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der eine Mutter hat und ihre Liebe kennt, das Herz einer Tiermutter so kränken und zerreissen? Aber wir vergeben den Tieren, sagt Spener, auch nicht einmal ihre Tugenden." – "Lass uns zu ihm," sagt' er.

Sie kamen ausserhalb der Morgentore an dem Bergweg hinter dem Flötental oben an dem mittagshellen Häuschen des alten Speners an; aber da sie ihn laut lesen und beten hörten, gingen sie lieber in grosser Ferne vorüber, um in seinen heiligen Himmel nicht einmal ihren Schatten zu werfen.

Sie schaueten ins schöne, stille Flötental und wollten eben hinein; endlich sprach es zu ihnen mit einer Flöte hinauf. Ihre Freunde schienen drunten zu sein. Die Flöte klagte lange einsam und verlassen fort, keine Schwestern und keine Fontänen rauschten darein. Endlich keuchte neben der Flöte eine scheue, zitternde Singstimme angestrengt daher. Es war hinter den langen Gesträuchen Rabette. Sie rührte beide in die tiefste Seele, weil die arme mit dem arbeiten ihrer unbehülflichen stimme dem Geliebten das demütige Opfer des Gehorsams brachte. "O, mein Albano," (sagte Liane, sich entzückt an ihn schlingend) "welche Süssigkeit, dass mein Bruder glücklich ist und Seelenfrieden hat und durch deine Schwester!" – "Er verdient meinen," (sagt' er bewegt) "aber wir wollen sie beide nicht stören, sondern den alten Weg zurückgehen." Denn Rabettens Töne wurden oft zerschnitten, aber es war ungewiss, ob von Furchtoder von Küssen oder von Rührung.

Als sie wieder durchs Morgentor hereintraten: kam die Sängerin und Karl ihnen aus der grünenden Pforte entgegen, beide verweint. Karl, gewaltsam über lebendige Beete tretend und mit irrenden Augen, griff nach beider Hand mit seinen und sagte: "Das ist doch einmal ein Tag auf der Regenwelt, der nicht wie eine Nacht aussiehtBruder, aber wenn man so innig selig ist und Sphären vernimmt, so sinds solche Töne, wie man einmal zum Zeichen hörte, dass vom Markus Antonius sein Schutzgott Herkules weiche." – So werden die Freuden, wie andere Edelsteine, mechanische Gifte, welche bloss in der Ferne glänzen, aber berührt und verschlungen uns zerschneiden. Aber Albano versetzte lächelnd: "Da du dich jetzt fürchtest, Lieber, so hast du nichts zu fürchten; denn du bist nicht rein glücklich. Ich aber fürchte leider nichts." – "Bravo!" (sagte Karl) "Nun geht in eure Küche, Mädchen!" Er ging in den sogenannten "Tempel des Traums", drang aber bald in die verbotene Küche nach.

Albano besuchte Lianens Frühlingsstübchen. Hier malt' er sich jenen Glanz-Sonntag zurück, wo ihn Liane durch Lilar geführt, und er liess die Vergangenheit in die Gegenwart mildernd schimmern; aber diese überstrahlte sie. Draussen im Garten standen und glänzten, so schien es ihm, die reinen Säulen seines himmels, die Träger seines Tempels, die Bäume; und alles, was er hier neben sich sah, gehörte wieder zu seinem Glück, Lianens Bücher und Bilder und Blumen und jede kleine Zeichnung von ihrer zarten Hand.

Endlich trat die Heilige der Rotunda selberjungfräulich errötend über diese Nähe und über sein Errötenherein, um ihn ins kühle Esszimmer hinabzuholen. Es war klein und dämmernd, aber das Herz bedarf zu seinem Himmel nicht viel Platz und nicht viel Sterne daran, wenn nur der der Liebe aufgegangen. Zu den Tischredenwodurch erst ein Essen ein menschliches wirdund zu den Scherzenden feinsten Zwischengerichten, dem Streuzucker des Gesprächslieferten die Kinder das Ihrige, zumal da sie, unfähig, vom verbotnen Du zum Sie zu steigen, immer Du-Sie zugleich gebrauchten. Die hochrote Chariton machte Auszüge aus Dians Briefen und aus ihrer Lebensgeschichte und aus den Wundzetteln von Pollux' Armbruch; sie suchte die Schneeballen zu schätzen, hörte schalkhaft-gläubig auf den Hauptmann hin, der das scherzhafte Ehe-Du gegen Rabette zu fünf Akten verspann, und lächelte gern da, wo es verlangt wurde. Am meisten lief die Spielwelle aller Seelen, Karl, fröhlich um; dieser Jupiter, den immer die Finsternisse so vieler Trabanten umflogen, konnte einen grossen, heitern Glanz zeigen, wenn er und man wollte. Sooft Albano wie vorhin nicht in sein Trauerspiel ging, zog er den Vorhang eines Lustspiels auf. Der guten Rabette war sein Anreden so viel wie sein Anschauen, obwohl sie nur das letztere erwiderte, um weder ins Du noch Sie zu fallen. Albano, mit Ohren und Augen an eine Seele geknüpft, konnte mit den Lippen nicht viel mehr hervorbringen als ein seliges Lächeln; einen Hymnus hätte er leichter gemacht als ein Bonmot, ein Tischgebet leichter als eine Tischrede.

Denn seine Liane war heute zu liebreich! So vergnügt und ermunternd schaute das süsse Mädchen umher, mit so herzlichem Spiel die gesprächige, nekkende Wirtin machend, dass ein Mann, der es sah und an ihren festen Sterbeglauben dachte, von diesem Tanz um das Grab mit Blumen auf dem Haupt nur desto inniger gerühret wurde, wenn er auch merkteoder vielmehr eben darum –, dass sie hier mit dem Scherze selber Scherz treibe, bloss umnach ihrer neuen moralischen Trauerordnungihrem Geliebten jede Scheide-Stunde zu versüssen, sowohl die nächste als die letzte. Aber das war schwer zu merken, weil in weiblichen Seelen jedes Scheinen leicht Wahrheit wird, nicht nur das trübe, auch das frohe.

Wie wurde ihr