später!" Sie meinte aber ihre Blindheit und sagte, er sei ihr in dieser Augendämmerung an jenem Abend, wo er bei ihrem Vater ass, wie ein alter nordischer Königssohn, etwa wie Olo122 vorgekommen, und sie habe ihn wie ihren Vater und Bruder ehrend gefürchtet. Ihre hohe achtung für die Männer waren die wenigsten kaum zu erraten wert, geschweige zu veranlassen. "Und als du sehen konntest?" sagte Albano. "Das sagt' ich eben", versetzte sie naiv. "Aber da du meinen Bruder so liebtest" (fuhr sie fort) "und so gut warst gegen deine Schwester: so wurde' ich freilich ganz beherzt und bin und bleibe nun deine zweite Schwester – du hast ohnehin eine verloren – Albano, glaube mir, ich weiss es, ich bin gewiss zu wenig, zumal für dich, – aber ich habe einen Trost."
Verwirrt von dieser Mischung von Heiligkeit und Kälte, konnte er sie nur heftig küssen und musste, ohne sie zu widerlegen, sogleich fragen: "Welchen Trost?" – "Dass du einmal ganz glücklich wirst", sagte sie leise. "Liane, deutlicher!" sagt' er. Denn er verstand nicht, dass sie ihren Tod und Lindas Verkündigung durch Geister meinte. "Ich meine, nach einem Jahre," (versetzte sie) "nach den Prophezeiungen." Er sah sie stumm, wild, ratend und bänglich an. Sie fiel ihm weinend ans Herz und lösete plötzlich das Gedränge innerer Seufzer: "Bin ich denn dann nicht" (sagte sie heftig) "gestorben und sehe' aus der Seligkeit zu, dass du belohnet wirst für deine Liebe gegen Liane? Und das gewiss recht sehr!"
Weine, zürne, leide, frohlocke und bewundere immerhin, heftiger Jüngling! Aber du fassest diese demütige Seele doch nicht! – Heilige Demut! einzige Tugend, die nicht vom Menschen, sondern von Gott geschaffen wird! Du bist höher als alles, was du verbirgst oder nicht kennst! Du himmlischer Lichtstrahl, wie das irdische Licht123 zeigst du alle fremde Farben und schwebst unsichtbar ohne eine im Himmel! Niemand enteilige deine Unwissenheit durch eine Belehrung! Sind deine kleinen weissen Blüten gefallen: so kommen sie nicht wieder, und um deine Früchte deckt dann nur die Bescheidenheit ihr Laub.
Schmerzhaft zerteilte sich in Albano das Herz in Widersprüche, gleichsam in seines und in Lianens Herz. Sie war nichts als die lautere Liebe und Demut, und ihr Talentenglanz war nur ein fremder Besatz, wie Götterbilder von weissem Marmor den bunten nur als Zierat haben; man konnte nichts tun als sie anbeten, sogar auf ihren Irrwegen. Auf der andern Seite hatte sie neben weichen, beweglichen Gefühlen so feste Meinungen und Irrtümer, seine Bescheidenheit bekriegte so vergeblich ihre Demut, und sein Ansehn ihren Geisterwahn. Das feindselige Gefolge, das dieser nachschleppte, sah er so deutlich über alle Freuden ihres Lebens herziehen. Sein ihm ewig nachstellender Argwohn, dass sie ihn liebe, bloss weil sie nichts hasse, und dass sie immer eine Schwester statt einer Liebhaberin sei, drang wieder gewaffnet auf ihn ein. So stritt hier alles gegeneinander, Wunsch, Pflicht, Glück und Ort. Beide waren sich neu und unbekannt aus Liebe; aber Liane erriet so wenig als er. O wie zwei Menschen, ähnliche Wesen, einander fremd und ungleich werden, bloss weil eine Gotteit zwischen beiden schwebt und beide anglänzt!
Etwas blieb in ihm unharmonisch und unaufgelöset; er fühlt' es so sehr, da die Sommernacht für höhere Entzückungen schimmerte, als er hatte – da der tief im Äter zitternde Abendstern der Sonne durch die Wolkenrosen nachdrang, worunter sie begraben war – da die Ährenfluren dufteten und nicht rauschten, und die zugeschlossenen Auen grünten und nicht glühten – und da die Welt und jede Nachtigall schlief, und da das Leben unten ein stiller Klostergarten war, und nur oben die Sternbilder als silberne Äterharfen vor Frühlingswinden ferner Erden zu zittern und zu tönen schienen.
Er musste Liane morgen wiedersehen, um sein Herz auszustimmen. Rabette kam unendlich erheitert mit ihrem Freunde vom Berge herauf, beide schienen von Scherzen und lachen fast ermattet; denn Roquairol trieb alles, sogar den Scherz, bis zur Pein hinauf. Er hatte den Abendstern, auf den er heute eingeladen, in ein Treib- und Stammhaus lustiger Einfälle und Anspielungen umgebauet. Anfangs wollt' er nicht schon morgen mitkommen; aber endlich sagt' er es zu, da Rabette versicherte, "sie errate den feinen Herrn recht gut, aber er solle doch sie nur sorgen lassen".
Als die Morgenröte aufging, kam Albano mit ihm wieder, aber die Gartentüre am "Herrschaftsgarten" war schon offen und Liane schon in der Laube. Ein Akten-Heft (so schien es) lag auf ihrem Schoss und ihre gefalteten hände daneben, sie blickte mehr sinnend geradehin als betend empor; doch empfing sie ihren Albano so mild- und fremdlächelnd, wie ein Mensch einen ins Gebet hereintretenden Gast grüssend anlächelt und dann weiterbetet. Der Graf hatte sich bisher immer auf eine Zurückgezogenheit des Empfangs rüsten müssen. Ein Missverstand, der schnell wiederkommt, wirkt, sooft er auch gehoben sei, immer wieder so irrend und neu wie zum ersten Male. Er fühlte recht stark, dass ihn etwas Festeres als die erste jungfräuliche Blödigkeit, womit ein Mädchen für die blendende Sonne der Liebe immer ausser der Morgenröte noch eine Dämmerung und für diese wieder eine erfinden will, im