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feurigen Verschmelzen ihrer Seelen störe.

Er fragte, was sie lese; sie stockte bedenkend; ein schnell heranfliegender Gedanke schien ihr Herz zu öffnen; sie gab ihm das Buch und sagte, es sei ein französisches Manuskript, nämlich geschriebene Gebetevon ihrer Mutter vor mehreren Jahren aufgesetzt –, welche sie mehr rührten als eigne Gedanken; aber noch immer blickte durch das zartgewebte Gesicht ein Klostergedanke, der ihr Herz zu verlassen suchte. – Was konnte Albano dieser Herzens-Psalmistin vorwerfen, wer kann einer Sängerin Antwort geben? – Eine Betende steht wie eine Unglückliche auf einer hohen, heiligen Stätte, die unsere arme nicht erreichen. – – Aber wie schlecht müssen die meisten Gebete sein, da sieobwohl früher als Reize bezaubernd gleich dem Rosenkranz, der aus wohlriechenden Hölzern gemacht wirdspäter, im Alter, nur als Flecken und der Reliquie oder dem Totenkopf ähnlich wirken, womit eben der Rosenkranz aufhört!

Ohne auf seine Frage zu warten, sagte sie ihm auf einmal, was sie unter ihrem Gebete gestöret habe; nämlich die Stelle in diesem: "O mon dieu, fais que je sois toujours vraie et sincère etc.", da sie doch ihrer lieben Mutter bisher ihre Liebe verschwiegen habe. Sie setzte dazu, sie komme nun bald, und dann werde ihr das verschlossene Herz aufgetan. "Nein," (sagt' er fast zornig) "du darfst nicht, dein Geheimnis ist auch meines." – Männer verhärtet oft das in der Prosa, was sie in der Poesie erweicht, z.B. weibliche Frömmigkeit und Offenherzigkeit.

Nun hasste niemand mehr als er das Eingreifen der elterlichen schreibe- und Zeige- und Ohrfinger in ein Paar verknüpfte hände; nicht dass er etwa vom Minister Kriege oder Nebenwerber befürchteteer setzte eher offne arme und Freudenfeste voraus –, sondern weil seinem befreieten und befreienden, grossmütigen geist nichts peinlicher widerstand als die widrige Erwägung, was nun auf dem Altar der Liebe an das heilige Opferfeuer die Eltern für schmutzigen Torf zur Feuerung nachlegen oder für Töpfe zum Kochen ansetzen könntenwie leicht dann sogar poetische Eltern sich oft mit den Kindern verwandeln in prosaische oder juristische, der Vater sich ins Regierungs-, die Mutter ins Kammerkollegiumwie wenigstens dann die Hofluft leibeigen mache, so wie nur der poetische himmels-Äter freiund welche Perturbationen seinem Hesperus von dem anziehenden Weltkörper, vom alten Minister bevorständen, der bei der Liebe nichts unnützer fand als die Liebe und dem die heiligsten Empfindungen für Standesehen so brauchbar schienen wie für Predigtämter das Hebräische, nämlich mehr im Examen als im Dienste. – So schlimm dachte' er von seinem Schwiegervater, denn er kannte das Schlimmere nicht.

Aber die gute Tochter dachte von ihrer Mutter viel höher als ein Fremder, und ihr Herz widerstrebte schmerzlich dem Schweigen. Sie berief sich auf ihren hereintretenden Bruder. Aber dieser war ganz Albanos Meinung: "Die Weiber" (setzte er, nicht in der besten Laune, hinzu) "mögen lieber von als in der Liebe sprechen, die Männer umgekehrt. " – "Nein," (sagte Liane entschieden) "wenn mich meine Mutter fragt, so kann ich nicht unwahr sein." "Gott!" (rief Albano erschrocken aus), "wer könnte auch das wünschen?" Denn auch ihm war freie Wahrheit der offne Helm des Seelenadels; nur sagte er sie bloss aus Selbstachtung, und Liane sie aus Menschenliebe.

Rabette kam mit dem Tee-Zeug und einer Flasche, worin für den Hauptmann Tee-Mark und Elementarfeuer oder Nervenäter war, Arrak. Er ging ungern am Morgen zu Leuten, bei denen er ihn erst am Abend trinken konnte; Rabette hatte gestern diese Unart gemeint und heute befriedigt. – "Wie kann das freie Ich" (sagte der gesunde Albano oft zu ihm) "sich zum Knechte der Sinnen und Eingeweide machen? Sind wir ohnehin nicht enggebunden genug durch die Körper-Bande, und du willst noch Ketten durch die Ketten ziehen?" – Roquairol hatte darauf immer dieselbe Antwort: "Umgekehrt! Durch Körper befreie ich mich eben von Körpern, z.B. durch Wein von Blut. Sobald du aus der Leibeigenschaft der leiblichen Sinne nie herauskannst und all dein Bewusstsein und dein Denken nur durch körperliche Dienstbarkeit, die auf dem Grundstück der Erde haftet, bei ihrem Adel bleiben: so sehe' ich nicht ab, warum du nicht diese Rebellen und Despoten recht zu deinen Dienern brauchst. Warum soll ich den Körper nur schlimm auf mich wirken lassen und nicht ebensowohl vorteilhaft?" – Albano blieb dabei, das stille Licht der Gesundheit sei würdiger als die Mohnöl-Flamme eines OpiumsSklaven; und die körperliche Kriegsgefangenschaft, die unser Geist mit der ganzen menschlichen Mannschaft leide, sei ehrenvoller als der persönlichkrummschliessende Arrest.

Indes heute konnte nicht einmal das spirituöse geschwefelte Teewasser eine gewisse Unbehaglichkeit aus Roquairol verwaschen, den das Nachtwachen bleicher, wie den Grafen feuriger gefärbt hatte. Es wollt' ihm nicht recht gefallen, dass der Herrschaftsgarten ganz in den Rahmen eines mannshohen Bretterverschlags eingezogen war, der weniger wie eine Billardsbande den Augapfel nicht hinaus-, als wie eine Marktschreierbude nichts hereinlassen sollte und der freilich keine andere Aussicht gewährte als die eigne Ansicht; ebensowenig erhielt der Lustgarten dadurch seinen Beifall, dass die Rasenbänke in der Laube, wo sie sassen, noch nicht gemäht warendass auf allen Beeten nur Einfassungsgewächse des Kochfleisches wehtendass noch nichts Reifes dahing als ein paar Maulwürfe