis der Ministerin mitgeteilt, dass der Minister, wenn er (in diesem) wiederkäme und Liane nicht zu haus fände, keifen würde; aber wider Erwarten genehmigte er; ihr Gebrauch des Dorfluft-Bads schlug recht in seine Absicht ein, sie ins Dampfbad der Hofluft zu treiben. Er sagte der Mutter, es sei ihm nicht missfällig, dass sie sich jetzt gar ausheile, da die neue Fürstin sie zu ihrer Gesellschaftsdame erlesen werde auf sein Wort. Er konnte nicht drei Minuten einen Zepter oder ein Zepterlein neben sich liegen sehen, ohne dessen Polarität für sich zu probieren und damit etwas entweder zu ziehen oder zu stossen. Wie der berühmte Gottesgelehrte Spenerein Vorfahr des unsrigenso schön täglich zu Gott dreimal für seine Freunde bat: so findet man mit ähnlicher Freude, dass der Hofmann bei seinem Gotte, dem Fürsten, täglich ein wenig für seine Freunde bittet und etwas haben will.

Die Ministerin, gegen seine wechselnden Plane nie im Entwerfen, sondern erst im Ausführen kriegend, vertrug sich mit seinem neuesten leicht, weil er wenigstens mit dem alten der Bouverotischen Verlobung eben in keiner helfenden Gemeinschaft zu stehen schien.

Eines Abends landete leider der fatale, ängstliche Lektorder das kleinste Visitenblatt an eine Fuldaische Geschichtskarte anklebtevor ihr mit seinem Postschiff an und stieg mit den staates- und Reichsanzeigen von ihren beiden Kindern unter beiden Armenunter jedem hatte' er einesans Land; und doch warum fahr' ich über den Mann her? Konnte ein Doppelroman, zumal im Freien gespielt, verborgner bleiben als sonst ein einfacher?

Ihr Erstaunen kann nur mit dem grösseren ihres Gemahls verglichen werden, der zufällig im dritten Zimmer sein blechernes Ohrvon Schropp aus Magdeburg –, um auf die Bedienten zu horchen, eingeschraubt hatte, und der jetzt manches vernahm. Doch hatte das Doppel-Ohr von Augustis leisen Hoflippen nur einzelne, lange, eigne Namen, wie Roquairol und Zesara, mit den weiten Maschen seines Nachtgarns aufgefischt. Kaum war der leise Lektor hinaus, so trat er mit dem Ohr in der Hand froh ins Zimmer herein und foderte ihr einen Bericht von den Berichten ab. Er hielt es unter seiner Würde, je seinen Argwohnder sich auch in der freundlichsten und frohesten Laune seine Argusohren undAugen nicht zumachen liessoder sein Horchen nur mit einer Silbe oder Schamröte zu verkleistern oder zu decken; die schönen Lilien der ungefärbtesten Unverschämteit waren ihm nicht aufgemalt, sondern eingebrannt. Die Ministerin ergriff sogleich die weibliche Partei, die Wahrheit zu sagenzur Hälfte; nämlich die angenehme von Roquairols gut aufgenommenen Annäherungen zum Wehrfritzischen haus, dessen Landgut und Landschaftsdirektorat recht anpassend dem Schwiegervater angegossen waren. Indes hatte dieser in der Gattin Antlitz den Trauerrand um dieses frohe Notifikationsschreiben viel zu klar und breit gesehen, um sich nicht nach dem vortönenden Wort Zesara, das sein zartöriger BlechSucher auch mit aufgefasset, obwohl vergeblich zu erkundigen; denn die Mutter hatte ihre fromme Tochter zu lieb, um ihr diesen Wolf in ihr Eden nachzuhetzen; sie hoffte sie daraus auf eine sanftere Art durch Gottesstimme und Engel zu bringen; und