er sich zur Erfüllung desselben heben und kann es schwer.
Der Graf ging am Morgen wie gewöhnlich in seine Hörsäle und Sprachzimmer der Stadt. In den erstern war es ihm schwer, nach den Sternen der Wissenschaften seine Instrumente und Augen festzurichten und zu visieren, da er auf einem solchen Meere voll Bewegung ging. In den letzteren fand er den Lektor kälter als sonst, den Bibliotekar wärmer, die Hauswirtsleute aufgeblasener. Er ging zu Roquairol, den er heute noch inniger liebte und behandelte, um gleichsam der beleidigten Schwester genugzutun. Karl sagte sogleich mit seinem tragischen schnellen Aufreissen des Vorhangs der Zukunft: "es sei alles entdeckt – – höchst wahrscheinlich!" Sooft Liebende sehen, dass die seefahrende Welt ihre Kalypsos-Insel – die doch frei auf der offnen See daliegt – endlich in die Augen bekommt und die Segel darauf richtet: so verwundern sie sich zum Verwundern. Hat denn irgendein Paradies so weite und niedrige Staketen – so dass jeder Vorbeigehende hineinsehen kann – als ihres?
Schon längst hatten, erzählt' er, die Doktors-Kinder immer etwas bei der Baumeisterin in Lilar zu holen, Blumen, Arzneigläser u.s.w.; gewiss als sehe- und Hörröhre Augustis – dieser sei wieder der Operngukker seiner Mutter – kurz sein Vater sei wenigstens bei der Griechin gestern gewesen, hab' aber zum Glück nur ein leeres Paket125 von Rabette an ihn (Karln) gefunden, das er nach den Freiheiten der ministerialischen Kirche auf- und zugemacht. "Warum zum Glück?" (sagte Albano) "Ich werde meine Liebe vor der Welt rechtfertigen und ehren." – "Ich bezog es auf mich," (versetzt' er) "denn nie war mein Vater freundlicher gegen mich, als seitdem er meine letzten Briefe erbrochen. Er ist diesen Nachmittag in Blumenbühl, und wohl mehr meinet- als der Schwester wegen."
Albano fürchtete nicht, dass die Stadt Minengänge unter sein Kindheitsland hintreiben könne, um etwa durch eine Flamme die glückselige Insel zu zersprengen – durft' er nicht seinem Wert und Mut und Lianens ihrem trauen? – aber es schmerzte ihn jetzt, dass er so unnütz der kindlichen Liane die Freude und das Verdienst einer kindlichen Offenherzigkeit genommen. Wie sehnt' er sich nun nach dem abbüssenden und belohnenden Augenblick des ersten Wiedersehns, nach dem nächsten Morgen! Er blieb bei seinem Freund wie bei einem Troste und ging erst zurück, als die Abendröte in den Regenwolken umherfloss. – Als er kam, fand er von Lianen schon einen Brief von heute:
"O, guter Albano! warum kamst du nicht? Wie viel hatte' ich dir zu sagen! Wie hab' ich Freitags deinetwegen gezittert, als die wütende Wolke dich mit ihrem Donner verfolgte! Du hast mich zu sehr vom Schmerz entwöhnt, so fremd und schwer wird er mir nun. Ich war den ganzen Abend untröstlich, endlich fiel mir nachts noch dazu ein, dass du wie von Ahnungen beklommen gewesen und dass es gern ins Donnerhäuschen schlage. Warum bist du doch da? Ich stürzte heraus und kniete neben meinem Bette und flehte Gott an, obgleich das Wetter längst verzogen war, dass er dich möge erhalten haben. Lächle über mein spätes Gebet; aber ich sagte zu ihm: du wusstest es ja, Allgütiger, dass ich beten würde. Ich wurde auch getröstet, da ich die Sterne ansah, und der gebrochene Strahl der Wonne zitterte in mir.
Aber am Morgen machte mich Rabette wieder traurig. Sie hat dich auf dem Wege weinen sehen. Tausendmal hab' ich untersucht, ob ich daran schuld habe. Sollt' es daher kommen – denn sie sagts –, dass ich dich mit meinen Sterbegedanken zu sehr betrübe? Nie mehr sollst du sie hören, auch der Schleier ist eingeschlossen; aber ich berechnete dich nach meinem Bruder, dem, wie er selber sagt, das Todes-Dunkel eine Abenddämmerung ist, wo ihm die Gestalten lieblicher werden. – Wahrlich, ich bin ganz selig – denn du sogar bist es, und hast doch so wenig an mir, nur eine kleine Blume für dein Herz, aber ich habe dich. Lasse mir mein Grab; wie von einem Berg kommt bessere fruchtbare Erde davon in mein Tal. O wie liebt man, Albano, wenn alles neben uns bricht und fällt und verraucht und wenn doch der Bund und Glanz der Liebe unzerrissen und fest auf dem wegfliessenden Leben steht, wie ich oft bei Wasserfällen mit Rührung auf den zerspringenden, reissenden Fluten einen Regenbogen unverrückt und unverändert schweben sah! – O, ich wollte, die Nachtigallen sängen noch, jetzt könnt' ich mit ihnen singen; deine Äolsharfe, meine Harmonika wünscht' ich in meiner Hand. Mein Vater war bei uns und heiterer und freundlicher gegen alle als je. Sieh! sogar er ist gut. Meine Eltern schicken gewiss kein Gewitter in unser Rosenfest. Ich tat ihm daher leicht den Gefallen – vergib es –, ihm zu versprechen, dass ich keine fremde Besuche in einem fremden haus – weil es unschicklich sei, sagt' er – annehmen würde Ich muss auf einige Tage nach haus wegen der fürstlichen Vermählung; aber ich sehe dich bald. O vergib! Wenn mein Vater sanft spricht, so kann meine Seele unmöglich Nein sagen. – Lebe wohl, mein Herrlicher!
L.
N. S. Bald fliegt wieder ein Blättchen auf deinen Berg. Sei nur in ewiger Freude! O Gott! warum bin ich nicht