sich eng um schöne Formen schlossen. Gewisse weibliche Bilder – wie dieses – regten ihre ganze Seele auf. Sie hatte nämlich in der Kindheit sich von den Heldinnen der Romane und überall von ungesehenen Weibern glänzende Sternbilder in ihren inneren Himmel hingezeichnet, grosse Ideen von ihrem Mute, ihrem himmlischen Wandel, ihrer Erhabenheit über alles, was sie je gesehen, und sie hatte gleichviel Scheu und sehnsucht empfunden, einer zu begegnen. Daher ging sie aus diesem kolossalischen Nymphäum ihrer Phantasie so leicht geblendet und mit solcher feurigen Herzens-achtung reinen Freundinnen und der Gräfin Romeiro entgegen. Gewisse Gemälde führten nun diese Altarblätter wie Kopien zurück. Die Gute dachte nicht daran, aber wohl ihr Freund, dass man dieser liebend niedersehenden Marie die Augen bloss lebendig zu regen und diese Lippen bloss mit Lauten zu erwärmen brauche – dann hatte man Liane.
Der deutsche Herr fuhr fort und legte nun Raffaels Joseph, der den Brüdern einen Traum erzählt, und den ältern Joseph, der dem König einen erklärt, nebeneinander und fing an, die drei Raffaele in Worte zu übersetzen, und das mit so vielem Glück und nicht nur mit so vieler Einsicht ins Mechanische und Genialische, sondern auch mit einer so bestimmten Hervorhebung jedes menschlichen und moralischen Zugs, dass – Alban ihn für einen Heuchler hielt und Liane für einen sehr guten Menschen. Sie ergriff jedes Wort mit einem weit offnen Herzen. Als Bouverot den weissagenden Joseph malte, zugleich als kindlich, unbefangen, still und felsenfest und glühend und drohend: so stand das Urbild an ihrer Seite.
Dem deutschen Herrn entfuhr weiter viel Gedachtes über da Vincis Christus-Knaben im Tempel, über die herrlich vollführte Verbrüderung und Einkindschaft des Knaben und Jünglings in einem Gesicht. – – Liane hatte die Kopie auch kopiert, allein sie und die Mutter verschwiegen es bescheiden. –
Aber endlich störte Franziskus Albani mit seiner "Ruhe auf der Flucht" die bisherige Ruhe. Indem er den Traumdeuter dieser malerischen Träume machte und Rabette scharf auf dem mit dem offnen buch neben Marie sitzenden heiligen Joseph dieses Bildes haftete, sagte Liane unglücklicherweise: "Ein schöner Albani!" –,"Ich dächte nicht," (sagte Rabette leise) "der Bruder ist viel schöner als dieser betende Joseph!" – Sie hatte Albani mit Albano vermengt, ihre ganze Bildergalerie steckte in dem Gesangbuch, dessen Lieder sie mit goldnen roten Heiligen auseinandersperrte. Die andern verstanden nichts – sie kannten ihn nur als Grafen von Zesara –, aber Liane warf auf Rabette süsserrötend einen zärtlich strafenden blick und sah mit stummem Erdulden ein anderes Gemälde näher an. Nie hatte in Albano in welchem sich die stärksten und die zärtesten Gefühle paarten, wie das Echo der Donner lauter und die Musik leiser machtdie bittersüsse Mischung von Liebe und Mitleiden und Schamröte wärmer gearbeitet, und er hätte vor dem Mädchen zugleich knien und doch schweigen mögen.
Der deutsche Herr war fertig und sagte zu den Männern mit einer Miene voll Sieg,"er habe doch noch etwas in der tasche, was es mit den Raffaels aufnehme; und er bitte sie, ins Nebenzimmer zu folgen". Unterwegs merkt' er an, wenige Werke seien mit so herrlicher Freiheit und keckem Mutwillen ausgeführt. Im Zimmer packt' er einen erzenen kleinen Satyr aus, gegen den sich eine eingeholte Nymphe wehrt. "Göttlich," (sagte Bouverot und hielt die Gruppe an einem Faden, um den Rost nicht abzugreifen) "göttlich! Ich setze den Satyr an den Christus!" Wenige haben vom Erstaunen meines Helden nur einen mässigen Begriff, als dieser auf einmal den Kritikus Tugend und Laster an einen runden Tisch ohne Rangstreitigkeiten setzen sah.
Mit einem Feuerblick der Verachtung wandt' er sich ab und wunderte sich, dass der Lektor blieb. Ihm scheint unbekannt zu sein, dass die Malerei wie die Dichtkunst sich nur in ihrer Kindheit auf Götter und Gottesdienst bezogen, dass sie aber später, als sie höher heranwuchsen, aus diesem engen Kirchhof herausschreiten mussten, wie eine Kapelle ursprünglich eine Kirche mit Kirchenmusik war, bis man beides weg liess und die reine Musik behielt. Bouverot hatte die achtung für reine Form in so hohem Grade, dass ihm nicht nur der schmutzigste, unsittlichste Stoff, sondern sogar auch der frömmste, andächtigste nicht den Genuss verunreinigte; gleich dem Schiefer bestand er die beiden Proben, zu glühen und zu gefrieren, ohne sich zu ändern.
Albano hatte die Mädchen durch das Fenster in der Allee gesehen und eilte zum Abschiede von der Schwester hinunter und etwas Wichtigerem. Er kam mit vollern Rosen auf den Wangen, als um ihn glühten, zu einer Grasbank, wo Liane neben der Schwester hinter dem roten Sonnenschirm mit halbgesenkten Augenlidern und seitwärts geneigtem haupt ruhte – sanft in die Ernte des Abends versunken – sonnenrot übergossen vom Schirme – im weissen Kleide – mit einem dünnen schwarzen Kreuzchen auf der zarten Brust – und mit einer vollen Rose; sie blickte unsern Geliebten so unbefangen an, ihre stimme war so schwesterlich und alles so reine sorglose Liebe! Sie sagte ihm, wie sie sich freue auf seinen Jugend-Ort und auf das Landleben und wie Rabette sie überall hinführen werde – und besonders auf die Einweihungsrede, die am Sonntage ihr Beicht-Vater Spener halte. Sie sprach sich ins Feuer durch das Gemälde, wie die grosse Brust des Greises der Klage- und der Siegsgesang über dem Aschengehäuse des fürstlichen Freundes gross bewegen werde.
Rabette hatte nichts im Sinne als die einsame Minute, die sie dem Bruder mit ihr geben wollte.