!" Er lächelte, aber schmerzlich. "Und dann will ich noch seliger sein als heute!" sagte sie und erschrak, denn ein Blitz fuhr über sein ernstes Gesicht wie über ein zackiges Gebürge und zeigte es wie das des Kriegsgottes von Kriegsflammen erleuchtet.
Er schied schnell; liess sich nicht halten; sprach von Wetterkühlen, ging ins Wetter hinaus und liess Lianen in der Freude zurück, dass sie doch heute recht aus blosser reiner Liebe gesprochen habe. Aus dem letzten haus des Dorfs sprang ihm Rabette entgegen; über sein Gesicht fielen die Wetterbäche der verhaltnen Tränen herab; "was fehlt dir, was weinst du?" rief sie. "Du träumest", rief er und eilte vor allen Dingen ins Ungewitter hinaus, das sich plötzlich wie ein Mantelfisch erstickend über den ganzen Himmel hergeworfen hatte. Er suchte sich unter dem regnenden Blitzen zuerst die besten Beweise zusammen, dass Liane heilige Reize, göttlichen Sinn, alle Tugenden habe, besonders allgemeine Menschenliebe, Mutterliebe, Bruderliebe, Freundesliebe – nur aber nicht die glühende EinzigenLiebe, wenigstens nicht gegen ihn. Sie wird nur – er schliesset immer fort – von der Gegenwart so gänzlich gefasset und gefüllt, von meiner so gut als von der eines Armbruchs des kleinen Pollux, welche ihr Himmel und Erde verdeckt. – Darum wird ihr der Untergang des Lebens so leicht wie der eines Sternchens und alle Scheidungen dabei. – Darum stand ich so lange mit einer leidenden Brust voll Liebe neben ihr, und sie sah nicht in meine, weil sie keine in der ihrigen fand. – Und so ist es so bitter, wenn der Mensch, unter den gemeinen Herzen der Erde verarmend, durch das edelste doch nichts wird als zum letztenmal unglücklich.
Der Regen zischte durch die Blätter, das Feuer schlug durch den Wald, und der wilde Jäger des Sturms trieb seine unsinnige Jagd. Das erfreuete ihn als eine kühlende Hand, woran ein Freund ihn führte. Da er nicht durch die Höhle, sondern aussen am Bergrücken zu seinem hohen Donnerhäuschen hinaufstieg: so sah er eine dicke, graue Regennacht das grüne Lilar belasten, und auf dem gebognen Tartarus ruhte unter dem Blitz der erleuchtete Sturm. Er fuhr zusammen bei dem Eintritt in sein Häuschen vor einem Schrei, den seine Äolsharfe unter den Griffen des Windes tat; denn sie hatte einst, von der Abendsonne beglänzt, seine junge Liebe äterisch wie Sterne eingekleidet und war ihr mit allen Tönen nachgefolgt, da sie hinausging über das leidende Leben.
70. Zykel
Am Morgen darauf waren beide Gewitter aufgelöset in ein stilles Gewölke. – Und aus den grösseren Schmerzen wurden nur Irrtümer. Wir Schwache! wenn das Schicksal uns bei unserer Scheinhinrichtung mit der Rute berührt, nicht mit dem Schwerte: so sinken wie ohnmächtig vom stuhl und fühlen das Sterben noch weit ins Leben hinein! – Alle Fieber, so auch die geistigen, kühlt der neue, frische Morgen, so wie sie alle der bange Abend glühend schürt. Welcher von uns wickelte sich nicht an Abenden – dieser eigentlichen Geisterstunde der Plage-, Haus- und Poltergeister in den Faden, den er selber spann, den er aber für fremdes Fanggewebe hielt, immer enger durch Entfliehen und Wenden ein, bis er am Morgen seinen Schliesser vor sich sah, nämlich sich!
Albano sah auf dem ganzen gestrigen Kriegsschauplatz nichts mehr stehen als eine blasse, gute Gestalt in Halbtrauer, welche nach ihm mit unschuldigen Mädchenaugen umherblickte, und wornach er doch ewig hinübersah, wenn sie auch mehr eine Braut Gottes als die eines Menschen blieb. Er fühlte jetzt freilich mehr, wie hoch seine Foderungen an wirkliche Freunde stiegen, als sonst, wo er die höchsten an geträumte Wesen, die er immer gerade in die jedesmalige Form seines Herzens goss, nach Gefallen steigern konnte; und wie in ihm ein niemand schonender Geist regiere, der jedem fremden die Flügel nach seinen eignen ausdehnen wolle, weil er keine Eigenheit dulde ausser der kopierten.
Er hatte bisher von allen seinen Geliebten zu wenig Widerstand erfahren, wie Liane zu viel; beides schadet dem Menschen. Der geistige wie der physische wird ohne Widerstand der äussern Luft von der inneren aufgeblasen und zersprengt, und ohne Widerstand der inneren von der äussern zusammengequetscht; nur das Gleichgewicht zwischen innerer Wehr und äusserem Druck hält einen schönen Spielraum für das Leben und sein Bilden frei. – Männer dulden ohnehin – da nur die besten an den besten Männern feste, starke Überzeugung achten – diese an Weibern schwer und wollen letztere nicht bloss zu ihrem Widerschein, sondern auch zu ihrem Nachhall haben. Sie wollen, mein' ich, nicht bloss die Miene, auch das Wort bejahend.
Albano bestrafte sich mit einigen Tagen freiwilliger Entfernung, bis die unreinen Wolken aus ihm weggezogen wären, die den Sonnenzeiger seines inneren verschattet hatten. Bin ich ganz heiter und gut, sagt' er, so geh' ich wieder zu ihr und irre nie mehr. Er irret jetzt; ist ein fremder, unheimlicher Halbton einmal zwischen alle Harmonien zweier Wesen wiederkehrend durchgedrungen, so schwillt er immer feindlicher an und übertäubt den Grundton und endigt alles. Der Scheideton war hier die Stärke der männlichen Tonart neben der Stärke der weiblichen. Aber die höchste Liebe verwundet sich am leichtesten am kleinsten Unterschied. O, dann hilft es wenig, wenn der Mensch zu sich sagt: ich will mich ändern. Nur im schönsten, unverletzten Entusiasmus setzt er sich es vor; aber eben im verletzten, wo er kaum des Vorsatzes fähig wäre, soll