mächtiger? Welche Menschen solltest du dann an deinem Herzen haben! Du Lieber!"
*
Wie beschämt' ihn diese vollblühende Liebe, die es gar nie recht weiss, wenn sie verkannt wird, und die keine andere Schuld voraussetzt als eigne! – Wie tat ihm die gebotene Entfernung jetzt nach der freiwilligen weh! – Er konnte sie nun lieben als einen wehrenden Engel vor dem Paradiese, wie viel mehr als einen gebenden in ihm! – Aber schwer ist es einem mann, fühlte der Jüngling, im weiblichen Herzen, zumal in diesem, Absicht von Instinkt, Ideen von Gefühlen rein zu sondern und an diesem dunkeln, vollen Himmel alle Sterne zu zählen und zu reihen. – Jede Härte, jede unscheinbare Knospe ging zuletzt als Blume auf; und ihr Wert breitete sich wie der Frühling stückweise aus; indes gewöhnlich von andern Mädchen ein Reisender, der sie besucht, sogleich beim ersten Abschiede abends eine kleine vollständige Blumenlese aller ihrer Reize und Künste fortnimmt, wie ein BrockenPassagier im wirtshaus einen niedlichen Strauss überkommt, aus den Moosarten gebunden, welche der Berg trägt.
Er glaubte, sie sei nun bei den Eltern, und folgte nicht als zerrender Knabe, sondern als einstimmiger Mann dem Riesen des Schicksals nach. Im Garten herrschte Regenwetter, die Aussaat jedes starken Gewitters, das immer wie ein Krieg den Kriegsschauplatz verdirb.
Das verheissene Blättchen erschien: "Sei nur froh. Wir sehen uns sehr, sehr bald, und dann recht selig. Vergib mir! – ach, ich sehne mich am meisten. –
L."
Jetzt empfand er es, welche Tage es waren, die sonst – d.h. bloss vor einigen Tagen – vor ihm wie göttliche Erscheinungen vorübergezogen waren und die nun wieder heraufsteigen sollten in Osten als wiederkehrende Sterne! – Warum schneidet sich erst das verlorne Gut wie ein scharfer Demant so tief ins Herz? Warum müssen wir erst etwas beweinet haben, eh' wir es heiss bis zum Schmerze lieben? –
Albano warf Vergangenheit und Zukunft von sich weg, um nur ganz rein in der Gegenwart zu wohnen, die ihm von Lianen versprochen worden.
71. Zykel
Am Sonntags-Morgen, als der ganze blaue Himmel offen stand und die Erde festlich geschmückt mit Perlen und Zweigen, klopfte an Albanos tür ein leiser Finger, der einer weiblichen Hand gehören musste. Liane trat so früh schon herein; Rabette und Karl riefen draussen einen lauten Gruss. An seiner jauchzenden Brust lag das schöne, vom Gehen blühende Mädchen mit seligen, hellen Augen, eine frisch-betauete Rosenknospe. Es war sein schönster Morgen, er fühlte rein, dass Liane liebe. Als die Äolsharfe einklang, sah sie hin, erinnerte sich errötend an den schönsten BundesAbend und hörte still zu und trocknete das Auge, da sie es wieder auf Albano wandte. – Aber er konnte in diesen Tempel der Freude nicht eintreten, ohne sich gereinigt und geheiligt zu haben durch Offenheit über seine neulichen Irrtümer. Welcher süsse Wettstreit um Bekennen und Vergeben, da Liane liebend erschrak und bekannte, dass sie ihn neulich nicht erraten – dass nur sie die Schuldige sei und dass sie jetzt schon besser sprechen wolle. Sie konnte sich über die verdeckten Schmerzen, die sie ihrem Freund gemacht, gar nicht zufrieden geben. Wie Mahagoni-Geräte in keiner Temperatur bricht und keine Flecken annimmt und kein Polieren bedarf: so ist dieses Herz, fühlte Albano; der sich nun schwur, überall, auch wo er sie nicht errate, zu sich zu sagen: sie hat recht.
Sie lösete ihm das Rätsel ihrer heutigen Erscheinung mit jenen freundlichen Mienen, welche ein guter Mensch verdoppelt, wenn er etwas zu versüssen hat: "sie gehe nämlich heute nach Pestitz zurück – aber spät, erst abends, erst um die Teezeit komme der Wagen, und ihnen bleibe ein ganzer Tag; und sie hoffe nicht, dass ihr Vater diesen Umweg über Lilar für einen Bruch ihres Versprechens nehmen werde." Ein liebendes Mädchen wird unbewusst kühner. – Darauf suchte sie ihn über die friedlichen Absichten ihres Vaters recht ruhig zu machen und stellte ihm seine Strenge, womit er sich und andere der Konvenienz unterwarf, als die Ursache seiner Verbote, so wie ihrer Zurückberufung zum Vermählungsfeste vor. Albano, so nahe am letzten Schwure, hielt ihn und sagte: sie hat recht.
Der Hauptmann trat mit der rotwangigen Rabette herein, in deren Augen die Freude blitzte. Das kleine Zimmer machte durch Enge und Verwirrung die Lust nicht kleiner. Karl, sonst so sehr dem Vesuve ähnlich, der in den ersten Morgenstunden noch beschneiet ist, stand schon mit einem warmen Gipfel da; er setzte sich ans Instrument und donnerte mit einem aufgeschlagnen Prestissimo von Haydn – diesem rechten Stundenrufer jauchzender Stunden – in die laute Gegenwart und spielte zur Verwunderung der Weiber das Schwerste so leicht vom Blatte, dass er mehr hinein- als herausspielte und vieles (z.B. den Bass) immer selber setzte, indes Albano mit fast komischer Treue in der Musik ebensosehr die Wahrheit wiedergab als in jeder geschichte, die immer in Karls mund wieder eine erlebte. Der Morgen legte allen Seelen die Flügel an, die der Mittag den Menschen immer bindet – daher die Aurora mit geflügelten Rossen fährt und der Tagsgott mit flügellosen. – "Aber wie sind nun unsere sieben Freudenstationen zu machen?" (fragte Karl) "denn der Tag liegt wie ein Gartensaal mit lauter Lustgängen nach allen Seiten vor uns offen." – "Karl,