zum Erheben, aber vier zum Verhüllen? – Das Meer des Lebens ging in hohen Wellen, aber überall leuchtete es auf seiner weiten Fläche, und Funken tropften vom Ruder.
63. Zykel
Ach am Morgen darauf wurde freilich aus dem Abendrote eines ganzen himmels ein trübes Gewölke. Denn Liane ging dem Jüngling in so langen dichten Schleiern dahin. Irgendein Geheimnis der Not wirft kalte Klostermauern zwischen nahen Herzen auf- das ist offenbar. Bis hieher bogen mancherlei Zufälle einige Blumen, die Liane verhüllend über das Herz gezogen, wie die Erdstockwerke in Städten durch Blumen und Reben das Einsehen in die Fenster abwehren, von der dunkelsten Ecke des Hintergrundes weg, in der etwa die Rückseite eines Brustbildes hing, das umgedreht vielleicht dem Grafen glich. Aber noch hängt das Bild mit dem gesicht gegen die Wand. – Indes gleicht ein weibliches Herz oft dem Marmor: der geschickte Steinmetz tut tausend Schläge, ohne dass der parische Block nur in die Linie eines Sprunges reisse; aber auf einmal bricht er auseinander eben in die Form, die der geschickte Steinmetz so lange hämmernd verfolgte.
Am Sonnabend, wo die Ministerin und das Freundinnen-Paar nach Blumenbühl abreisen wollten, um das Begraben und Einweihen anzusehen, kam der Hauptmann nicht nur voll Freude denn er hatte gern aus Liebe zu Rabetten für Lianen zwar nicht die Flügel, aber doch die Flügeldecken machen und aus dreifachem Interesse gegen den Freund am Flugwerk spannen helfen-, sondern auch voll Angst zum Grafen.... Aber ihr Musen! warum sind in der poetischen Welt alle die Begebnisse selten so vielfach motiviert als häufig in der wirklichen? ...
Seine Angst war bloss die, dass sein Vater früher anfahre als seine Mutter ab – denn er kannte den Minister. Letzterer wollte nach seinen Briefen Montags, Dienstags (spätestens am Sonnabend) anlangen; allein dies konnte – da Froulay gern die Seinigen im breiten Spielraum des Erwartens schwimmen liess – noch gewisser drohen, dass er – weil er wie die Basler Uhren immer eine Stunde zu früh bloss in der Hoffnung ausschlug und kam, seine Leute über irgend etwas recht Hässlichem zu ertappen – in jeder Minute zum Hoftore hereinjage. Kam er angejagt, an diesem Vormittage oder in der Minute, wo der Bediente die Tochter in den Wagen hob und die Mutter schon darin sass: so war so viel durch tausend Schlüsse aus der Observanz gewiss, dass beide wieder hinauf mussten in die Zimmer – dass er alle Kisten und Schachteln wieder abpacken hiess und dass er die Landschafts-Direktors-Tochter nach ihren l0000 Bitten – wiewohl ihr schon die zweite auf der Lippe erfröre – freundlich mit ganz spasshafter Gleichmut als einsame Konklavistin im zugemachten Wagen nach haus würde ziehen lassen. Gewisse Menschen und er ist ihr Generalissimus – wissen sich kein süsseres Labsal, als den Ihrigen die Gartentüre irgendeines Arkadiens, wozu sie ihnen nicht die Reiseroute und die Landkarte aufgesetzt, vor der Nase ins Schloss zu werfen und solche gerichtlich zu versiegeln. Kurz vor einer Lustfahrt setzen ohnehin die meisten Eltern Galle ab; konnte Froulay vollends eine verriegeln, so war ihm das so viel, als komm' er von einer rot und munter nach haus. –
Nachmittags um 3 Uhr gingen unsere Freunde unter dem schönsten Himmel spazieren – alles war schon geordnet, Karl wollte morgen nachgehen, Albano erst nach der allgemeinen Rückreise, am Montag (seine zarten Rücksichten und fremde harte entschieden) – und es zog durch das ganze gewölbte Blau kein Nebel als Karls Besorgnis, die zweite Lokation der Fürstenleichen ziehe seinen Vater noch heute her – – als er plötzlich herausfluchte: dort fahr' er. Er kannt' ihn an dem Tiger-Postzug und noch mehr an den lang vorgespannten Vorderpferden. Eine Fegfeuer-Lebens-Minute! – Der Wagen fuhr rasch die Strasse herab – die Vorderpferde zogen noch länger ganz unförmlich voraus – man wunderte sich – endlich wurde die Ziehweite einen Acker lang – das schien ganz unmöglich – als Albanos Adlerauge keine lederne Verbindung zwischen dem Postzug und zuletzt gar entdeckte, dass bloss ein fremder Kerl mit zwei Pferden zufällig vor dem Wagen herreite. Und in dieser Minute sahen sie den offnen Triumphwagen mit der weiblichen Dreieinigkeit langsam die Blumenbühler Höhe hinaufziehen, und das vermengte Tulpenbeet der drei Sonnenschirme schimmerte ihnen lange zurück.
Vierzehnte Jobelperiode
Albano und Liane
64. Zykel
In unserer inneren Welt fliegen so viele zarte und heilige Empfindungen herum, die wie Engel nie den Leib einer äussern Tat annehmen können; so viele reiche gefüllte Blumen stehen darin, die keinen Samen tragen, dass es ein Glück ist, dass man die Dichtkunst erfunden, die alle jene ungebornen Geister und den Blumenduft leicht in ihrem limbus aufbewahret. Mit dieser fass' ich, lieber Albano, deinen herrlich verduftenden Sonntag auf und halte den unsichtbaren Weihrauch fest für die Schneidersche Haut der Welt!
Am Sonntage bezog er das Donnerhäuschen in Lilar. Der Lektor hielt sich mit der Hoffnung aufrecht, der Graf werde das Blumenparterre des neuen Genusses schon bald so platt und welk zusammentreten wie einen Kreuzweg. Es war ein schöner Morgen vom Tau ganz beregnet – ein frischer Wind wehte von Lilar über das blühende Korn – und die Sonne brannte allein in einem kühlen Himmel. Auf der Blumenbühler Strasse zog ein Menschengewimmel hinan, und niemand ging lange allein; auf der Morgenhöhe sah' er seinen Freund Karl mit dem gebognen Federbusch der Sonne entgegensprengen.
Lilars Lüfte flogen Orangenduft-ausatmend entgegen und wehten die Asche weg, die auf den glühenden Altarkohlen jenes ersten herrlichen Sonntags stand. Er ging