sündigen Gedanken hielt, dass nämlich er und Liane durch Schuld, Zeit oder Menschen aufhören könnten, einander zu lieben; hier, auf zwei Herzen vertrauend, trotzt' er kühn der Zukunft; – O, wer sagte nicht, wenn er im Vertrauen auf eine warme Ewigkeit seine Entzückung ausdrückte: die Parze kann unser Leben zerschneiden, aber sie komme und öffne die Schere gegen das Band unserer Liebe! Den Tag darauf stand die Parze vor ihm und drückte die Schere zu.
68. Zykel
Einst kam Roquairol ganz spät, um Albano mitzunehmen zur "Abendstern-Partie" auf der Sennenhütte, die jener mit Rabetten verabredet hatte. Der Hauptmann führte um die warmen Quellen seiner Liebe und Freude gern die Brunnenfassung ganz auserlesener Tage und Umstände; konnte' er es machen, so erklärte er z.B. seine Liebe etwa an einem Geburtstage – unter einer totalen Sonnenfinsternis – an einem Schalttag – in einem blühenden Treibhaus im Winter – hinter dem Stuhlschlitten auf dem Eise oder in einem Gebeinhaus; ebenso zerfiel er mit andern gern an bedeutenden Orten und Tagen, in dem Kirchstuhle – in Frühlings- oder Wintersanfang – in der Kulisse des Liebhaberteaters – auf einer Brandstätte – unweit des Tartarus oder im Flötental.
Albano aber war zu jung – wie andere zu alt –, um seine frischen Gefühle erst mit künstlichen Stunden und Stellen zu würzen; er machte lieber durch jene diese schöner.
Mit ungestümer Freude flog Albano auf den ungehofften Weg der Freude. Der gestrige Abend war so reich gewesen – die vier Paradiesesflüsse waren in einer Katarakte vom Himmel in sein Herz gestürzt – am heutigen wollt' er in die stäubenden Wirbel desselben springen. – Schon der Abendhimmel war so schön und rein, und der Hesperus ging mit wachsendem Glanz seine helldämmernde Bahn hinab.
Rabette wartete unten am Berge der Sennenhütte (des Schiesshäuschens), um ihn unbemerkt an die unvorbereitete Freundin zu führen, die im Fenster mit dem glänzenden Auge am Hesperus sinnend lag und an die vollen glühenden Herbstblumen dachte, welche nun in ihrem Leben so spät und so nahe neben der längsten Nacht aufgingen. Sie war heute über manches trübe. Sie hatte überhaupt bisher ihre Liebe mehr zu verdienen und zu rechtfertigen als zu geniessen und zu vergrössern, und mehr mit ihr das fremde Herz als das eigne zu beglücken gesucht. Wie sehnte sie sich unbeschreiblich nach Taten für Ihn – nur Opfer waren ihr Taten – und beneidete ordentlich ihre Freundin, die für Karl jedesmal doch ein – Getränk zu bereiten hatte! Da sie nichts weiter wusste, so drückte sie ihren Diensteifer durch grössere töchterliche Liebe und Annäherung gegen Albanos Eltern und Schwester aus; und lernte sogar ein wenig kochen, welches ihr andere Ministers-Töchter, die nichts machen als Salat und Tee, mit Nachsicht und mit dem Gedanken verzeihen müssen, dass sie in Lianens Falle auch nichts anders machen würden, sondern eher ein Gericht mehr. Ja, sie hielt Rabette für tugendhafter, weil diese mehr in die Breite und Länge tätiger sein konnte; Rabette hielt wieder Lianen für besser, weil sie lieber betete; den ähnlichen Irrtum verdoppelten sie über die Brüder: Rabetten kam Karl sanfter vor und Lianen Albano, beiden nach Schlüssen aus ihren gegenseitigen Berichten.
Solang' ein Weib liebt, liebt es in einem fort – ein Mann hat dazwischen zu tun –; Liane verwandelte alles in sein Bild und seinen Rahmen; dieser Berg, dieses Stübchen, diese für ihn einmal gefährliche Vogelstange wurden die Pastellstifte zu seinem festen Bilde. Sie kam immer darauf zurück, dass er etwas Besseres verdiene als sie; denn die Liebe ist Demut; der Trauring prangt mit keinem Juwel. Es rührte sie, dass ihn ihr früher Tod betrübe. Da sah sie noch das von Blattern erblindete Mädchen, das er einmal unwissend sich ans Herz gedrückt121; und sie fand sich mit dem Witze der Trauer auch darin der Blinden ähnlich, nicht bloss in der gleichen, obwohl kürzern Nacht, die einmal der Schmerz über ihre Augen geworfen.
So sanft wie ihr Ebenbild, der Hesperus, sich in den Abendhorizont des Lebens eintauchend, fand sie ihr Geliebter. Sie konnte nie sogleich aus ihrem Herzen heraus in die überraschende Gegenwart; ihre Wendungen waren immer wie der Sonnenblume ihre nur langsam, und jede Empfindung lebte lange in ihrer treuen Brust. Selten findet überhaupt der Liebende den Empfang der Liebenden dem letzten Bilde ähnlich, das ihm der Abschied mitgegeben; eine weibliche Seele soll – das begehrt der Mann völlig mit den Flügeln, Stürmen, Himmeln der letzten Minute wieder in die nächste brausen. Aber von jeher empfing Liane ihren Freund scheu und sanft und anders, als sie geschieden war; und zuweilen kam dem Feuergeiste dieses zarte Warten, dieses langsame Heben des Augenlids fast wie ein Umkehren in die alte Kälte vor.
Heute ergriff es den wärmern Grafen stärker als sonst. Wie ein Paar fremde Kinder, die miteinander bekannt werden sollen und sich anlächeln und anrühren, standen beide freundlich und verlegen nebeneinander. Sie erzählte, dass sie von seiner Schwester sich sein Kindeswagstück auf diesem Berge erzählen lassen. Eine Geliebte kennt keine schönere, reichhaltigere geschichte als die ihres Freundes. "O da schon" (sagt' er bewegt) "blickt' ich nach deinen Bergen! Dein Name ist wie eine goldne Inschrift an meine ganze Jugend geschrieben. Ach Liane, hast du mich wohl geliebt wie ich dich, als du mich noch nicht gesehen?"
"Gewiss nicht, Albano," (antwortete sie) "viel