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Seine Einsamkeit und Lianens Auflösung so vieler Wunder wurden durch den Eintritt Rabettens und Karls verschoben, welche beide mehr gerührt als beglückt schienen, sie durch die tröstende Nähe des Geliebten, er durch die sonderbare Lage und durch den zwingenden Abend; denn gewissen Menschen geht ein Sturm nach, und sie müssen die Schritte, die sie tun, wider Willen schneller machen.
Als Albano wieder mit dem Friedensengel seines Lebens, mit der Geliebten, die mitten im Rauschen der Gefühle doch die stimme ihrer Freundin hörte, allein vorausging auf den Felsendamm zwischen duftenden Tempetälern in der dämmernden Welt: so war ihm, als habe sich sein Leben wie ein Adler durch eine Sturmwolke durchgearbeitet und der schwarze Sturm laufe unter seinen Flügeln weiter und der ganze Sternenhimmel brenne hell über seinem Haupt. Liane, jungfräulich-edel und fest, gab ihm, eh' er eine Frage getan, die Antwort: "Ihnen muss ich nun ein Geheimnis sagen, was ich jedem und sogar meiner Mutter verbarg, weil es sie beunruhigt hätte. Ich erzählte vorhin von meiner unvergesslichen Karoline. Am Tage meines Abendmahls, das ich mit ihr empfangen wollen, ging ich nachts von meinem Lehrer zur Mutter zurück, und zwar durch die sonderbare lange Höhle, worin man niederzusteigen glaubt, wenn man aufwärts steigt. Mein Mädchen ging mit der Laterne voraus. In der romantischen Laube, wo ein Hohlspiegel steht, kehr' ich mich gegen den hereinströmenden Vollmond, aus Furcht vor dem wilden Spiegel, der den Menschen zu grausam verzieht. Plötzlich hör' ich ein himmlisches Konzert, wie nachher öfters wieder in Krankheiten – ich denke an meine selige Freundin – und schaue voll sehnsucht in den Mond. – – Da sah' ich sie mir gegenüber, mit unzähligen Strahlen – in ihren schönen Augen war ein zärtlicher blick, aber doch etwas Auflösendes; der zarte, fast allein lebendige Mund glich einer roten, aber durchsichtigen Frucht, und alle ihre Farben schienen nur Licht zu sein. Doch nur im blauen Auge und roten mund schien der Engel Karolinen ähnlich. Ich könnt' ihn zeichnen, wenn man mit Licht malen könnte. Ich wurde gefährlich krank; da erschien sie mir öfter und erquickte mich mit unsäglich-süssen Lauten – es waren keine rechte Worte –, worauf ich immer in einen sanften Schlaf wie in einen süssen Tod versank. Einmal fragt' ich sie – mehr mit inneren Worten –, ob ich denn bald zu ihr ziehe ins Reich des Lichts. Sie antwortete, ich stürbe jetzt nicht, sondern etwas später, und sie nannte recht deutlich das künftige Jahr und sogar den Tag, den ich aber vergessen.... O lieber Albano! vergeben Sie mir nur einige Worte! Ich genas bald und trauerte über die lange schleppende Zeit"
"Nein" – (unterbrach Albano sie, dessen Gefühle wie Schwerter gegeneinanderschlugen) – "ich ehre, aber hasse Ihr gefährliches Schreckbild. Phantasie und Krankheit sind die Eltern des luftigen Würgengels, der wie ein taubes Wetterleuchten sengend über alle Blüten der Jugend fliegt."
Sie antwortete gerührt: "O du guter, frommer Geist! du hast mich nie betrübt, du hast mich stets getröstet, geleitet, froh und fromm gemacht. – Ein Schreckbild ist er, Albano? – Eben gegen alle Schreckbilder, gegen alle Geisterfurcht bewahrt er mich, weil er immer um mich ist. Warum, wenn er nur ein Traumbild ist, erscheint er mir nie in meinen Träumen?116 Warum kommt er nicht, wenn ich will? Sondern bloss in wichtigen Fällen; dann frag' ich ihn und gehorche sehr gern. Er ist mir heute, Albano," (setzte sie leiser und blöder hinzu) "schon zweimal erschienen, unterwegs, als ich die innere Musik hörte, und vorhin im Donnerhäuschen, als die Sonne unterging, und hat mir liebreich geantwortet."
"Und was sagt' er, Himmlische?" fragte Albano unschuldig. – "Ich sah ihn unterwegs nur an und fragte nichts", versetzte die Kindliche errötend; und hier stand auf einmal ihre heilige Seele unwissend ohne Flor vor ihm; denn sie hatte im Donnerhäuschen von der unsichtbaren Karoline das Ja zu ihrer Liebe empfangen, weil jene ihr geschöpf war und dieses ihre – Eingebung. Jawohl, Himmlische! du stehst vor dem Spiegel mit dem jungfräulichen Schleier über deiner Gestalt, und wenn dein Bild seinen leise hebt, glaubst du dich noch verhüllt! –
Kein Wort spricht Albanos Verehrung eines so geheiligten Herzens aus, das verklärte Wesen so helle träumte – dessen goldne Blumen auf dem Gedanken des Todes, wie irdische auf Gottesäckern, nur höher wuchsen – das zugleich mit ihm unsichtbare hände in zwei ähnliche Träume117 gezogen – dem man sich schämte, gemeine Wahrheiten zu geben für seine heiligen Irrtümer. – – "Du bist vom Himmel" – (sagt' er begeistert, und seine Freude wurde die im Auge zerschmolzene Perle, die den Durst des Menschenherzens löscht) "darum willst du wieder dahin!" – "O ich weihe dir, mein Freund," (sagte sie lächelnd-weinend und drückte seine Hand an ihr frommes Herz) "das ganze kleine Leben, das ich habe, jede Stunde bis zur letzten, und vorher will ich dich auf alles zubereiten, was Gott schickt."
Eh sie in des frommen Vaters Hütte traten, griff Albano nach des Freundes Hand, und die Schwestern vereinigten sich. Die Freunde gingen eine Zeitlang stumm voraus; Karl blickte Albano