Freund und jeder gute Mensch so froh, weil die Heilige sich selber selig sprach! Und dann wurde wieder sie es mehr. So schlägt, wie zwischen zwei Spiegeln, der Glanz der Wonne zwischen teilnehmenden Herzen in wachsender Vervielfältigung hin und her und wird unabsehlich.
72. Zykel
Die Stunde der Abfahrt rollte auf schnellern Rädern heran, mehrere Sternbilder der Freude gingen unter, als heraufkamen. So grünen die blühenden Weingärten des Lebens immer an einem bergigen Hinauf und Hinab, nie in einer ruhigen Ebene. Die zwei Liebenden brauchten jetzt Stille, keine Gänge. Sie machten den nächsten, den ins Donnerhäuschen. Sie traten in die wehende Vesper-Erde wie in ein neues Land; mitten im Tage wird der Mensch aus einem Traum nach dem andern wach und hat immer vergessen und sieht immer verneuet. In Albano stand der goldne Saitenglanz der Freude noch unter der wegrückenden Sonne; er sagte ihr froh, wie oft er sie besuchen würde bei ihren Eltern und wie er diese gewiss befreundet zu finden hoffte. Liane malte alle seine Hoffnungen noch als Tochter und Liebende mit ihren aus. Aber jetzt liess sie ihr vorhin leichtes Herz, das auf den Blumen des Scherzes sich wiegte, auf dem festern Ernst ausruhen.
Wenn im Menschen Friede und Fülle ist, so will er nichts mehr geniessen als sich, jede Bewegung, sogar die körperliche, verschüttet den vollen Nektarkelch. – Sie eilten aus dem lauten, regen Garten ins stille, dunkle Donnerhäuschen. Aber da sie, wie geschieden von der Welt, die um die Fenster hellglänzend und sich entfernend hinauslag, in der kleinen Dämmerung einsam nebeneinander standen und sich ansahen – und da Albanos Seele war wie ein sonnentrunkenes Gebirge am Abend, licht, warm, fest und schön, und Lianens Seele wie die aufdringende Quelle am Gebirge, die hellrein und kühl und verborgen dahinrinnt, und nur vom Abendstrahl berührt, rosenrot glüht – und da diese einzigen Seelen gerade sich fanden in der weiten uneinigen Erde: so durchschauerte sie eine gewaltsame Freude wie ein Gebet, und sie stürzten sich ans Herz und glühten weinend und schaueten sich gross an in der Umarmung; – und an der Äolsharfe taten sich schnell die Flügeltüren eines begeisterten Konzertsaales auf, und herausschlagende Harmonien wehten vorbei, und schnell gingen die Pforten wieder zu.
Sie setzten sich ans luftige Morgenfenster, vor welchem die Blumenbühler Berge und Lilars Hügel und Pfade im Sonnenglanze lagen. Um sie war der Abendschatten und alles still, und die Äterharfe atmete leise. Sie sahen sich nur an und freueten sich ins Innerste hinein, dass sie einander liebten und bewahrten. Wie entronnen blickten sie, von dieser Burg beschirmt, hinab in die rauschende, bewegliche Welt; unten blies der Wind die Mohn und Tulpen-Lohe breiter und in die schwere, gelbe Ernte – die Silberpappeln, ewigen Mai-Schnee tragend, flatterten mit aufgewühltem Glanz – ein Taubenflug rauschte eintauchend ins Blau hinein – und drüben standen unter fliegenden Wolken die runden Tempel Gottes, die Berge, nebeneinander in Reihen und trugen bald Nächte, bald Tage – und der fromme Vater stand allein auf seiner Höhe und reichte seinem Rehe weiche Äste.
"So bleiben wir!" sagte Albano und drückte ihre liebe Hand mit seinen beiden an sein Herz. "Hier und dort!" (sagte sie) "Albano, wie oft hab' ich gewünscht, du wärest zugleich meine Freundin, damit ich mit dir von dir reden könnte. Wer weiss es auf der Erde, wie ich dich achte, als ich allein!" – "Hier und dort? – Liane, ich bin glücklicher als du, denn ich allein glaube an unser langes Leben hier", sagte er auf einmal verändert.
Welche Ursache es nun sei – entweder die, dass der Mensch gar nicht gewohnt ist, in einer von aller Zukunft und Vergangenheit abgelöseten reinen Gegenwart glücklich zu sein, weil sein innerer Himmel wie der physische immer gerade und nahe über ihm finsterblau aussieht, und erst um den fernen Horizont herum glänzend – oder dass es ein so zartes überirdisches Glück gibt, was wie der Mondschein von jeder Wolke zu dunkel wird, indes rohes wie das Tageslicht die breiteste verträgt – oder dass Albano zu sehr den Männern glich, die immer in der Freude ihre Kräfte so stark fühlen, dass sie lieber den Göttertisch umstossen als ein Gericht und Himmelsbrot weniger darauf sehen wollen, lieber ganz unglücklich sein als nicht ganz glücklich –: genug er konnte und wollte der Furcht und dem Verhüllen nichts mehr schuldig sein.
Daher als Liane ihn statt zu beantworten nur umarmte und schwieg, weil sie den ganzen Tag ihrem Versprechen treu bleiben wollte, die Festtapeten schöner Tage mit keinem Trauertuche auszuschlagen: so sagte er, wie von einem fremden geist fortgestossen, geradezu: "Du beantwortest nichts? – Nur Freuden, nicht Leiden soll ich teilen? – Du hast deinen Schleier nicht? Mich willst du schonen wie einen Schwachen? Und dich allein drückt dein Todes-Glaube fort? – Liane, ich will auch Schmerzen haben und alle deine, sag alles!"
"Wahrlich, nur mein Versprechen wollt' ich halten" (sagte sie) "und mehr nicht. Aber was soll ich denn zu dir sagen, Lieber?" – "Du stirbst also gewiss nach einem Jahre, glaubst du, Abergläubige? – Himmlische!" sagte er.
"Wofern es Gottes Wille so ist, gewiss!" (sagte sie) "O mein guter Albano, was