die im Himmelskörper dieses Jupiter ausgesäet waren. Aber er zerriss jede Karte – Karls schmerzliche Bekenntnisse in jener Nacht löschten alle fremde Nachträge aus – und Albanos herrlicher Glaube, man müsse den Freund ganz decken und ihm ganz vertrauen, wehrte jeden Einfluss ab. O es ist eine heilige Zeit, worin der Mensch für den Altar der Freundschaft und Liebe noch Opfer und Priester ohne Fehl begehrt und – erblickt; und es ist eine zu harte, worin die so oft belogne Brust sich an der fremden mitten im Liebestrunk des Augenblicks die kalte Nachbarschaft der Gebrechen weissagt! –
Da der Lektor überall sah, dass Alban über manche seiner Rügen an Karl, z.B. dessen Wildheit und Unordnung, darum kalt bleibe, weil er selber unter fremdem Tadel gemeinet zu sein glauben konnte, wie die Franzosen (nach Tickness) das Lob eines Fremden an Einheimische richten: so griff er statt der Ähnlichkeit eine vollendete Unähnlichkeit des Hauptmanns an, seinen Leichtsinn gegen das Geschlecht. – Aber damit verdarb er noch mehr. Denn in der Liebe war ihm Karl der höhere Feueranbeter und der Lektor nur der, den die Kohle dieses Feuers schwärzt. Augusti nährte über die Liebe ziemlich die Grundsätze der grossen Welt, die er bloss aus Ehre nie in Taten ausprägte, und gab nur den Erde-nahen Wolkenhimmel der Liebe zu; der Hauptmann aber sprach von einem dritten oder Freudenhimmel derselben, worin nur Heilige die Seligen sind. Augusti sprach nach der Sitte der grossen Welt viel freier, als er handelte, und zuweilen so offen, als speis' er in einem – Brunnensaal; Karl sprach mädchenhaft. Das jungfräuliche Ohr Albanos – das leicht in guten Visitenzimmern abfällt, und das in Studierstuben festsitzt – vereinigt mit seinem Mangel an der Erfahrung, dass sich eine zynische Zunge oft bei den entaltsamsten Menschen, z.B. bei unsern possenreissenden Vorfahren, und eine aszetische in bescheidnen Libertins aufhalte – beides musste den reinen Menschen in einen doppelten Irrtum verwickeln.
So jagte in ihm Augusti immer mehr Sturmvögel auf. Beide standen oft nahe an völliger Trennung und Ausforderung; denn der Lektor hatte zu viel Ehre, um sich vor irgend etwas zu fürchten, und wagte mit kaltem Blut so viel als andere mit heissem.
Jetzt entdeckte Karl nun vollends seinem Freunde, obwohl mit aller Zarteit der Freundschaft, Lianens Bekanntschaft mit jener Tartarus-Nacht. – Der sonst verschwiegene Lektor muss nähere Vorteile durch sein Plaudern suchen, schloss Albano, und nun sog sich die Kröte der Eifersucht, die im lebendigen Baume lebt und wächst ohne sichtbaren Eingang und Ausgang, in seinem warmen Herzen fest. Die unbeantwortete Liebe ist ohnehin die eifersüchtigste. Gott weiss, ob er nicht der Maschinendirektor der mit so vielen Rädern ineinander gehenden Geisterszenen ist. Alles das sind Albanos verhüllte Schlüsse; offne Anklagen waren seinem Ehrgefühl versagt. Aber sein warmes, sich immer aussprechendes Herz forderte eine wärmere Nachbarschaft; und diese fand er, wenn er dem frommen Vater folgte und nach Lilar ins Donnerhäuschen zog – mitten unter die Blumen und Gipfel, um, näher am Herzen der natur gelagert, schöner zu träumen und zu genesen.
Nur eine warme sonnen-helle Stelle war für ihn in Karls historischem Gemälde: es war die Hoffnung nämlich, dass vielleicht bloss die Irrtümer über sein Verhältnis zur Gräfin, aus denen der Bruder Lianen geholfen, ihr das bisherige immer gleich-kalte Benehmen gegen ihn vorgezeichnet haben. Auf diese sonnige Stelle warf Rabette ein Billet, worin sie ihm schrieb, sie reise Sonnabends zu ihren Eltern zurück, weil der Minister komme. Jene Hoffnung – diese Nachricht – die künftig ungünstigern Umgebungen – sein Ziehen nach Lilar, das alles entschied in ihm den Vorsatz, eine einsame Minute an sich zu reissen und darin vor Lianen den Schleier von seiner Seele zu werfen und von ihrer.
62. Zykel
sonderbar durchschnitten sich die Zufälle an dem Tage, wo Albano ins ministerialische Haus zum Abschiednehmen von Rabetten – und von Lianen, sagte in ihm eine zitternde stimme – kam. Rabette winkt' ihn aus dem Fenster in ihr Zimmer. Sie hatte die Ikarusflügel ihres Anzugs in die Kästen zusammengelegt. Über ihr Inneres fuhr ein beugender Sturm hin und her; Karl hatte das Gleichgewicht ihres Herzens durch seine Wärme aufgehoben und es durch kein Wort der Belohnung wieder hergestellt. Gleich den Tauben flattert sie um das hohe Schadenfeuer; o möge sie nicht wie jene mit verzehrtem Gefieder entweichen und wiederkommen und endlich darin zerfallen! – Sie sagte, sie sehne sich zu den Ihrigen, seit sie gestern eine Herde Schafe durch die Stadt treiben sehen. Sie begleiten am Sonnabend Liane und die Mutter, um der Einweihung der Kirche und der Beisetzung des Fürstenpaares beizuwohnen. Er bat sie so schnell und hastig, ihm heute im Garten eine einsame Minute mit der Freundin zuzubereiten, dass er ihre schöne Nachricht von Lianens Zurückbleiben und Aufentalt bei ihr gar nicht hörte.
Leider fand er bei der Ministerin den Vorzeiger herrlicher Gemälde, der wie die natur nicht nur den Anfang seines Lenzes, sondern auch das Ende seines Herbstes mit Giftblumen113 machte, Herrn v. Bouverot. Dian hatte' ihm vier himmlische Kopien aus Rom gesandt; diese schlug er mit trocknem Kunstgaumen auf. Liane empfing den Grafen wieder wie immer. War etwa Raffaels Madonna della Sedia, in deren vom Himmel gesunknes Palladium sich ihre zarte Seele eingesenkt, die Siegelbewahrerin ihres heiligsten Geheimnisses? Der alles vergessende Künstlereifer liess ihr so hold! Ihre Sehnerven waren durch ihr langes Malen gleichsam weiche Fühlfäden geworden, die