Verehrung eines Wesens begeistert, zu welchem gleichsam aus einer höhern Welt in seinen Schmerzen wie goldne Sonnenstrahlen leise Töne reichen, die verhüllt durch die rauhe Tiefe gehen.
Aber Liane, wie um sein Feuer abzuwenden, kam auf ihre Freundin Karoline und sagte: wie sie ihr an solchen Tagen und zumal auf diesem Spaziergange immer vorschwebe. "Anfangs sucht' ich sie auf," (sagte Liane) "weil sie meiner Linda glich. Sie war meine Lehrerin, ob sie gleich nur einige Wochen älter war als ich. Ihr frommer, strenger, unerschrockner Charakter und ihre Willigkeit, sich freudig und stumm aufzuopfern, machte sie sogar, wenn ich es so sagen darf, in den Augen ihrer Mutter verehrungswürdig. Man sah sie niemals weinen, so weich sie auch war, bloss um ihre Mutter immer heiter zu machen. Wir wollten miteinander den Schleier nehmen, um beisammen zu bleiben; ich würde nicht alt werden, sagte sie, und ich müsste mein kurzes Leben froh und ohne Sorgen, aber auch in Zubereitung auf das andere verbringen. Ach sie ging selber voran! Die Nachtwachen am Krankenbette ihrer Mutter und der Schmerz über den Tod nahmen sie dahin. Sie empfing das heilige Nachtmahl, auf das wir uns miteinander zubereiteten, im Sterben allein. – Da gab mir der Engel diesen Schleier, worin ich ihr einst folgen soll. – O, gute, gute Karoline!" – Sie weinte unverhohlen und drückte bewegt Albanos Hand. "O ich hätte nicht davon anfangen sollen!
– Dort kommt schon unser Freund; wir wollen recht heiter sein." –
Sie waren jetzt durch ein hohes Gebüsche, das nekkend die umherschweifenden Landschaften auf- und zudeckte, nahe an die über das Flötental hereinschauende Turmspitze gelangt, neben welcher eine einsame Kirche und Speners wohnung lag und unten in der Ebene das offne Dorf. Spener ging seiner Schülerin – nach Greisen-Sitte um andere unbekümmert – entgegen, und ein junges Reh lief ihm nach. Eine schöne Stelle! Kleine weisse Pfauen – freie Turteltauben – eine Bienenstadt mitten in ihrer Bienenflora – alles sagte den ruhigen Alten an, dem nun die ehrende Erde dient und der, gleichgültig gegen sie, nur in Gott lebt. Er kam gegen die Erwartung eines kirchlichen Ernstes mit einem leichten Scherz über die bunte Reihe an und legte die segnenden Finger auf Lianens Stirn, die seine Enkelin zu sein schien, gleichsam eine zweite Baum-Blüte im Späterbst des Lebens. Sie steckte ihm töchterlich den Strauss der Zwerg-Röschen an die Brust und gab sehr acht, ob es ihn besonders freue. Sie lächelte ganz heiter, und alle ihre Tränen schienen verweht; aber sie glich dem beregneten Baum unter der wiederlachenden Sonne: die kleinste Erschütterung wirft den alten Regen vom stillen Laub.
Der alte Mann erfreuete sich über die Teilnahme der jungen Leute und blieb mit ihnen auf der blühenden und lärmenden Anhöhe, welche zwischen einer weiten Landschaft und zwischen den reichbeladen ins Elysium hineinlaufenden Bergrücken tronte. Sie liessen ihn, da zu ihm wie zu einem, der im Luftschiff aufsteigt, die Töne der Erde nicht so weit nachreichten als die Gestalten, mehr reden als hören, wie man Alte schonet.
Er sprach bald von dem, worin sein Herz atmete und lebte; aber in einer sonderbaren, halb teologischen, halb französischen, Wolffianischen und poetischen Sprache. Man sollte von manches Schwärmers Poesie und Philosophie statt der VerbalRealübersetzungen geben, damit man sähe, wie die gold-reine Wahrheit unter allen Hüllen glühe. Spener sagt in meiner Übersetzung: "er habe sich sonst, eh' er das Rechte gefunden, in jeder menschlichen Freundschaft und Liebe gemartert. Er habe, wenn er inbrünstig geliebt wurde, zu sich gesagt, dass er sich selber ja nie so ansehen oder lieben könne; und ebenso könne ja das geliebte Wesen nicht so von sich denken wie das liebende, und wär' es noch so vollkommen oder so eigenliebig. Sähe jeder den andern an wie er sich: so gäb' es keine feurige Liebe. Aber jede fordere einen unendlichen Wert und sterbe an jedem unauflöslichen, deutlich erkannten Fehl; sie hebe ihren Gegenstand aus allen heraus und über alle und verlange eine Gegenliebe ohne Grenze, ohne allen Eigennutz, ohne Teilung, ohne Stillstand, ohn' Ende. Das sei ja das göttliche Wesen, aber nicht der flüchtige, sündige, wechselnde Mensch. Daher müsse sich das liebekranke Herz in den Geber dieser und jeder Liebe selber, in die Fülle alles Guten und Schönen, in die uneigennützige, unbegrenzte All-Liebe senken und darin zergehen und aufleben, selig im Wechsel des Zusammenziehens und Ausdehnens. Dann sieht es zurück auf die Welt und findet überall Gott und seinen Widerschein – die Welten sind seine Taten – jeder fromme Mensch ist ein Wort, ein blick des All-Liebenden; denn die Liebe zu Gott ist das Göttliche, und ihn meint das Herz in jedem Herz." – –
"Aber" – (sagte Albano, dessen frisches energisches Leben aller mystischen Vernichtung widersträubte) – "wie liebt uns denn Gott?" – "Wie ein Vater sein Kind, nicht weil es das beste ist, sondern weil es ihn braucht. 115" – "Und woher" (fragt' er weiter) "kommt denn das Böse im Menschen und der Schmerz?" – "Vom Teufel", sagte der Greis und malte ununterbrochen mit verklärter Freude den Himmel seines Herzens aus, wie es immer umgeben sei vom all