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dem bizarren Testamente leicht das Repetier- und das halbe Räderwerk- so wie man jetzt in London Uhren bloss aus zwei Rädern bauetausbrechen könnte, ohne das Vorlege- oder Zeigerwerk zu beschädigen.

Auf Alban wirkte das testamentarische Getriebe und Gebläse wider meine Erwartungfast nichts; ausgenommen eine weichere Liebe gegen die gute Mutter, welche so sorgend, da sie unten im Strome des Lebens das fliegende Bild vom niederfallenden Habicht des Todes erblickte, nur den Sohn bedachte. Seinem Vater schaute er unter dem Berichte, mit zärtlichem Danke für diese Mühe des Gedächtnisses und der Erzählung, fast auf Kosten seiner Aufmerksamkeit, in das befestigte eiserne Angesicht; und im Mondschein und vor seiner Phantasie wuchs der Ritter zu einem rhodischen, die halbe Gegenwart verdekkenden Kolossus auf, für welchen ihm dieses testamentarische Memorienwerk fast zu kleinlich schien.

Bisher hatte Don Gaspard bloss als echter Weltmann gesprochen, der von seinem gespräche (ohne besondere nähere Verhältnisse) stets jede Erwähnung oder Schmeichelei eines Ichs, des fremden so gut wie des eignen, ausschliesset und sogar historischer Personen nur als Bedingungen von Sachen gedenktso dass zwei solche Nicht-Ichs mit ihrer grimmigen Kälte nur zwei sprechende Logiken oder Wissenschaften zu sein scheinen, aber keine Wesen mit schlagenden Herzen: o! wie sanft floss es, wie eine weiche Tonart, in Albanos liebewundes Herzdas der hellere und lauere Mond und der insularische dämmernde Kindergarten seiner ersten Vorzeit und die in seiner Seele laut fort- und nachklingende stimme seiner Mutter gewaltsam auflöseten –, als nun der Vater sagte: "Das hab' ich von der Gräfin zu sagen. Von mir hab' ich dir nichts zu sagen als meine bisherige Zufriedenheit mit deinem bisherigen Leben." – "O geben Sie, teuerster Vater, meinem künftigen Gebote, Lehre und Rat", sagte der begeisterte Mensch, und Gaspards rechter Hand, die nach dem schnellern Herzen zuckte, folgt' er mit seiner Linken an die sieche Stelle und drückte heftig das hysterische Herz, als könn' er diesem bergab umkreisenden Lebensrade in die Speiche greifen. – Der Ritter versetzte: "Ich habe dir weiter nichts zu sagen. Die Lindenstadt (Pestitz) ist dir nun geöffnet; deine Mutter hatte sie dir verschlossen. Der Erbprinz, der bald Fürst sein wird, und der Minister von Froulay, der mein Freund ist, werden die deinigen sein; ich glaube' es wird dir nützen, ihre Bekanntschaft zu kultivieren."

Der scharfblickende Gaspard sah hier plötzlich über des Jünglings reine offne Gestalt wunderbare Bewegungen und heisse Rosen fliegen, die aus der Gegenwart mit nichts zu erklären waren und die sogleich wie getötet vergingen, als er so fortfuhr: "Für einen Mann von stand sind gelehrte und schöne Wissenschaften, die für andre Endzweck sind, nur Mittel und Erholung; und so gross deine Neigung dafür sein mag: so wirst du doch am Ende Handlungen den Vorzug vor Genüssen geben; du wirst dich nicht geboren fühlen, die Menschen bloss zu belehren oder zu belustigen, sondern zu behandeln und zu beherrschen.

Es wäre gut, wenn du den Minister gewännest und dadurch die Kenntnisse des Regierungs- und Kammerwesens, die er dir geben kann; denn in dem Abrisse eines Landes, so wie eines Hofes, besitzest du die Grundzüge eines jeden grösseren, wozu du auch gelangen und dich bilden sollst. Es ist mein Wunsch, dass du sogar dem Fürsten und dem hof lieb wirst, weniger weil du Konnexionen als weil du Erfahrungen brauchst. Nur durch Menschen besiegt und übersteigt man Menschen, nicht durch Bücher und Vorzüge. Man muss nicht seinen Wert auslegen, um die Menschen zu gewinnen, sondern man muss sie gewinnen, und dann erst jenen zeigen. Unglück ist nichts wie Unverstand, und nicht sowohl durch Tugend als durch Verstand wird man furchtbar und glücklich. – Du hast höchstens die Menschen zu fliehen, die dir zu ähnlich sind, besonders die ädeln." – Das ätzende Sublimat seines Spottes bestand hier nicht darin, dass er "ädel" mit einem akzentuierten ironischen Tone sagte, sondern dass er es wider Erwarten kalt ohne einen sagte. Albanos Hand war in seiner schon längst vom Herzen an der stählernen eckigen Ordenskette herabgeglitten auf das goldene metallisch-kalte Lamm daran. Der Jüngling hatte, wie alle Jünglinge und Einsiedler, zu harte Begriffe von Hof- und Weltleuten, er hielt sie für ausgemachte Basilisken und Drachenwiewohl ich das noch entschuldigen will, wenn er nur mit den Naturforschern unter den Basilisken nichts versteht als ungeflügelte Eidechsen, und unter den Drachen nichts als geflügelte, so dass er sie für nichts als für kalte, fast so fatale Amphibien, wie Linné solche definiert, ansieht –; ferner hegt' er (so leicht wird Plutarch der Verführer von Jünglingen, deren Biograph er hätte sein können wie ich) mehr Grimm als achtung gegen die Artolatrie (den Brotdienst) unsers Zeitalters, das aber umgekehrt immer den Gott ins Brot verwandeln will, gegen die besten Brotstudien oder Brotwagen, gegen das Machen einer Carrière, gegen jeden, der kein Waghals war und der statt der Sturmbalken und Kriegsmaschinen etwa unsichtbare Magnetstäbe, Saugwerke und Schröpfköpfe ansetzte und damit etwas zog. Jeder Jüngling hat ein schönes Zeitalter, wo er kein Amt, und jede Jungfrau eines, wo sie keinen Mann annehmen will; dann ändern sich beide und nehmen oft sich einander noch dazu.

Als der Ritter die obigen, gewiss keinem Weltmanne anstössigen Sätze vorbrachte: so stieg in seinem Sohne ein heiliger menschenfreundlicher Stolz empor