die grosse Umarmung; aber die Seligen merkten es nicht. Wie ein Wasserfall überdeckte sie brausend das reiche Leben, und sie wussten es nicht, dass die Flöten schwiegen und alle Hügel glänzten.
Ende des zweiten Bandes
Dritter Band
Funfzehnte Jobelperiode
Der Mann und das Weib
67. Zykel
Vor der Bühne hab' ich die frohe Erfahrung gemacht, dass ich an den Schmerzen, die darauf sofort nach dem Aufzuge des Vorhanges erschienen, nur geringen Anteil, hingegen an Freuden, die sogleich hinter der Musik auftraten mit ihrer eignen, den grössten nahm; der Mensch will mehr, dass die Klage, als dass die Entzückung sich motiviere und entschuldige. Ohne Bedenken fang' ich daher einen dritten Band mit Seligkeiten an, die ohnehin das vorhergehende Paar überflüssig vorbereitete.
Jetzt in dieser Minute muss unter allen Adamsenkeln, welche ein freudiges Gesicht zum Himmel aufhoben und ihm einen noch schönern darauf nachspiegelten, irgendeiner gewesen sein, der den grössten hatte, ein Allerseligster. – Ach freilich muss auch unter allen tragenden Wesen auf dieser Kugel, die unser kurzer Lauf zur Ebene macht, eines das unglücklichste gewesen sein, und möge der arme schon im Schlafe liegen unter, nicht auf seinem steinigen Wege! – Ob ichs gleich wünschte, dass Albano nicht jener Allerglücklichste gewesen wäre – damit es noch einen höheren Himmel über seinem gäbe –, so ist doch wahrscheinlich, dass er am Morgen nach der heiligsten Nacht, im jetzigen Traume vom reichsten Traume, tief in den dreifachen Blüten der Jugend, der natur und der Zukunft stehend, den weitesten Himmel in sich trug, den die enge Menschenbrust umspannen kann.
Er sah aus seinem Donnerhäuschen, diesem kleinen Tempel, an dessen Wänden noch der Schimmer der Göttin stand, die ihm darin sichtbar geworden, auf die neugestalteten Berge und Gärten Lilars hinaus, und es war ihm, als säh' er hinein in seine weiss und rot blühende, mit Berg- und Fruchtgipfeln aufgeschmückte Zukunft, ein volles Paradies, in die nackte Erde gebauet. Er sah sich in seiner Zukunft nach FreudenRäubern um, die seinen Triumphwagen anfallen könnten; – er fand sie alle sichtbar zu schwach gegen seine arme und Waffen. Er stellte Lianens Eltern und seinen eignen Vater und das bisherige in der Luft arbeitende Geister-Heer mitten auf seinen Weg zur Geliebten hin; – in seinen Muskeln glühte überflüssige Kraft, sich leicht zu ihr durchzuschlagen und sie in sein Leben mitzunehmen durch Arbeit und Gewalt. "Ja," (sagt' er) "ich bin ganz glücklich und brauche nichts mehr, kein Schicksal, nur mein und ihr Herz!" Albano, möge dein böser Genius diesen gefährlichen Gedanken nicht gehöret haben, damit er ihn nicht zur Nemesis trage! O in diesem wildverwachsenen Leben ist kein Schritt, sogar in den blühenden Lustgängen, ganz sicher, und mitten in der Fülle dieses Kunstgartens erwartet dich ein fremder finsterer Giftbaum und hauchet kalte Gifte in das Leben! – Daher war es sonst besser, da die Menschen noch demütig waren und zu Gott beteten in der grossen Entzückung; denn neben dem Unendlichen senkt sich das feurige Auge und weinet, aber nur aus Dankbarkeit.
Kein kleinliches Kalendermass werde an die schöne Ewigkeit gelegt, die er nun lebte, da er die Geliebte jeden Abend, jeden Morgen in ihrem Dörfchen sah. Als Abendstern ging sie vor seinen Träumen, als Morgenstern vor seinem Tage her. Den Zwischenraum füllten beide mit Briefen aus, die sie einander selber brachten. Wenn sie abends schieden, nicht weit vom Wiedersehen, und dann in Norden unten am Himmel schon die Rosenknospen-Zweige hinliefen, die unter dem Menschenschlafe schnell nach Osten hinwuchsen, um mit tausend aufgeblühten Rosen vom Himmel herabzuhängen, eh' die Sonne wiederkam und die Liebe – und wenn sein Freund Karl nachts bei ihm blieb und er nach einer Stunde fragte, woher das Licht komme, ob vom Morgen oder vom Mond – und wenn er aufbrach, da noch Mond und Morgen in den tauenden Lustwäldern zusammenschienen, und wenn ihm der Weg, vor einigen Stunden zurückgelegt, ganz neu vorkam und die Abwesenheit zu lange (weil Amors Pfeil halb ein Sekundenzeiger ist, der den Monatstag, und halb ein Monatszeiger, der die Sekunde weiset, und weil in der Nähe der Geliebten die kleinste Abwesenheit länger dauert als in ihrer Ferne die grosse) – und wenn er sie wiederfand: so war die Erde ein Sonnenkörper, aus welchem Strahlen fuhren, sein Herz stand in lauter Licht, und wie ein Mensch, der an einem Frühlingsmorgen von dem Frühlingsmorgen träumt, ihn noch heller um sich findet, wenn er erwacht, so schlug er nach dem seligen Jugendtraum von der Geliebten die Augen auf vor ihr und verlangte den schönsten Traum nicht mehr.
Zuweilen sahen sie sich, wenn der lange Sommertag zu lang wurde, auf entfernten Bergen, wo sie der Abrede gemäss der Ernte zusahen; zuweilen kam Rabette allein nach Lilar zum Bruder, damit er einiges von Lianen hörte. Wenn Liane ein Buch gelesen: las er es nach; oft las er es zuerst und sie zuletzt. Was die schönsten, unschuldigsten Seelen einander Göttliches zeigen können, wenn sie sich auftun, ein heiliges Herz, das noch heiliger, ein glühendes, das noch glühender macht: das zeigten sie sich. Albano wurde gegen alle Wesen mild, und der Glanz einer höhern Schönheit und Jugend füllte sein Angesicht. Die schönen Gebiete der natur oder seiner Kindheit wurden durch die Liebe geschmückt, nicht diese durch jene; er war von