kann ich denn für meinen Glauben, der dich auch so schmerzt?" Und hier konnte sie ihre Tränen nicht mehr hindern, und alle Kruzifixe der Erinnerung regten sich in der schönen Seele lebendig und bluteten heftig.
"Gottes Wille?" (fragt' er) – "Ebensogut könnt' er jetzt einen Winter wie einen Eisberg in diesen frohen Sommer stürzen – Gott?" wiederholt' er, sah auf, kniete hin und betete: "O, du alliebender Gott..."
"Und du stirbst mir nicht!" kehrt' er sich wie zornig gegen sie, zum Weiterbeten unfähig vor dem Geschrei seines Herzens und mit beiden Händen hastig über sein nasses Gesicht wegstreifend – Nun betete er sanfter-zitternd fort: "Nein, du Alliebender! töte nicht dieses schöne, junge Leben! Lass uns beisammen, lang und fromm!"
Sie kniete unwillkürlich neben ihn – heute matter von Freuden und unbekannten inneren Siegen, sogar vom langen Gehen – desto heftiger angefallen von einer rührenden Wirklichkeit, da sie von rührenden Phantasien verwöhnt und erweicht war – und unsäglich leidend bei Albanos Schmerz – sie konnte nicht reden – wie unter einer schnell aufgeworfnen Last bückte sich ihr Haupt und Hals – und so blickte sie, wie vom ganzen Leben schwer umwölkt, auf den Boden hin – der umfangende Todesfluss rauschte mit einem Arm um sie – da sah sie, ohne aufzublicken, irgendwo ihre Karoline im Brautkleide und mit dem weissen, gold-punktierten Schleier ziehen, der sich lang über das Leben wegschleppte, und sie sah es deutlich, wie die Gestalt, da Albano um ihr Leben bat, langsam hin- und herschüttelte.
"Hör auf zu betenl" (rief sie trostlos) "Du harte Erscheinung, erhöre aber mich und mache nur Ihn glücklich!" betete sie, aber sie sah nichts mehr; und sie verbarg das von Qualen durchzogne Gesicht mit unaussprechlicher Liebe an seiner Brust.
Hier rief ihr Bruder herauf, der Wagen sei da. Sie warf ein schnelles, dünnes Ja hinab. "Trennen wir uns?" fragte Albano; der Feuerregen der Entzückung war nun als ein finsterer Aschenregen in seine offne Seele zurückgefallen – und darum fuhr er ohne alle Schranken seines Schmerzes fort: "So haben wir uns zum letztenmal gesehen?" und unter dem geschlossenen Augenlide weinte sein gutes Auge.
"Nein, bei dem Allgütigen, nein!" sagte sie und stand auf, um zu gehen. "bleibe!" sagt' er, und sie blieb und umarmte ihn wieder. "Aber begleite mich nicht!" bat sie. "Nicht!" sagt' er und hielt die Wegziehende lang' an den Fingerspitzen; es schmerzte ihn so sehr, da er die auf diese stille Gestalt getriebnen Leiden ansah, dass diese weissen Schwingen der Unschuld sich an seinen Klippen und Berghörnern voll Blut geschlagen. Er zog sie wieder an sich, eh' er sie und sein Heil entliess. Er sah ihr nach, wie sie langsam an dem sonnigen Berg, unter den Zweigen sich trocknend, hinunterschlich und gesenkt lauter heitere, blühende Wege des Vormittags ging. Er schaute aber nicht nach, da ihr Wagen über den fröhlichen Wald wegrollte; er stand am Morgenfenster und sah seine Kindheits-Berge zittern, weil er seine Augen zu trocknen vergass.
Sechzehnte Jobelperiode
Die Leiden einer Tochter
73. Zykel
Wolken wie die letzten bestanden für Albano weniger aus niederfallenden Tropfen als aus niedersinkendem Staub. Sein Leben war noch ein Treibhaus und stand daher nach der Sonnenseite. Jeder Tag brachte eine neue Schutzschrift für die ferne schöne Seele, bis sie am Ende gar keine mehr brauchte. Aber jedem Tage gab er auch einen Ablassbrief ihres Schweigens mit; später wurden Anstandsbriefe (Moratorien) daraus; endlich als sie immer gar nichts von sich hören und lesen liess: so fing er an, in den obigen Schutzschriften wieder nachzusehen und manches darin auszustreichen.
Ebensowenig fand er für sich oder für ein Blatt eine Treppe zu ihr. Sogar der Hauptmann war seit einigen Tagen nach Haarhaar verreiset. Mit müden Händen hielt er den schweren, ausgetrunknen Freudenbecher, der leer am schwersten wiegt. – Die wilden Hypotesen, welche der Mensch in einem solchen Falle durch sich traben lässt – wie in diesem z.B. die von Lianens Krankheit, Erkältung Gefängnis, Abreise –, sind in ihrem Wechsel und Werte mit nichts zu vergleichen als mit der ebenso grossen Wildheit und Zahl der Plane, die er anwirbt und abdankt, z.B. den der Entführung, des Hasses, der Duelle, der Verzweiflung.
Die harte, feststehende Zeit hatte keinen Zeiger auf ihrem Zifferblatte. Er stand seinem Schicksal so nahe wie der Mensch seinen Träumen; ohne dass er beider Gestalt erkennen oder vorbereiten kann. Er ging oft in die Stadt, deren sämtliche Gassen durchritten, durchlaufen und durchfahren wurden, weil man die Balken zum herrlichsten Trongerüste zusammentragen und – nageln wollte, auf welchen sich die fürstliche Braut bei ihrem Eintrittskomplimente im land am weitesten umsehen konnte; aber er hörte nichts darin von der seinigen, als dass sie öfters mit dem Minister die Bildergalerie besuche.
Dadurch schienen zwei ängstlichen Hypotesen, die ihrer Krankheit und ihres Hauskriegs, die Stacheln auszufallen. Das Beste, obwohl Schwerste war, geradezu den Minister wie den Vesuv zu besuchen, um da die schönste Aussicht zu haben. Er besuchte den Vesuvius. In der Tat war dieser Vulkan nie stiller und grüner; er fragte nach allem und liess