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in ihren Hängsterbebettendass an einer Kugelbahn, worauf man in ein klingelndes Mittelloch kegelt, die schräge Retour-Rinne die Kugeln leichter wieder einwandern liess, als sie über das Ackerland der Bahn (wenn man sie nicht warf) wegzubringen waren, und dass nirgends Orangerie zu sehen war, ausgenommen einmal, da zum Glücke die Gartentüre offen stand, als eben auf einem Schiebekarren ein blühender Orangeriekasten nach Lilar vorüberfuhr.

Der Hauptmann brauchte diese Züge bloss satirisch vorzutragen und damit die äusserlich lachende Rabette innerlich zu verwundenweil keine den Tadel ihrer körperlichen Absenker verträgt, es seien nun Kinder, Kleider, Kuchen oder Möbeln124 –: so konnten sich seine Berghöhen allmählich wieder entwölken, und Rabette konnte noch ungemeiner fröhlich sein.

Albano war in dieser tages-, gleichsam KindheitsFrühe und in diesem Paradiesgärtlein seiner Kinderjahre heimlich-froh denn in der ersten Liebe kommt, wie in Shakespeares Stücken, nichts auf die bretterne Bühne ihres Spieles an –; aber der heutige Nachwinter der gestrigen Erkältung wollte doch nicht schmelzen. Die Morgenbläue wurde mit immer hellern GoldFlocken gefüllter machte, da der Garten wie kleine Städte nur zwei Tore hatte, das obere und untere, wie eine Aurora dieses der Morgensonne aufder Glanz quoll über das dampfende Grün herein die unten ziehende Rosana fasste Blitze auf und warf sie herüberAlbano schied endlich voll Liebe und Seligkeit.

Aber die Liebe war grösser als die Seligkeit.

69. Zykel

Fliegender Frühling! (ich meine die Liebe, so wie man den Nachsommer einen fliegenden Sommer nennt) du eilest selber über uns pfeilschnell dahin, warum eilen Autoren wieder über dich? – Du gleichst der deutschen Blütenzeitdie nie einen Blütenmond lang ist –; wir lesen den ganzen Winter in Almanachen und Gleichnissen viel von ihrer Herrlichkeit und schmachten; endlich hängt sie dick an den schwarzen Ästen sechs Tage lang und noch dazu unter kalten Maigüssen, reissenden Wonnemondsstürmen und unter dem Stummsitzen aller halb-erfrornen Nachtigallenund dann, wenn man endlich in den Garten hinauskommt, ist schon der Fusssteig blütenweiss und der Baum höchstens voll Grün; dann ist es vorbei, bis wir wieder im Winter den Anfang eines Märchens herzerhoben hören: "Es war eben in der schönen Blütezeit." – Ebenso sehe' ich wenig Autoren am langen romantischen Sessions und Schreibetisch rechts und links für das Lesepult arbeiten, welche nach der langen Vorrede zur Liebe nicht diese, sobald sie wie ein Krieg erkläret ist, sofort schlössen; – und wirklich gibts zur Liebe mehr Stufen als in ihr; alles Werden, z.B. der Frühling, die Jugend, der Morgen, das Lernen, geht vielfärbiger und geräumiger auseinander als das feste Sein; aber ist dieses nicht wieder ein Werden, nur ein höheres, und jenes ein Sein, nur ein schnelleres? –

Albano wollte die fliegende, göttliche Zeit, wo das Herz unser Gott ist, schöner lenken, sie sollte mehr empor- als hinwegfliegen. Er zürnte den andern Tag mit niemand als mit sich. Er riss sich durch solche kleine und doch eng-umschnürende Schmerzen durch, durch einen Zustand wie bei einem Erdbeben, wo ein unsichtbarer Dunst den verstrickten, schweren Fuss hält; ich will mich lieber auf Bergen beregnen lassen, sagt' er, als in Tälern. Menschen von Phantasie söhnen sich leichter mit der ab- als anwesenden Geliebten aus.

Nach einigen Tagen ging er wieder nach Blumenbühl, kurz vor Sonnenuntergang. Ein brennendes Rot schnitt durch die Laubnacht. Sein finsterer Holzweg wurde' ihm von den dareinhüpfenden Flammen zu einem verzauberten gemacht. Er setzte seine beleuchtete Gegenwart tief in eine künftige, schattige Vergangenheit hinein. O, nach Jahren, dachte' er, wenn du wiederkommst, wenn alles vergangen ist und verändertdie Bäume gewachsendie Menschen entwichenund nur die Berge und der Bach gebliebenda wirst du dich selig preisen, dass du einmal in diesen Gängen so oft zum schönsten Herzen reisen durftest und dass auf beiden Seiten die klingende und glänzende natur mit deiner freudigen Seele mitging, wie dem kind der Mond durch alle Gassen nachzulaufen scheint. – Eine ungewöhnliche Entzückung warf durch sein ganzes Wesen den langen, breiten Sonnenstreif, die fernsten Blumen seiner Phantasie taten sich auf, alle Töne gingen durch einen hellern Äter und näher heran. Auch die Blumen ausser ihm dufteten stärker, und der Glockenschlag tönte näher; und beides sagt Ungewitter an.

So innigfroh erschien erund zwar ohne Roquairol, der überhaupt immer seltner kamvor der Geliebten oben in seinem Kindheitsmuseum, ihrem Gastzimmer, das jetzt der gewöhnliche Spielplatz seiner Besuche war. In einem weissen Kleide mit schwarzem Besatz, wie in schöner Halbtrauer, sass sie am Zeichentisch, mit schärfern Augen in ein Bild vertieft. Sie flog ihm ans Herz, aber um ihn bald wieder vor die Gestalt zu führen, an welcher ihres wie in Mutterarmen hing. Sie erzählte, heute sei mit der Prinzessin ihre Mutter dagewesen, und diese habe so viele Freude über ihre genesende Farbe gehabt, so unendliche Güte gegen die glückliche Tochter. "Sie musste sich" (fuhr sie fort) "von mir ein wenig zeichnen lassen, damit ich sie nur länger ansehen und etwas von ihr dabehalten konnte. Jetzt zeichn' ich das Gesicht weiter aus, es ist aber gar zu schlecht geraten." Sie konnte ihre Phantasie weder vom Bilde, noch weniger vom Urbilde loswickeln. Freilich kann auf einem töchterlichen Herzenoder gar in ihm kein schöneres Medaillon hängen als