an und fand den Frieden der Seligkeit auf seinem Angesicht. Als dieser sah, wie Liane das überfüllte Herz an das schwesterliche drückte: so wurde die Aufrichtigkeit und Freude in ihm zu stark, und er fiel ohn' ein Wort dem lieben Bruder der ewigen Braut ans Herz und liess ihn stumm alles erraten aus den Tränen der Seligkeit. O er hätt' es doch erraten aus dem bräutlichen blick der Liebe, den seine Schwester von seinem Freunde seltener wegzog, und aus der Innigkeit, womit sie Rabetten – gleichsam als würden beide bald einander verwandt, als würde selber der Bruder bald schöner sprechen, da er sie lange nicht mehr die kleine Linda hiess – an ihrem Herzen einweihte für das brüderliche. Bei dem frommen Vater versteckte sich der entzückte blick wenig, den Albano, gleichsam unter dem Tore der Ewigkeit stehend, in die Himmel warf, die wie Welten hintereinander schimmerten; er war still, sanft, und in seinem Herzen wohnten alle Herzen. O liebe eines rein und warm, so liebst du alle nach, und das Herz in seinem Himmel sieht wie die wandelnde Sonne vom Tau bis zum Meere nichts als Spiegel, die es wärmt und füllt.
Aber in Roquairol fuhr sogleich, als er das himmlische Glück so nahe sah, der aufrührerische Geist seiner Vergangenheit und schlug epileptisch die Glieder des inneren Menschen blutig – die unsterblichen Seufzer nach dem ewig fliehenden Frieden quälten ihn wieder, seine Fehltritte und Irrtümer und sogar die Stunden, wo er unschuldig litt, wurden ihm schmerzlich vorgerechnet und da sprach er (und rührte jedes Herz, am meisten aber das der armen Rabette, das er, sich zu erwärmen, an sich presste, wie nach der Sage der Adler die Taube, der dann sie nicht zerreisset) – da sprach er edel von der Wüstenei des Lebens und vom Schicksal, das den Menschen wie den Vesuv zum Krater ausbrenne und dann wieder kühle Auen darein säe und ihn wieder mit Feuer fülle – und vom einzigen Glück des hohlen Lebens, von der Liebe, und von der Verletzung, wenn das Geschick mit seinen Winden eine Blume118 reibend hin- und herbewege und dadurch die grüne Rinde an der Erde durchschneide. – –
Aber indem er so sprach, sah er die glühende Rabette an und wollte durch diese Erwärmungen gleichsam die feste Blumenknospe seiner Liebe gewaltsam sprengen und die Blätter unter die Sonne breiten – o ganz glücklich war doch der Verworrene und Sehnsüchtige auch heute nicht, und er wollte weniger andere rühren als sich.
Wie selig-ahnend traten sie wieder heraus vor die Sphinx der Nacht, welche lächelnd mit sanften Sternenblicken vor ihnen lag. Gingen sie nicht durch eine stille, dämmernde Unterwelt, leicht und frei ohne die schwere, klebende Erde an den Füssen, und im weiten Elysium flattert nur der warme Äter, weil ihn unsichtbare Psychen mit ihren Flügeln schlagen? Und aus dem Flötentale sendet ihnen der Greis seine Töne als süsse Liebespfeile nach, damit das schwellende Herz an ihren Wunden selig blute. – Albano und Liane kamen vor eine Aussicht, wo die weite Morgenlandschaft mit den Lichtstreifen von blühenden Mohnfeldern und mit dunkeln Dörfern an die sanften Gebirge hinanstieg, wo der Mond aufwachte und der Glanz seines Gewandes schon wie der eines Geistes durch den Himmel streifte – hier blieben sie, auf die Luna wartend, stehen. Albano hielt ihre Hand. Alle Gebirge seines Lebens standen im glühenden Morgenrot. "Liane," (sagt' er) "so unzählige Frühlinge sind jetzt droben auf den Welten, die herunterhängen; aber dieser ist der schönste." – "Ach das Leben ist lieblich, und heute wird es mir zu lieb. – Albano," (setzte sie leise dazu, und ihr ganzes Angesicht wurde eine erhabne tränenlose Liebe, und die Sterne webten und stickten ihr Brautkleid) "wenn mich Gott fodert, so lass' er mich dir immer erscheinen wie mir Karoline; o wenn ich dich nur so durch dein ganzes liebes Leben begleiten und trösten und warnen könnte, ich wünschte gern keinen andern Himmel."
Aber als er die Fülle seiner Liebe und den zürnenden Schmerz über den Todeswahn aussprechen wollte, so kam sein wilder Freund, der, wie ein Vesuv Lava- und Regenströme zugleich über die gläubige Rabette ausgiessend, ihr und sich das Herz nur voller, nicht leichter gemacht; da sah Karl die verherrlichten Menschen an und den blauen Horizont, wo schon der Mond seinen Schimmer zwischen den festen Mastspitzen und Gipfeln vorauswarf, und blickte wieder in den Glanz der heiligen Liebe. – Da konnte'er sich nicht länger halten, sein qualvolles Herz stieg wie zu Gott auf zu einem ewigen Entschluss, und er umfasste Albano und Rabette und sagte: "Geliebter! – Geliebte! – behaltet mein unglückliches Herz!" –
Rabette umklammerte ihn mitleidig wie eine Mutter das Kind und gab ihm heiss-weinend ihre ganze Seele hin. – Albano umschloss staunend den Liebesbund. – Liane wurde vom Strudel der Wonne an die geliebten Herzen gezogen. – Ungehört riefen die Flöten fort, ungesehen wehten die weissen Fahnen der Sterne darüber. – Karl sprach wahnsinnige Worte der Liebe und wilde Wünsche des Freuden-Todes. – Albano berührte bebend Lianens Blumenlippe, wie Johannes Christum küsste, und die schwere Milchstrasse bog sich wie eine Wünschelrute hernieder zu seinem goldnen Glück. – Liane seufzete: "O Mutter, wie sind deine Kinder glücklich." – Der Mond war schon wie ein weisser Engel des Friedens in das Blau geflogen und verklärte