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bis der Hauptmann die Unsichtbarkeit eilig erklärte. Die gute Seele hatte gestern die Bewegungen ihres teilnehmenden Herzens mit Migräne büssen müssen. Ihr geliebter Lehrer Spener mit seiner erhabenen Seelen-Stilledie Augen, die nicht mehr über die Erde weinten, auf das befreundete Fürstenpaar gesenktmit dem haupt unter dem kalten Polarstern der Ewigkeit stehend, das wie der Pol keine Sterne mehr auf- und untergehen sahruhig und mit apostolisch ineinander gelegten Händen allmächtig redend über den Schmerz und das Ziel des bleichen Lebens, begeistert die Herzen nahe an die weinende Rührung drängend, und doch sie mit erhabener Besänftigung zurückziehend vom höchsten Schmerz, damit nur das Herz weine ohne das Augeund nun die Einsegnung der gepaarten Särge und der Kirche – o in der weichen Liane mussten diese Rührungen ja zu Leiden arten, und alles, was ihr Lehrer verschwieg, wurde in ihr ausgesprochen. Noch dazu hatte sie nicht die gewöhnliche Kur, sich still zu halten, gebraucht, sondern alle Stiche hinter tätige Freude versteckt, um der fortreisenden Mutter keine Schmerzen zu geben, obwohl sich viel zu grosse.

In diese Erzählung trat sie selber freundlich herein im weissen Morgenkleid mit einem Strauss von sinesischen Röschenein wenig blass und müdeträumerisch-weich aufblickenddie stimme leiserdie Wangenrosen zu Knospen geschlossenund wie ein Kind jedes Herz anlächelnd – – du Engel des himmels, wer darf dich lieben und belohnen? Sie erblickte den hohen Jüngling – – alle Lilien ihres stillen Angesichts wurden wider ihre Gewohnheit in ein himmlisches Morgenrot der Freude getaucht, und ein zarter Purpur blieb an ihnen.

Sie fragte ihn offen, warum er gestern nicht zur Festlichkeit gekommen, und entdeckte angelegentlich, dass sie alle heute den frommen Vater, für welchen ihre Zwerg-Rosen gebunden waren, besuchen würden. Er nahm gern die vierte stimme im Konzert der Lustfahrt. Welcher herrliche hängende Garten mit seinen liebsten Blumen und Aussichten ist in die Abendstunden hineingebauet! Wie viel glückliche bedeckt ein einziges Dach!

Die redliche Rabette, vor stillem Freuen flinker und geschäftiger, war unverdrossen Lianens Kranken- und Roquairols Löwen-Wärterin und die maitresse de plaisirs, welche jeden mütterlichen Grundriss einer Lust noch um die Hälfte breiter machte, und das ganze Wesen war so glücklich! Ach ihr armes reines Herz wurde ja noch von keinem geliebt, und darum glüht es mit den frischen Kräften der ersten Liebe so hell und treu vor einem mächtigen, das zu ihm segnend wie ein liebender Gott niederzukommen scheint und einen ganzen Himmel nachzieht! – Roquairol sah, wie reizend die arbeitsame Beweglichkeit im Spielraum ihres Eigentums und ihrer Geschäfte das schwer niederhängende Laub verschiebe, das im Visitenzimmer sich finster über ihren Wert herzog; sie wurde sogar schöner durch das dunklere nette Hauskleid, nachdem er durch Predigten jede weisse Draperie ihrer brünetten Gestalt in den Kleiderschrank zurückgeschickt. Sie gehorchte der Mutter hierin nicht eher, als bis er es verlangt hatte. Ja er hatte sie gestern dahingebracht, die Uhr, womit die stolze Ministerin sie beschenkt, wirklich an sich herumzutragen mit heissem Erröten über den ungewohnten Schmuck. Indes wollt'er mit ihr gleichsam einen recht geschlängelten Blumenweg zum Altare seines lauten Ja's der Liebe nehmendas stumme sagt' er hinlänglich –; er wusste, sie sitze sogleich ein, sobald er mit dem Muschelwagen der Venus vorfahre, wovor er eine Taube und einen Habicht vorgehängt.

Wie herrlich flog der Vormittag dahin auf goldnen Flügeldecken und auf durchsichtigen Flügeln! Der geliebte Albano wurde in alle Veränderungen des Hauses eingeführt; die schönste war in seiner Studierstube, welche Rabette in ihre Putz-, Nähund Studierstube umgekleidet hatte, die seit gestern wieder zum Gast- und Lesestübchen Lianens geworden. Wie gern trat er ans Fenster nach Abend, wo er so oft im Kristallspiegel seiner Phantasie seinen unsichtbaren Vater und die Geliebte überirdisch erscheinen lassen! In die Scheiben waren von seiner Knabenhand viele L und R gezogen. Liane fragte, was die R bedeuteten; "Roquairol", sagte er, denn sie fragte nicht nach dem L. Unendlich süss floss die Betrachtung um sein Herz, dass doch seine Geliebte in der träumerischen Klause seines ersten grünen Lebens einige blühende Tage verlebe. Liane zeigte ihm mit kindlicher Freude, wie sie alles, nämlich das Zimmer, redlich mit Rabetten teile in ihrer Doppelwirtschaft und Stuben-Kameradschaft, und wie sie ihre Wirtin selber zu ihrem gast gemacht.

Ich habe oft das schöne leichte Nomaden-Leben der Mädchen in ihren arkadischen Lebens-Abschnitten bewundert mit Neid; leicht flattern diese Flugtauben in eine fremde Familie und nähen und lachen und besuchen da mit der Tochter des Hauses ein oder zwei Monate lang, und man hält das Kopulierreis für einen Familienzweig; – hingegen wir Stubentauben werden schwer versetzt und einheimisch und reiten meistens nach einigen Tagen wieder zurück. Da wir als sprödere Materie schwerer mit dem Familien-Guss verschmelzen; da wir unsere arbeiten nicht so leichtweil uns Wagen voll Arbeitsgeräte nachfahren müssenwie Mädchen ihre einweben in fremde und da wir viel brauchen undanstiften: so ist daraus unser Laufzettel sehr gut abgeleitet ohne unsern geringsten Nachteil.

Nach einer halben Ewigkeit der Ankleidungda in der Nähe der Geliebten eine Stunde der Abwesenheit länger dauert als ein monat in ihrer Fernetraten die reisefertigen Mädchen im schwarzen Schmucke der Bräute herein. Wie reizend stehen Rabetten die Rosen im dunkeln Haar und der dunkle Spitzen-Saum auf dem weissen Hals und die furchtsamen Flammen ihres reinen Auges und die anfliegenden Errötungen!