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begriff wohl, dass nur die Medusenköpfe der Eltern das weichste Herz gegen ihn versteinern könnten; aber eben das fand er nicht recht, er foderte keck, dass er von ihr mehr als die Eltern geliebt werde; "nicht aus Egoismus," (sagt' er zu sich) "nicht meinet-, sondern ihrentwegen." Der Liebende will eine grosse, unbeschreibliche Liebevon der er sich immer nur als den zufälligen und unwerten Gegenstand glaubt –, bloss um selber die höchste zu geben.

Sogar der schweigende Lektor, der sonst alle neu aufgehende Lichter hinter Licht- und Ofenschirme stellte, teilte ungebeten dem Grafen die Neuigkeit zu, Liane werde bei der kommenden Fürstinetwas, Gesellschaftsdame. Sein alter eifersüchtiger Argwohn über Augustis Wünsche oder Verhältnisse erlaubte ihm keine Antwort darauf.

Jetzt ermannte sich sein Geist, und er schrieb geradezu an die Seele, die ihm gehörte; und schickte dem Bruder das Blatt zur Übergabe. – Dieser kam den Tag darauf; schien ihm aber noch keine Antwort zu haben, weil er sie sonst mit dem ersten Gruss gegeben hätte. Karl führte ihn an den Haarhaarer Hof, wo er neulich gewesensagte, jeder Nerve da hätte Steifstiefeln an und jedes Herz einen Reifrockkam weiter preisend auf die jüngste, aber angefeindetste Prinzessin, Idoineerklärte, sie besitze nach allen Vorzügen, z.B. der Heiligkeit, der Güte, des entschiednen Charakters, der sich sogar auf dem Trone sein eigenes Los und Leben aussucht, ferner der Liebenswürdigkeit, da sogar die niemand liebende Fürstin-Braut an ihrem Herzen hänge, noch den Vorzug der täuschenden Ähnlichkeit mit Lianen.

"Hat diese nun mein Blatt?" fragte Albano. Karl händigt' es ihm wieder ein: "Bei Gott!" (sagt' er feurig und doch doppelsinnig) "ich konnte' es ihr jetzt nicht beibringenAber Bruder, kannst du nur eine Minute lang glauben, sie bleibe nicht ewig die Deinigste?" – "Ich glaube gar nichts" (sagte Albano beleidigt und zerriss sein Blatt in Blättchen von der Grösse der Buchstaben darauf) – "Wollen nur wir" (fuhr er mit gerührter stimme fort) "bleiben, wir wie sind, fest wie Eisen und biegsam wie Eisen aus Glut!" Der gerührte Freund suchte folgenden Trost hervor: "Erwarte doch nur den IlluminationsAbend128da spricht sie mit dirsie muss durchaus erscheinen, und du sollst dich wundern, in welcher Rolle und für wen." Er nickte stumm; er setzte sich ihre Rolle leicht aus ihrer Ähnlichkeit mit Idoine und aus ihrem angeblichen Hofamte zusammen; aber was half es seinem Glück?

Mit der Umkehr seines Blättchens, das er wider seinen Ehrgeiz abgeschickt, kam dieser verstärkt zurück. Nun war auf Albanos blutende Lippe ein heisses Siegel gedrückt; er hatte nun nichts für und vor sich als die Zeit, die jetzt sein Gift wurde, und erst später, wie er hoffte, seine Arzenei. Über sein aufgerufenes Ehrgefühl wurde überhaupt nichts Herr; er konnte hinaufsehen zu einer Richtstätte, auf der Blut aufsprang, aber er konnte nicht an einen Pranger schauen, wo unter gift-schwerer, tötender Pein eigner und fremder Verachtung ein niederblickendes, verworrenes Gesicht auf die sündige Brust hing.

Karl näherte sich zuweilen mit einigen Lichtern dem langen, nächtlichen Rätsel; aber Albano, so sehr er sie wünschte, machte ihn irre durch Entgegentreten und suchte ihn nicht einmal auszuhören, geschweige auszufragen. So lag er auf harten, jugendlichen, stachlichten Rosen-knospen, die eine einzige Stunde zu weichen Rosen aufschliessen kann. Siege geben Siege – – wie Niederlagen Niederlagen; er fand jetzt gegen die Empfindungen, die ihn belagerten, wenn nicht einen Entsatz, doch eine auf die Ewigkeit verproviantierte Bergfestung in einerSternwarte. Mit ganzer, festzusammengefasster Seele warf er sich auf die teoretische Sternkunde, um nicht den Tag, und auf die tätige, um nicht die Nacht zu sehen. Die Sternwarte stand zwar auf einem Zwischenberge zwischen der Stadt und Blumenbühl und deckte beide auf; aber er schickte seine Augen nur auf Sternbilder, nicht auf jene rosenroten Stellen der Erde aus, wo sie jetzt aus den kalten Blumenkelchen nur wasser statt Honig hätten saugen können. So ging er unter den fest-Zurüstungen in Lilar dem langsamen Abend, wo ihn die Gegenwart der schönsten Seele entweder segnen oder zerstören sollte, bewahrt entgegen, vergeblich von Zeit zu Zeit zum fernen Telegraphen seines Schicksals aufblickend, der sich immer bewegte, ungewiss, ob friedlich oder kriegerisch.

74. Zykel

Die Siegel von den inrotulierten Akten der bisherigen geschichte zur Einsicht abnehmenoder die blinden Fenster derselben ab und die wahren aufreissenoder so viele bedeckte Wege und Wagen aufdeckenoder endlich die ganze Sache – – das sind lauter Metaphernund die unähnlichsten dazu –, welche zu nichts dienen können, als die lang' erwartete Auflösung, welche sie beschreiben wollen, nur noch länger und verdrüsslicher aufzuhalten; vielmehr, glaube' ich, wird besser der ganze krieges- und Friedensetat im ministeriellen Palaste sogleich frei entblösset wie folgt:

Herr von Froulay war, wie schon gedacht, mit einem belle-vue im Gesicht und mit einem mon-plaisir im Herzen (falls diese Wendungen nicht mehr gesucht als ausgesucht scheinen) von Haarhaar nach haus gekommen. Er sagte seiner Frau offen, was ihn bisher so lange aufgehalten und bezaubert, – die künftige Fürstin, die für ihn mehr als gewöhnliche Neigung