Sie bat sie aufgeweckt, ihr noch einmal auf der Harmonika vorzuspielen. Albano pflückte sich bei diesem Antrage einen mässigen Strauss von – Baumlaub. Liane sah sie warnend an, gleichsam als wolle sie sagen: ich verderbe dir wieder deine Munterkeit. Aber sie blieb dabei. Albano überflog bei dem Eintritte ins Wasserhäuschen ein leichtes Erröten über die letzte Vergangenheit und nächste Zukunft.
Liane machte eilig die Harmonika auf, aber das wasser, das Kolophonium der Glocken, fehlte. Rabette wollte unten ein Glas am Springbrunnen füllen, um – beide allein zu lassen; aber der Graf kam ihr aus männlicher Unbehülflichkeit, in eine List schnell einzugreifen, höflich zuvor und holte es selber. Kaum hatte endlich das liebliche gefällige Wesen seufzend die zarten hände auf die braunen Glocken gelegt: als Rabette ihr sagte, sie wolle in die Allee hinunter, um zu hören, wie es sich von weitem anhöre. Gleichsam zum schmerzlichen Sonnenstich einer zu schnellen und grossen Lust fuhr sein Herz auf, er hörte den Siegeswagen der Liebe von ferne rollen, und er wollte in ihn springen und dahinrauschen ins Leben. Die gläubige Liane hielt das Entfernen für einen Schleier, den Rabette über das in den Tönen süss brechende Auge werfen wolle, und zog sogleich die hände von den Glocken; aber Rabette küsste sie bittend, drückte ihr die hände selber darauf und lief hinab. "Das treue Herz!" sagte Liane, aber das arglose helle Vertrauen auf die Freundin rührte ihn, und er konnte nicht Ja sagen.
Wenn in den Fluren Persiens ein Glücklicher, der auf der üppigen Aue tief unter Nelken und Lilien und Tulpen schlief, vor dem ersten Abendrufe der Nachtigall selig die Augen aufschlägt in die laue stille Welt und in die bunte Dämmerung, durch welche einige Goldfaden der Abendsonne glühend fliessen: so gleicht der Selige dem Jüngling Albano im magischen Zimmer – die Jalousiefenster streueten gebrochne Lichter, grüne zitternde Schatten aus, und es dämmerte heilig wie in Hainen um Tempel nur tönende Bienchen flogen aus der lauten fernen Welt durch die schweigende Klause wieder ins Getöse – einige scharfe Sonnenstreife, gleichsam Blitze vor Schlafenden, wurden romantisch neben der Rose hin- und hergeweht – und in dieser träumerischen Grotte mitten im rauschenden wald der Welt wurde die Einsamkeit nicht einmal durch das Schattenwesen eines Spiegels gestört. –
In diesen Zauber liess sie die Töne wie Nachtigallen aus ihren Händen fliegen – die Töne wurden Albano wie von einem Sturme bald heller, bald matter zugetrieben – er stand vor ihr mit gefalteten Händen wie betend und ruhte mit tausend Blicken der Liebe auf der niederschauenden Gestalt. – Einmal hob sie das heilige Auge von Anteil langsam zu ihm auf, aber sie schlug es schnell vor dem Sonnenblick des seinigen nieder.
Nun deckten die grossen Augenlider unbeweglich die süssen Blicke zu und gaben ihr wie ein Schlaf den Schein der Abwesenheit – sie schien eine weisse Maiblume auf winterlichem Boden, die das Blütenglöckchen senkt – sie war eine sterbende Heilige in der Andacht der Harmonie, die sie mehr hörte als machte – nur die rote Lippe nahm sie als einen feurigen Widerschein des Lebens, als eine letzte Rose mit, die den eilenden Engel schmückt o konnte'er dieses Beten der Tonkunst stören mit seinem Wort? –
Mit immer engern Kreisen fassten ihn die magnetischen Wirbel der Töne und der Liebe an. – Und nun da das Ziehen der Harmonika wie das Wasserziehen der stechenden Sonne sein Herz aufleckte – und da die Blitze der leidenschaft über sein ganzes Leben fuhren und das Gebirge der Zukunft und die Höhlen der Vergangenheit beleuchteten und da er sein ganzes Dasein in einen Augenblick zusammenfasste: so sah er einige Tropfen aus Lianens gesenkten Augen quellen, und sie blickte heiter auf, um sie fallen zu lassen – da riss Albano die Hand aus den Tönen und rief mit dem herzzerschneidenden Ton seiner sehnsucht: " Gott, Liane!" –
Sie zitterte, sie errötete, sie sah ihn an und wusste nicht, dass sie fortweinte und ansah und nicht mehr fortspielte. – "Nein, Albano, nein!" sagte sie sanft und zog die Hand aus seiner und verhüllte sich – erschrak über den Stillstand der Töne – und ermannte sich und liess sie wieder langsam strömen und sagte mit zitternder stimme:,"Sie sind ein edler Mensch – Sie sind wie mein Karl, aber ebenso heftig. – Nur eine Bitte! – Ich verlasse die Stadt eine Zeitlang".....
Sein Erschrecken darüber wurde Entzückung, als sie den Ort bestimmte, sein Blumenbühl. Sie fuhr mühsam fort vor dem Erfreueten – ihre Hand lag oft lange auf der Dissonanz im Vergessen der Auflösung – ihre Augen schimmerten feuchter, ob sie gleich nichts weiter sagte als das folgende: "Sein Sie meinem Bruder, der Sie unaussprechlich liebt wie noch keinen, o sein Sie ihm alles! Meine Mutter erkennt Ihren Einfluss – Ziehen Sie ihn – ich sag' es heraus – besonders vom hohen Spiele ab!"
Er konnte kaum das Ja verwirrt beteuern, als Rabette mit der fast unschicklich akzentuierten Botschaft hereilte, dass die Mutter komme. Wahrscheinlich hatte diese Rabettens Alleinsein gesehen. Albano trennte sich mit abgebrochnen Reise-Wünschen von dem Paare und vergass im Sturm, Rabettens Bitte um Besuche zu bejahen. Die begegnende Mutter schrieb sein Feuer dem brüderlichen Scheiden zu.
Indem er durch die Fülle der Jahrs-Zeit eilte, dachte' er an die reiche Zukunft, an Lianens Stammeln und Verhüllen: brauchen nicht schöne weibliche Seelen wie jene Engel vor dem Propheten nur zwei Flügel