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-geliebten All-Liebenden, wie es gar kein Glück und keine Gaben von ihm begehre (die man nicht einmal in der irdischen Liebe wünsche), sondern nur immer höhere Liebe gegen ihn selber, und wie es, indem der Abendnebel des Alters immer dichter um seine Sinne ziehe, sich im Lebens-Dunkel immer fester von den unsichtbaren Armen umschlungen fühle. "Ich bin bald bei Gott!" sagt' er mit einem Glanze der Liebe auf dem vom Leben erkälteten und unter den Jahren einbrechenden Gesicht. Man hätt' es ausgehalten, ihn sterben zu sehen. So steht der Montblanc vor dem aufgehenden Mond; die Nacht verhüllt seinen Fuss und seine Brust, aber der lichte Gipfel hängt hoch im dunkeln Himmel, als ein Stern unter den Sternen.

Liane hatte wie eine Tochter das Auge und die Hand nicht von ihm gelassen und jeden laut schmachtend eingesogen; ihr Bruder hatte' ihn mit mehr Freude als Alban gehört, aber bloss um den mystischen Heros ganz in den mimischen Berg Atos seiner Nachbildung reiner abzuformen; und Rabette hatte' ihn wie in einer Kirche unter gläubigenNebengedanken angeschauet.

Er entfernte sich jetzt ohne Umstände, um für seine Tiere zu sorgen, die er wie alles Unwillkürliche, z.B. die Kinder, wie aus der ersten Hand Gottes kommend liebte; alles sei göttlich, sagt' er, und nichts irdisch als das Unmoralische. Er konnte keine Bienen schwefeln, keine Blumen im Scherben-Käfig verdursten lassen, kein abgetriebnes, wundes Pferd ertragen und ging vor einer Fleischbank nur mit schaudernden Gliedern vorüber.

"Wollen wir" (sagte der Freund Karl) "den herrlichen Abend auf der prächtigen Bergstrasse einnehmen und dein Donnerhäuschen besehen und jeden LeidensKelch herunterwerfen in die Täler hinein?" – Welche magische Nachbarschaft durchzogen sie nun auf dem gebognen Gebirge zum Donnerhäuschen! Zur Rechten gleichsam den Okzident der natur, zur Linken ihren Orientvor ihnen das prangende Lilar in der Abendfeereider glänzenden Rosana in den Armen liegendÄhrengold hinter Pappelsilberund darüber den Himmel, gefüllt mit lebenstrunknen lärmenden Wesenund der Sonnengott schreitet über seinen Abend weg und bückt sich ein wenig unter der Mitternacht, um in Osten das goldne Haupt zu erheben. Albano ging an Lianens heiliger Hand voraus. "O wie ist alles so schön!" (sagt' er) "Wie rauschet die aufgeblätterte Weltkarte mit langen Flüssen und Wäldernwie sonnen sich die Morgenberge in fester Ruhewie steigen die Haine mit glühenden Stämmen die Hügel hinauf man möchte sich in die rauchenden Täler stürzen und in die kalten glänzenden Wellenach Liane, wie ist alles so schön!" – "Und Gott ist auf der Welt", sagte sie – "und in dir!" sagte er und dachte an das Wort des Greisen, dass die Liebe Gott meine und er im Herzen wohne, das wir ehren.

Jetzt rollten ihm schon die grossen Wogen entgegen, welche die Äolsharfe im Donnerhäuschen schlug; und sein Genius flog vor ihm vorbei mit den Worten: sag ihr darin dein ganzes Herz.

Vor der kleinen Hütte der gestrigen Träume ging sein stürmendes Herz auseinander; und die Sonne und die Erde schwankten vor den wilden Tränen. Da er hineintrat mit ihr in den füllenden Rosenglanz der Abendsonne und in das Geistergetümmel der einsam miteinander redenden Töne: so fasste er Lianens hände und drückte sie wild an seine Brust und sank vor ihr ohne laut und geblendet niederFlammen und Tränen flogen über Augen und Wangender Wirbelwind der Töne wehte in seine lodernde Seeleder milde Engel der Unschuld bückte sich weinend und bebend gegen den brennenden Sonnengottund es schlängelte sich ein Schmerz wie eine bleiche Schlange durch die Rosen des milden Angesichtsund Albano stammelte: "Liane, ich liebe dich –"....

Da kehrte die Schlange um und fasste und bedeckte die süsse Rosen-Gestalt. "O guter Mensch, du bist unglücklich, aber ich bin unschuldig." Sie trat erhaben zurück und zog schnell den weissen Schleier über ihr Gesicht herab und sagte ausser sich: "Liebst du die Toten? Das ist mein Leichenschleier; im künftigen Jahre liegt er auf diesem Gesicht." – "Das ist nicht wahr", sagte Albano. "Karoline, antworte ihm!" sagte sie und sah starr in die brennende Sonne wie nach einer höhern Erscheinung. Fürchterliche Minute! wie bei dem Erdbeben das Meer wogt und die Luft fürchterlich still ruht- so war seine Lippe neben der Verschleierten stumm und das ganze Herz ein Sturmauf den saiten wandelte eine seufzende Geisterwelt vorüber, und der letzte endigte mit einem scharfen Schreidie Schönheit der Erde verzerrte sich vor ihm, und in das Abendgewölk waren breite Feuerfahnen gepflanzt, und das Sonnenauge schloss sich blutend zu. – –

Auf einmal faltete Liane wie betend die hände und lächelte und errötete; da hob sie den Schleier von den göttlichen Augen, und die Verklärte, vom Rosen-Widerschein angestrahlt, sah ihn zärtlich anund schlug das Auge niederund hob es wieder aufund senkt' es niederund der Schleier fiel wieder vor, und sie sagte leise: "Ich will dich lieben, guter Albano, wenn ich dich nicht elend mache." – "Ich sterbe mit dir," sagt' er, "was ist es?" – Und nun verhülle die heilige Wolke den Sonnengott, der flammend durch seine Sterne zieht! –