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ist es denn nicht einerlei, wo ein Mensch liebt?" sagte Albano. – Seliger, dessen Herz nichts braucht als noch eines, aber keinen Park dazu, keine opera seria, keinen Mozart, keinen Raffael, keine Mondsfinsternis, nicht einmal einen Mondschein und keinen vorgelesenen oder nachgespielten Roman!

"Zuerst muss ich meine Chariton sehen", sagte Liane. – "Die kann uns ja" (nahm ihr Bruder sogleich auf) "unser Essen in den gotischen Tempel nachtragen." – Er wollte an diesem holden Tage im 12ten Jahrhundert essen und bei einem bänglichen, bunten Scheibenlicht und auf eckigem, schwerem, dickem Gerät und gleichsam dunkel unter der Erde der oben grünenden Gegenwart mit blühenden Gesichtern sitzen; denn so überlud er die vollsten Genüsse noch mit äussern Kontrasten und genoss jede frohe Gegenwart am meisten in der nahen Beleuchtung und Abspieglung der geschliffnen Sichel, die sie abmähte126. "Gott bewahre und behüte, Freund!" sagte Rabette. Auch Albano fand die freundliche Griechin, ihre lachenden Kinder und die nahen Rosenfelder besser dazu; und siegte mit Lianen. Vor dem belaubten Häuschen liefen ihnen die Kinder entgegen, Helene mit dem Schürzchen voll aufgelesener Orangenblüten, weil ihr das Brechen verboten war, und Pollux im letzten, leichten Verbande des gebrochnen Arms, dessen Hand jetzt mit der Rechten am hohlen Zusammenfalten und Platzen der Rosenblätter hatte arbeiten müssen. Beide berichteten ein: "die Mutter sei noch nicht fertig und habe sie zuerst angezogen." – Aber schon nett und einfach wie zum Priesterin-Tanze um den Altar froher Götter sprang Chariton ihrer Liane entgegen und passete die schnell angelegten Kleider nur noch durch ein leichtes rücken und Zucken gar an. "Das ist" (sagte Roquairol, nachdem er von Rabetten das nickende Ja sehr leicht dazu erhalten, weil sie seine französische Bitte um dasselbe nicht verstanden) "meine Gemahlin seit gestern –", und er genoss ohne Umstände das Du-Recht, das sie seit dem freundlichen Zuspruche des Ministers mit jungfräulichen Ahnungen lieber annahm.

Da Liane freundlich vier Gäste des Mittags bei Chariton anmeldete: so standen in den schwarzen Augen der Griechin Freudenblitze, und das kleine Gesicht mit italienischen grossen Augenbraunenbogen wurde ein feststehendes Lächeln, das nicht Küchenverlegenheit, sondern nur zungenlose Freudigkeit war, welche ihren weissen Zahnhalbzirkel noch weiter glänzen liess, da Karl vollends sagte: "Du kannst ihr ja helfen, Frau!" – "Das versteht sich!" sagte Rabette ganz entzückt, weil ihr Herz weiter keine andere Lippen hatte als ihre beiden hände, für welche es so viel war, als wenn sie von der geliebten gedrückt würden, wenn sie für sie harte Arbeit angreifen durften. Verwünschte sie nicht so oft ihre unberedte, stockende Kehle, wenn Roquairol vor ihr seine feurigen Ströme brausen liess? – Jetzt, da er wieder die Nähe mit künstlichen, schattierenden Scheidungen ausgeschmückt hatte, drang er freilich darauf, dass Chariton die expedierende Sekretärin bliebe und Rabette nur unterzeichnete. Auch Liane wollte aus gleicher Weiblichkeit etwas für ihren Liebling schaffen; aber da sie als ein Mädchen von stand nichts kochen konnte, sondern nur etwas backen, so wurde' ihraber ungern von ihrem Freunde, der die süsse Gestalt nirgendswo gern sah als, wie andere Schmetterlinge, nur unter Blumen bei ihmzugestanden, ganz spät und zehn Minuten lang mit den Augen und in seltenen Fällen mit den drei Schreibfingern an den Schneebällen mitzuarbeiten, welche das Dessert beschliessen sollten.

Einen breitern Baldachin oder einen schöner geschnitzten Zepter und Apfel hatte noch keine KüchenBallkönigin, oder gar schönere dames d'atour, als Chariton; und Geschirr und Feuer wurden ganz dadurch verdunkelt.

Nun gingen die glücklichen Paareund die Kinder mithinaus in den freudigen Tag, in den jugendlichen Garten, um wie Wandelsterne mit ihren Monden einander bald nahe, bald ferne, bald im Gegenschein, bald in der Zusammenkunft zu stehen auf der himmlischen Kreisbahn um dieselbe Sonne. "Wir wollen auf geratewohl" (sagte Karl im Hafen) "ausschiffen und zusehen, ob wir uns nicht treffen." – Albano ging mit Lianen den Kindern nach, die schon an den kleinen Häusern durch die Rosengänge hüpften, auf die Brükke über den singenden Wald. Wem das Herz so ruhigselig schlägt, der sucht in der unsichtbaren Kirche keine sichtbareder ganze Tempel der natur ist der Tempel der Liebe, und überall stehen Altäre und Kanzeln. Auf dem glattniedergehenden Lebensstrome steht der Mensch ohne Ruderselig in seinem Kahn und regiert ihn nicht.

Dann lenkten die Kinder, eingedenk der mütterlichen Auswanderungsverbote, auf der Brückenhöhe rechts hinüber zu den westlichen Triumphbogen, und Helene lief bloss als ziehende Führerin des Rekonvaleszenten mit seiner Hand recht unerwartet wild voraus. Albano folgte den kleinen Lotsmännchen und Leitündchen so gern. Himmel! wenn sie sich so auf der herrlichen Höhe umsahen und in den reich ausgebreiteten Tag und in ihre Augen darauf: wie wölbten sich die Bogen der Lebensbrücke so frei und weit, und die Schiffe flogen mit aufgeblasenen Segeln und stolzen Masten hindurch! – Rosenbäume kletterten an den Triumphbogen herauf, die Kinder langten hinaus, knickten Rosen von ihrem Gipfel und trabten, den fremden Gehorsam verarbeitend und erprobend, über vier Tore hinweg, um von dem fünften in den glatten, blanken See darunter zu schauen und in den "Zauberwald" hinabzusteigen, wo die Kunst wie die Kinder spielte.

Aus dem Eingange des Waldes traten Karl und Rabette heraus, um zu Chariton über die Bogen zurückzugehen, jener zum Flaschenkellerer