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die brücke hinab, und der früh geputzte Pollux trieb ihm einen aufgeblätterten Trutahn entgegen. Eine Soeur servante des alten Speners kochte schon eine Stunde lang bei der Chariton, bloss um ihn vorbeigehen zu sehen. Diese lief festlich-geschmückt aus dem Häuschen, das sich heiter mit allen Fenstern dem ganzen Himmel öffnete, ihm entgegen und brach in der Verlegenheit der Freude mit der Hauptsache zuerst heraus, es sei nämlich droben im Häuschen alles schön parat, und ob er das Essen hinaufhaben wollte. Sie wollte mitten im Gespräch Polluxen aus des GrafenFingern ziehen, aber er liess ihn zum Kusse aufschweben und erntete damit jedes Herz, auch das alte hinter der Küchenflamme.

Indem er nach seinem Häuschen durch den westlichen Triumphbogen hinausging, fühlt' er unbeschreiblich stark und süss, dass die holde Jugendzeit unser Welsch- und Griechenland ist voll Götter, Tempel und Lustach und welches so oft Goten mit Tatzen durchstreifen und ausleeren. –

Seine blühende Bahn lief endlich in die Tiefen- und Hohentreppe, die er mit Spener bestiegeneinzelne Tages-Streifen brannten sich dem nassen Boden ein und färbten zerstreuete Zweige feurig und golden. – An der mystischen Laube, wo vor ihm der tote Fürst in der Seitenhöhle geschritten war, fand er diese nicht, sondern nur eine leere Nische. Er trat oben heraus wie aus der Hüfte der Erde. Sein Häuschen lag auf dem herumgebognen Bergrücken. Drunten ruhten um ihn die Elefanten der Erde, die Hügel, und das sich in Blüten herrlich blähende Lilar, und er schaute aus seinen Fenstern in das Lager der Riesen der natur.

Inzwischen konnte' er jetzt nicht auf dem Fensterstocke bleiben, oder neben der begeisternden Äolsharfe, oder im Augenkerker, den Büchern; durch Ströme und Wälder und über Berge zu schweifen verlangte die frische natur. Das tat er.

Es gibt zwischen den Alltags-Tagen des Lebenswo der Regenbogen der natur uns nur zerbrochen und als ein unförmlicher bunter Klumpe am Horizont erscheintzuweilen einige Schöpfungstage, wo sie sich in eine schöne Gestalt ründet und zusammenzieht, ja wo sie lebendig wird und wie eine Seele uns anspricht. Heute hatte Albano diesen Tag zum erstenmal. Ach es gehen Jahre dahin, und sie bringen keinen. Indem er so auf dem Bergrücken auf beiden Seiten dahinwandelte, flutete der Nordost ihm immer voller entgegenohne Wind war ihm eine Landschaft eine steife festgenagelte Wandtapeteund wühlte das feste Land zum flüssigen um. Die nahen Bäume schüttelten sich wie Tauben süss-schauernd in seinem Bade, aber in der Ferne standen die Wälder wie gerüstete Heere fest und ihre Gipfel wie Lanzen. – Majestätisch schwammen durch das Blau die silbernen Inseln, die Wolken, und auf der Erde schritten Schatten riesenhaft über Ströme und über Bergeim Tale blitzte die Rosana und rollte in den Eichenhain. – Er trat ins warme Tal hinab, die Weiden schäumten, und ihr Same spielte in seiner Wolken-Flocke, eh' ihn die Erde befestigteder Schwan dehnte wollüstig den langen Flügel, gepaarte Tauben ätzten sich vor Liebe, und überall lagen die Beete und Zweige voll heisser Mutterbrüste und Eier. – Wie ein herrlicher blauer Blumenstrauss schillerte in hohen Gräsern der Hals des ruhenden Pfaues. – Er trat unter die Eichen, die mit knotigen Armen den Himmel anfassten und mit knotigen Wurzeln die Erde. – Die Rosana sprach allein mit dem brausenden Wald und frass schäumend an Felsenstücken und am morschen UferNacht und Abend und Tag verfolgten einander im mystischen Hain. – Er trat in den Fluss und ging mit ihm hinaus vor eine rege warme Ebene voll Dörfer und aus ihnen klang der Sonntag und aus den Ährenfeldern fuhren Lerchen und an den Bergen krochen Menschen-Steige hinauf, die Bäume regten sich als Lebendige und die fernen Menschen schienen festzuwurzeln und wurden nur Schösslinge an der tiefen Rinde des ungeheuern Lebensbaumes. – –

Die Seele des Jünglings wurde in das heilige Feuer geworfen, wie Asbestpapier zog er sie ausgelöscht und unbeschrieben heraus, ihm war, als wiss' er nichts, als sei er ein Gedanke, und hier trat ihn auf eine wunderbar neue Weise das Gefühl an: das ist die Welt, du bist auf der Welter war ein Wesen mit ihralles war ein Leben, Wolken und Menschen und Bäume. – Er fühlte sich von unzähligen Polypenarmen ergriffen und zugleich mit ihnen verschlungen und doch fortrinnend im unendlichen Herz.

Trunken kam er vor seine wohnung, von welcher sich ihm der kleine Pollux den Berg herab entgegenrollte, um ihn zum Essen zu rufen. Im Häuschen wurde das, was er meinte, ausgesprochen von der Äolsharfe am offnen Fenster. Indes das Kind mit den Fäustchen auf dem Klaviere nachdonnerte und die Vögel aus den Bäumen freudig dareinschrien: so fuhr der Weltgeist durch die Äols-saiten jauchzend und seufzend, regellos und regelmässig, spielend mit den Stürmen und sie mit ihm; und Albano hörte, wie die Ströme des Lebens rauschten zwischen den Ufern der Länderund durch die Blumen- und Eichenadernund durch die Herzenum die Erde, Wolken tragendund den Strom, der durch die Ewigkeit donnert, goss ein Gott aus unter dem Schleier – –

Albano kam mit dem unschuldigen vortanzenden Knaben zur fortlächelnden Mutter. Sogar hier zwischen den vier Wänden zogen ihn noch die Segel fort, die der grosse Morgen aufgebläht. Nichts fiel ihm auf, nichts schien ihm gemein, nichts fern, die Woge und der Tropfe im unendlichen Meere des Lebens verflossen