– Und Liane – ich rede nicht von dieser Heiligen. Sogar der gute alte Direktor musste, als ihn das fromme Angesicht unter dem bloss einfach und nonnenhaft herübergelegten weissen Kopfschleier von indischer, mit Goldlahn besprengter Mousseline kindlich anblickte, seinem Wohlgefallen die Worte geben: "Wie eine Nonne, wie ein Engel!" – Sie antwortete: "Ich wollte auch einmal eine werden mit einer Freundin; aber nun nehm' ich den Schleier später als sie", setzte sie mit wunderbarem Ton dazu.
Sie hing heute mit zärtlicher Schwärmerei an Rabette, vielleicht aus siecher Weichheit, vielleicht aus Liebe zu Albano und zu den Eltern und vielleicht, weil Rabette durch die Liebe so gut und schön war und weil sie selber nichts war als Herz. Sie hatte den heiligen Fehler zu schwärmerischer Vorstellungen von ihren Freundinnen – in welchen die edlern Mädchen leicht fallen und womit bloss Ehefrauen wenig behaftet sind – sonst noch höher getrieben: so konnte sie z.B. ihre Freundin Karoline, die ihr wie eine Romanheldin nur im romantischen Spielraum der Freundschaft und der schönen natur begegnet war, sich anfangs gar nicht ohne Abbruch des poetischen Heiligenscheins mit Händen denken, welche die Nähnadel und Plätte und anderes Geräte des weiblichen Ackers führten.
Wer die zärteste Mitfreude fühlen will, der sehe nicht frohe Kinder an, sondern die Eltern, die sich über frohe erfreuen. Niemals blickte die blau- und rundäugige Albine – in deren Gesicht die Zeit manche Lebenstöne dreimal gestrichen hatte, worunter aber kein stief – und schwiegermütterlicher Misston vorkam – öfter hin und her und segnender als unter diesen – Paaren; denn das wurden sie nach der mütterlichen Sterndeuterei der Aberrationen und Pertubationen dieser Doppelsterne. – Der Vater, der die "Kopfund Ohrenhängerei des jetzigen jungen volkes" gegen die Ehrensprünge seiner Kameraden hielt, wurde an den Hauptmann gekettet, der sich als Regisseur seines inneren Teaters heute die Rolle eines frohen Jünglings zugeteilt hatte. Er gefiel ihm sogar durch die derben Redeblumen, die das verborgne Wehen von ihm losblätterte; denn da jedes Genie sein Grobians-Idiotikon, seine Knittelverse haben muss: so hatte' er – andere haben den Teufel, den Henker – den genialischen Handwerksgruss "Lump" samt den Derivativis "Lumperei" u.s.w. Aber wie noch hinreissender nahm Albano alle weibliche Herzen durch die Stille weg, womit er wie ein ruhiger Nachsommer seine Früchte fallen liess. Die Eltern schrieben diese weiche Haltung dem Stadtleben zu, als wäre nicht Karl länger in diese Malerschule gegangen. Nein, die Liebe ist die italienische Schule des Mannes; und der kräftigere und höhere ist eben der höhern Zarteit fähig, wie auf hohen Bäumen sich das Obst milder und süsser ründet als auf niedrigen. Nicht an unmännlichen Charaktern entzückt die Milde, sondern an männlichen; wie nicht an unweiblichen die Kraft, sondern an weiblichen.
Der gute Jüngling! – So unschuldig lodert dir – indes Karl es allzeit leider deutlich wusste, wenn sein blick brannte und blitzte – aus den Augen ein glühendes Herz, das es nicht weiss! Möge dein Abend das Samenkorn einer blütenvollen Jugend werden! Der Wagen rollet vor, dir ungewiss, ob er ein Elias- oder Phaetons-Wagen wird, ob du durch ihn den Himmel erfliegst oder aus ihm fällst!
66. Zykel
Der Wagen flog durchs Dorf mit den vier jungen Menschen wie tut unserm Jüngling die Weite des himmels und der Erde wohl! Das Portal des Lebens, die Jugend, war mit Blumen und Lichtern behangen. Sie rollten unten am Berge vor der Vogelstange vorbei, der Zeigerstange eines Knaben-Arkadiens, vor der Wiege, wo er kindlich-schlaftrunken nach dem hohen Himmel langte mit dem Knaben-Arm – und durch das ihm jetzt nur zu Gebüsch gesunkne Birkenwäldchen, das er an jenem goldnen Morgen so breit und lang gefunden – und vorbei vor den östlichen offnen Triumphbogen, hinter denen das Meer des vielgestaltigen Lilars seine Reize wogen liess – und hinter der Bergmauer des Flötentals schickten sie den Wagen zurück.
Sie gingen auf einer herrlichen Erde unter einem herrlichen Himmel. Rein und weiss schwamm die Sonne wie ein Schwan durch die blaue Flut – Fluren und Dörfer drängten sich dichter an die fernen niedrigen Gebürge – ein sanfter Wind trieb die grünen Ähren-Wogen auf der Ebene umher – an den Hügeln ruhten Schatten unter den Schwingen weisser Wölkchen fest – und hinter den Gipfeln der Anhöhe zogen die Mastbäume der Rheinschiffe majestätisch weg.
Wie Albano so nahe neben der Geliebten ging, fiel das unter seinem Eden brennende Fegfeuer immer tiefer in den Erdkern zurück; voll Unruhe und Hoffnung warf er das feurige Auge bald auf den Sommer, bald auf den milden Hesperus-Stern, der so nahe an ihm aus dem Frühlingsäter schimmerte. Die Gute schien heute stiller, ernster und unruhiger als sonst. Als sie durch ein überall offnes Laubwäldchen am Hügelrükken, der das Flötental umzog, hingingen: sagte Liane plötzlich zum Grafen, sie höre Flöten. Kaum konnte' er sagen, er höre nur ferne Turteltauben: als sie auf einmal sich wie zu etwas Wunderbarem sammlete – ihr Auge in den Himmel heftete – lächelte – und plötzlich sich nach Albano umsah und rot wurde. Sie redete ihn an: "Ich will aufrichtig sein, ich höre jetzt in mir Musik114 – sehen Sie mir heute meine Schwäche und Weichheit nach; es kommt von gestern." – "Ich – Ihnen?" sagt' er heftig; denn er, um welchen in Krankheiten nur brennende Bilder stürmten, wurde zur