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unteilbar mit den Strömen und Strudeln, welche darin gingen. Vor Chariton stand er wie ein glänzender Gott, und sie hätte gern entweder ihn verschleiert oder sich. Nie war die Menschheit in reinere Formen, die kein Wulst irgendeines Geburtslandes verkrüppelte, gesondert als in diesem Freudenkreise, worin die Kindheit, die Weiblichkeit und die Männlichkeit, von Blumen durchwunden, sich begegneten und sanft anfassten.

Chariton sprach immer von Liane, nicht bloss aus Liebe zur Fernen, sondern auch zum Nahen; denn ob sie gleich mit jenen offnen Augen schaute, die mehr still abzuspiegeln als anzublicken, mehr einzulassen als einzuziehen scheinen, so war sie doch wie Kinder, Jungfrauen, Landleute und Wilde zugleich offenherzigwahr und schlau. Sie hatte Albanos Liebe leicht erlauscht, weil überall den Weibern alles leichter zu verdecken ist, sogar der Hass, als sein Gegenteil. Sie lobte Lianen unendlich, besonders die unvergleichliche Güte, und "ihr Herr habe gesagt, wenige Männer hätten so viel Herz als sie, denn sie sei oft ohne alle Furcht nachts mit ihr im Tartarus gewesen". Allerdings war das auch dem Grafen nicht erklärlich. Das Wunderbare ist der Heiligenschein eines geliebten Hauptes; eine Sonne, zum Menschenantlitz besänftigt ergreift weniger als ein geliebtes, zum Sonnenbild verklärt.

Sie, immer heisser erfreuet durch seine Freude, bot ihm an, ihn in Lianens Zimmer zu führen. Ein einfaches Zimmerchenvom Weinlaube gründämmerndeinige Bücher von Fenelon und Herder-alte Blumen noch in ihren Wassergläsernkleine sinesische TassenJuliennens Porträt und ein anderes von einer verstorbenen Jugendfreundin, welche Karoline hiessein unbeflecktes Schreibzeug mit englischem gepressten Papier – – das fand er. Die heiligen Frühlingsstunden der Jungfrau zogen vor ihm wie sonniges Gewölke tauend vorüber.

Zufällig berührte er ein Federmesser, als ihm Chariton Kiele zum schneiden brachte, "weil man" (sagte sie) "so viel Not damit hätte, seit ihr Herr weg sei". Denn eine Frau kann leichter jede Feder führensogar die epische und kantischeals eine schneiden; und hier muss wie in mehr Fällen das stärkere Geschlecht dem schwachen unter die arme greifen.

Albano wünschte noch das Arbeits-Zimmer seines Lehrers zu sehen; aber dieses schlug sieob sie gleich durch ein stundenlanges Zusammenessen nicht mutiger gewordendoch entschieden ab, weil es ihr Herr verboten habe. Er bat noch einmal; aber sie lächelte immer schmerzlicher und blieb bei dem freundlichen Nein.

Er verträumte nun den Rausch des Morgens im magischen Garten, auf dessen wasser und Steige der Mond- und Widerschein der Erinnerung spielte. Wie treten aus den 9 Millionen Quadratmeilen der gemeinen Erde doch einige poetische Länder heraus durch ein poetisches Herz! Auf dem Berg mit dem Altare, wo er sie unten einmal verschwinden sehen, wehte ihn, umflattert vom freiern Äter, das Nachmittagsgeläute von Blumenbühl an; und sein Kindheitsleben und die jetzigen Szenen dort und Liane gaben ihm ein weiches Herz, und er überschauete mit dunklern Augen das verklärte Land.

Abends kamen frohe Kirchgänger aus Blumenbühl und priesen das Einweihen und Beisetzen gewaltig. Er sah noch den frommen Vater drüben auf dem Bergrücken stehen. Der Morgen, wo er einen ganzen Tag Lianen sehen und ihr vielleicht alles sagen konnte, überzog sein Leben mit einem ihn in prächtigen Regenbogenkreisen umschimmernden Morgentau. Noch im Bette sang er vor Lust das Morgenlied der Ruderleute auf dem Lago maggioredie Sternbilder über Blumenbühl glänzten in das offne Fenster seines Alpenhäuschens herüber an das zusinkende Auge. – Als ihn der helle Mond und Flötentöne aus dem Tal wieder weckten: glühte das stille Entzücken unter der Asche des Schlafes noch fort, und das grössere drückte die Augen wieder zu.

65. Zykel

Unter einem frischen Morgenblau ging er voll Hoffnungen, heute sein immer in weisse Nebel hineinlaufendes Leben aufzuhellen, jenen alten Weg, den er einmal (im 23sten Zykel) nachts herwärts gemacht, um auf dem Berge Elysium und Liane zu sehen. Der ganze blühende Steig war ihm eine römische Erde, woraus er schönbemalte Vasen der Vergangenheit ausgrub; und je näher dem dorf, desto breiter wurden die geheiligten Plätze. Er wunderte sich, dass die Lämmer und Hirtenknaben nicht, wie das Gras, länger aufgeschossen während seiner Entfernung, die ihm durch den Wachstum seines Herzens und den bunten Wechsel seiner Erfahrungen selber verlängert vorkam. Wie ein Morgentrunk von hellem Alpenwasser rann der alte Klang des Hirtenhorns in seine Brust; aber die enge Erlenbahn, worin er das Reitpferd des Direktors vor dem Absatteln getummelt, und selber der Schlosshof, sogar die vier Wände und das Deckengemälde des häuslichen Glücks krempten seiner treibenden Seele, die in die Erde und in den Himmel hineinwachsen wollte, Wurzel und Gipfel ein; er war noch in den Jahren, wo man vom Klavichord des Lebens mit einem Fusstritt den Deckel hochlüftet, damit das harmonische Brausen überall vorwalle.

Wie verschwenderisch wurde im schloss sein Herz mit Herzen bedeckt und die jüngste Liebe durch alte übertäubt, von der leichtweinenden Mutter Albine an bis zu den händegebenden alten Bedienten, die seinetwegen die versteinerten Glieder behender bewegten! – Er fand alle seine LiebenLiane ausgenommenin Wehrfritzens Museum, weil dieser "junges Volk" und Diskurse lieb hatte und allzeit darauf bestand, dass man das Frühstück auf seinem Aktentisch aufsetzte, der, wie er sagte, so gut sei als ein Frühstück-Tisch mit lackierten Fratzen, die niemand ansehe. Albano plagte sich mit der Furcht, die Ministerin sei die Kirchenräuberin einer Göttin selber geworden und habe gestern Liane zurückgeführt