1800_Jean_Paul_052_134.txt

das mütterliche; aber Albano glaubte doch heute, das Gehenke nehme eine zu breite Stelle ein.

Sie sprach bloss von ihrer Mutter: "Ich sündige gewiss" (sagte sie) – "sie fragte mich so freundlich, ob du oft kämst, aber ich sagte nur Ja und weiter nichts. O, guter Albano, wie gern hätt' ich ihr die ganze Seele offen hingegeben!"

Er antwortete, die Mutter schiene nicht so offen zu sein, sie wüsste vielleicht schon alles durch den Lektor, und den reinen Trank der Liebe würden nun lauter fremde Körper trüben. Gegen Augusti erklärt' er sich sehr stark, aber Liane beschützte ihn ebenso stark. Durch beides gewann der Falschmünzer der Wahrheit, nämlich der Argwohnder, dass sie ihn wohl liebe, wie sie alles liebe, da sie an alles Gute gleichsam lebendig anwachse unter Albanos Empfindungen, die noch dazu heute so warm und froh gewesen waren, immer mehr Prägstempel und Umlauf.

Sie ahnete nichts, sondern sie kam wieder auf ihr Schweigen: "Warum tut mir es aber weh," (sagte sie) "wenn es recht ist? Meine Karoline, Geliebter, erscheint mir auch nicht mehr, und das ist wahrhaftig nicht gut." – Dieses Geisterwesen zog immer für ihn so schwül und grau herauf wie eben draussen das Gewittergewölke. Seine alte Erbitterung gegen die eignen Neckereien durch Luftaffen, die er nicht packen konnte, ging in eine gegen Lianens optischen Selbstbetrug über. Jener von Karolinen geschenkte Schleier, womit sie sich anfangs so erhaben eingekleidet für das Kloster der Gruft, dieser Reiseflor für die zweite Welt, war diesem Herkules längst ein brennendes, mit Nessus' Giftblute getränktes Gewand geworden, daher sie ihn nicht mehr vor ihm tragen dürfen. Der Schluss, dass der Wahn des Todes die Wahrheit desselben säe, und dass in der herübergerückten tiefen Wolke ein Zufall den schlagenden Funken des Todes leicht locke, fiel wie eine Trauer in seine Liebesfeste ein. So sind alle fremde Meerwunder der Phantasie (wie dieser Sterbens-Wahn) nur in der Phantasie (im Roman), aber nicht im Leben erwünscht, ausser einmal auf phantastischen Höhen; aber dann müssen solche Schwanzsterne sich wie andere bald wieder aus unserem Himmel zurückziehen.

Er sprach jetzt sehr ernstvon selbstmörderischen Phantasienvon Lebenspflichtenvon eigensinniger Verblendung gegen die schönsten Zeichen ihrer Genesung, zu denen er das Verschwinden der optischen Karoline so gut rechnete wie das Blühen ihrer Farbe. – Sie hörte ihn geduldig an; aber durch die Prinzessin, die, ihrer Liebe ungeachtet, ihm selten erfreuliche Spuren nachgelassen, hatte heute ihre Phantasie einen ganz andern Weg genommen, weit vor ihrem Ich und ihrem grab vorbei. Sie stand bloss vor Lindas Bild, von der ihr Julienne diesen Nachmittag schärfere Umrisse, als sonst Mädchen von Mädchen geben – "es ist ein sehr gutes Mädchen", sagt jedes von jedem –, anvertrauet hatte; Lindas männlicher Mut, ihre warme anhänglichkeit an Gaspard bei ihrer Verachtung des Männerhaufens, ihre Unveränderlichkeit, ihr kühnes Fortschreiten in männlichem Wissen, ihre herrlichen, oft harten, mehr körnigen als blumigen Briefe und am meisten ihr vielleicht nahes Hieherkommen nahmen ihr zartes Herz gewaltig ein. "Mein Albano muss sie haben", dachte immer dieses uneigennützige Gemüt und merkte, wenn die Prinzessin die Absicht demütigender Vergleichungen gehabt, sie nicht, sondern erfüllte sie. Dabei fand die Gute so viel höhere Schickung, – dass z.B. ihr Bruder nun nicht mehr der Nebenbuhler ihres Geliebten und seines Freundes seindass sie selber ihren kräftigen Albano vormalen könne der stolzen Romeiro, und dass ja, trotz alles Widerstandes, doch alle Geister-Weissagungen einander eingreifend fassten und hielten. – – Das alles sagte sie nun, weil sie nur ihre Schmerzen, nicht ihre Hoffnungen verbarg, dem Grafen gar ins Gesicht.

Welchen knirschenden Biss in sein weichstes Leben tat jetzt ein böser Genius! – Diese glühende, ungeteilte, nicht teilende Liebe hatte' er, nicht sie, – glaubt' er. Er war recht nahe daran, sein wie von einem Gewitterschlag auf einmal in die Höhe brennendes Wesen auch so zu zeigen; nur die schuldlose, weisse Stirn mit frohen Rosen in den kleinen Locken, der kindlichhelle Aufblick des reinen, blauen Augenpaars und das weiche Angesicht, das schon bei einem musikalischen Fortissimo und bei jeder Heftigkeit im fremden Bewegen oder lachen kränklich durch das klopfende Herz errötet, und sein verschämter Hass der Leichtigkeit, mit der ein Mann seine Allmacht und sein Geschlecht zum Erschrecken des zarteren missbrauchen kann, hielten ihn wie Schutzgeister ein, und er sagte bloss in jenem edlen Zorne, der wie eine Rührung klang: "O Liane, du bist heute hart!"

"Und ich bin ja so weich!" sagte die Unschuldige. Beide waren bisher am Fenster vor dem aus Lilar herschwellenden finstern Gewitter gestanden. Sie kehrte sich schnell umdenn sie konnte seit ihrer Erblindung, wo eine dunkle Wolke gegen sie zu fliegen geschienen, keine mehr lange ansehen –, und Albanos hohe Gestalt mit dem ganzen glühend-lebendigen Gesicht und mit den Seelen-Augen stand vom Abendlicht erhellet vor ihr. Sie legte mit der spielenden Hand, die er frei liess, sein dunkles Haar aus der trotzigen Stirn sanfter an die Seiten, strich die gedrängte Augenbrahme glatter und sagte, als sein blick wie eine Sonne stach und sein Mund sich ernst schloss: "O freudig, freudig soll künftig einmal dies schöne Angesicht lächeln